Superwahljahr

 

Freude am Dissens

D as Bundespresseamt hat uns da Knüppel zwischen die Beine geworfen“, sagt Joachim Hoell. Der hat eine Biographie über Oskar Lafontaine verfaßt, die Anfang September im Bundespresseamt vorgestellt werden sollte – von keinem geringeren als Gregor Gysi. Der kommentierte den kurzfristigen Rückzieher des Bundespresseamtes und die Überraschung des Dirk Lehrach Verlags als einfältig. „Es ist naiv zu glauben, ich dürfe dieses Buch in dieser Zeit über Oskar Lafontaine vorstellen“, sagte Gysi bei der Pressekonferenz im Haus des Deutschen Beamtenbundes. Dorthin war die Journalistenschar kurzfristig hindirigiert worden. Oskar Lafontaine war immer gut für propagandistische Paukenschläge. Deswegen trägt Hoells Buch auch den Titel „Provokation und Politik“. Bereits seit seinem ersten landesweiten politischen Auftritt 1969, in dem er den damaligen CDU-Ministerpräsidenten Franz Josef Röder der Korruption bezichtigte, besetzte Lafontaine das Prädikat des Enfant terrible der Sozialdemokraten. Aufgewachsen ist Lafontaine ohne Vater. Dessen Tod wurde erst 1952 verifiziert. Bis dahin hoffte die Mutter auf eine Rückkehr aus der Gefangenschaft des gelernten Bäckers. Es ist ein typisches Nachkriegsschicksal. Der 1943 geborene Oskar Lafontaine und sein Zwillingsbruder Hans wurden von der alleinerziehenden Mutter und der katholischen Kirche aufgezogen. Oskar war ein frecher Schüler, der deswegen auch die Bekanntschaft mit der Gerte gemacht haben dürfte – damals gab es noch die Prügelstrafe. Eigentlich sollte er Priester werden und kam deswegen als Zehnjähriger mit seinem Bruder auf ein katholisches Internat. Latein, Griechisch und Französisch standen auf seinem Stundenplan. Weder Oskar noch sein Bruder hielten an dem Internat durch. Beide verließen die Bildungseinrichtung vorzeitig. Seine Lehrer werden von Hoell fast ausschließlich als Altnazis dargestellt. Immerhin: Einer soll Oskar später wilde Pöbelbriefe wegen seiner „moskau-hörigen“ Haltung geschrieben haben. Er sei ein „Vaterlandsverräter“, ließ der frühere Erzieher seinen Schüler wissen. Was folgte, war das Physikstudium in Bonn. An der Bonner Universität warf 1968 seine Schatten voraus: Als Lafontaine das Studium 1962 aufnahm, ging es um NS-Vergangenheit und die Verwicklungen der Kirche in diese. 1966 trat Lafontaine in die SPD ein. Eine der Hauptquellen des Buches ist Reinhard Klimmt. Der längst vergessene Nachfolger als saarländischer Ministerpräsident war seit Juso-Tagen stets an Oskars Seite. Er war immer der zweite Mann, aber er hat auch maßlos vom Erfolg Lafontaines profitiert. Nach seinem Scheitern als Ministerpräsident vergeigte er auch noch seinen Kurzauftritt als Verkehrsminister. Klimmt taugt heute wirklich nur noch, um Auskunft über den ehemals starken Mann der SPD zu geben. In der Partei galt Lafontaine zeitweise auch als Rechter. An den Studentenprotesten hat er nicht wirklich teilgenommen. Er hat erkannt, daß Macht nur über die Partei zu erlangen ist. Deswegen wurde dem innerparteilichen Machtkampf alles andere untergeordnet. Trotzdem geriet er bereits früh ins Visier der Mächtigen in Pankow. 1968 hatte er Kontakt zu SED-Reisekadern, die zu Tausenden die protestierenden Studenten aufhetzten. Insbesondere zielte die SED-Strategie darauf ab, rechte Sozialdemokraten mittels der linksradikalen Jusos anzugreifen und zu schwächen. Die Fakten, die Hoell vorlegt, beweisen, wie weit sich Lafontaine an Ost-Berlin angenähert hatte.Lafontaine hat nie einen seiner Qualifikation entsprechenden Beruf ausgeübt. Von der Universität wechselte er in den öffentlichen Dienst. Seinen ersten Job trat Lafontaine bei den Saarbrücker Verkehrsbetrieben an, die auch noch den Namen „Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft“ trugen. In der Tat war das SPD-Mitglied Lafontaine, der auch schnell der ÖTV beitrat, von nun an „gut versorgt“. Der Autor des Buches macht aus seiner eigenen Einstellung keinen Hehl. So schildert er die Brandt-Ära in schillernden Farben und nennt den Kniefall in Warschau „den größten außenpolitischen Erfolg“ der sozialliberalen Koalition. Lafontaine war damals noch zur Kommunalpolitik verdammt. Also wurde er als Saarbrücker Bürgermeister zum Vordenker der Eindämmung des Individualverkehrs. Steuern und Abgaben wurden unter ihm erhöht. Später machte er sich Freunde bei der Friedensbewegung, als er gegen das Atomkraftwerk Cattenom und vor US-Kasernen gegen den Nato-Doppelbeschluß wetterte. Als Landespolitiker gelang es ihm später mit seiner Linksaußen-Strategie sogar, die Grünen aus dem Landtag herauszuhalten. Und als Kanzlerkandidat verhinderte Lafontaine 1990 sogar den Wiedereinzug der linken Konkurrenz in den Bundestag. 1982 reiste er erstmals zu Honecker. Im Gegenzug kam die FDJ nach Saarbrücken. Für seinen Duz-Freund Honecker stellte Lafontaine als erster die Zahlungen an die Zentrale Erfassungsstelle Salzgitter ein. Er forderte sogar die Anerkennung der DDR-Staatsbürgerschaft. Für den Autor ist er damit zum Brückenbauer zwischen Ost und West geworden. Die Wähler sahen dies 1990 anders. Ohne Wiedervereinigung wäre Lafontaine vielleicht Kanzler geworden. Aber die deutsche Einheit rettete das politische Überleben des 1989 stark angeschlagenen Helmut Kohl. Dies war die erste politische Niederlage für Lafontaine. Er hatte mit seiner Anti-Haltung gegenüber der Wiedervereinigung keinen Hauch einer Chance. Lafontaine hatte immer ein Problem mit der Nation. Asylbewerber stünden ihm näher als Rußlanddeutsche, hat er einmal gesagt. Solidarität mit Auslandsdeutschen war für ihn „Deutschtümelei“. Der Autor argumentiert abstrus: Der Grund dafür sei, daß sich die Saarländer nicht als richtige Deutsche fühlten. Man sei eher Frankreich verbunden. 1995 gelang Lafontaine der Coup, als er Rudolf Scharping als SPD-Vorsitzenden stürzte. 1998 stärkte er Schröder den Rücken. Als Superminister nahm ihn dafür Schröder in sein Kabinett auf. Doch Schröder ließ ihn bald fallen. Alle – von der Presse bis hin zu Wirtschaftsvertretern – hatten sich auf Lafontaine eingeschossen. Von der Bild bis zum Handelsblatt wurde der neue Finanzminister gescholten. Selbst die ausländische Presse feuerte Salve um Salve auf den „gefährlichsten Mann Europas“ (The Sun). Es war eine regelrechte mediale Hetzjagd, die gegen den linken Bundesminister durchgeführt wurde. Und sie hatte Erfolg. Lafontaine schmiß 1999 alles hin. Er hatte nicht annähernd soviel Sitzfleisch wie der jahrelang von der Linken als „Birne“ verunglimpfte Helmut Kohl. „Provokation und Politik“ ist eine klassische Biographie ohne Zeitsprünge. Auch verzichtet Hoell auf eine tiefergehende Analyse von Lafontaines Denken oder Handeln. Man hat das Gefühl, er habe Zeitungsausschnitte chronologisch aneinandergereiht und eine Zusammenfassung derselben verfaßt. Für Gysi als „ehemaligen DDR-Bürger“ ist es ein interessantes Geschichtsbuch. Aber selbst er findet, daß viele Fragen unbeantwortet bleiben: „Warum hat er 1998 nicht als Kanzler kandidiert? Warum hat er 1999 nicht gekämpft? Hat das alles mit dem feigen Attentat von 1990 zu tun?“ Nebenbei plaudert Gysi darüber, daß er in letzter Zeit oft mit Lafontaine telefoniert habe. Er sonnt sich wie immer ein bißchen in der Prominenz anderer und spekuliert darüber, was Lafontaine in Zukunft machen wird: „Lafontaine wird abwarten, was nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen geschieht.“ Eigentlich wolle Lafontaine keine andere Partei. Wenn die Wahl jedoch einen Machtwechsel in Düsseldorf zur Folge habe und Schröder seine Politik noch immer nicht ändere, dann würde Lafontaine zur Linkspartei wechseln. Der Niedergang der SPD tue ihm weh, heuchelt Gysi. Verständnis für Schröders Kurs hat Gysi jedoch nicht: „Die letzte Stütze unter Kohl war höher als im Januar 2005. Die Körperschaftssteuer unter Kohl war höher als unter Schröder. Die Bundesbankgewinne wurden unter Kohl noch versteuert. Und der Spitzensteuersatz lag unter Kohl noch bei 53 Prozent, jetzt nur noch bei 45 Prozent.“ Joachim Hoell: Oskar Lafontaine. Provokation und Politik. Eine Biographie. Dirk Lehrach Verlag, Braunschweig 2004, 225 Seiten, broschiert, 19,80 Euro

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