Aus eigener Kraft zu neuem Lebensmut

Die traditionelle Neujahrstagung des Bundes deutscher Nordschleswiger, der Dachorganisation der deutschen Minderheit im dänischen Nordschleswig, war aus zweierlei Gründen bemerkenswert: Zum einen ging es um die erhebliche Sorge der deutschen Volksgruppe über den drohenden Verlust an Einfluß nach der dänischen Regionalreform, und zum anderen kam kein Beobachter um die Feststellung herum, daß die deutsche Volksgruppe selten nach dem Kriege so viel Selbstbewußtsein ausstrahlte wie in diesem Jahr. Vom 8. bis zum 11. Januar versammelten sich die Funktionsträger der deutschen Minderheit in der südlich der Grenze gelegenen Akademie Sankelmark, um sich intensiv mit der eigenen Situation zu befassen und über die aktuellen Probleme in der Bundesrepublik Deutschland zu informieren. So viele deutsche Vorstandsmitglieder, Bezirks- und Ortsvereinsvorsitzende der Minderheit und ihrer politischen Partei, der Schleswigschen Partei (SP), so viele Schulleiter und Lehrer der 17 Schulen, so viele Erzieherinnen der 23 Kindergärten, so viele Aktivisten der deutschen Kultur-, Jugend- und Sportvereine in Nordschleswig waren noch nie zusammengekommen. Insgesamt zählte man 230 Personen, die unter der Leitung der Hauptvorsitzenden des Bundes deutscher Nordschleswiger, des Tierarztes Hans Heinrich Hansen, intensiv die im großen Ganzen zwar zufriedenstellenden Verhältnisse im deutsch-dänischen Grenzland diskutierten, die aber sehr wohl immer wieder kritisch beleuchtet werden müssen, wenn die deutsche Volksgruppe ihren in Jahrzehnten in zähem Ringen um Selbstbehauptung erhaltenen Standard bewahren will. Da gemäß den Bonn-Kopenhagener Erklärungen die Zugehörigkeit zu einer Minderheit im deutsch-dänischen Grenzgebiet vom Staate nicht geprüft oder erfaßt werden darf, ist die Zahl jener, die sich zur deutschen Volksgruppe rechnen, nicht bekannt. Man geht von 15.000 bis 20.000 Personen in Nordschleswig aus, dem Teil des historischen Herzogtums Schleswigs, der von 1864 bis 1920 zu Deutschland gehörte – Menschen also, die zwar dänische Staatsbürger sind, sich aber zur deutschen Kulturgemeinschaft zählen. Bislang waren die Vertreter der Schleswigschen Partei in den Parlamenten zahlreicher Kommunen, aber auch im Amtsrat (hier mit einem Sitz) vertreten. Diese kommunalen Körperschaften sind mit den Gemeinden und Kreisen in Deutschland nur schwer zu vergleichen. Die dänischen Gemeinden und Ämter haben viel weitergehende Kompetenzen als die deutschen, was sich vor allen Dingen in ihrer Souveränität ausdrückt, Steuersätze festzulegen und die eingenommenen Steuern nach ihren Vorstellungen auszugeben. Nach Auffassung der dänischen Regierung aber ist die bisherige Organisation von Ämtern und Kommunen nicht mehr effektiv genug. Sie hat daher im Oktober 2002 beschlossen, eine Neuordnungskommission von zwölf Mitgliedern zu berufen, die Vorschläge für eine regionale Neugliederung erarbeiten soll. Das ist soeben geschehen. Die Modelle fallen sehr unterschiedlich aus. Sie reichen von der Vorstellung, daß der Staat, Ämter und Kommunen die gleichen Aufgaben wie heute behalten, daß jedoch deren Anzahl reduziert wird. Das heißt, daß jede Gebietskörperschaft sehr viel größer wird, bis zu der radikalen Form, daß die Ämter (Kreise) ganz und gar aufgegeben werden und es nur einige riesige Kommunen gibt, die allein gemeinsam mit dem Staat ihre öffentlichen Aufgaben wahrnehmen. In allen Fällen aber bedeutet die geplante Reform für die deutsche Volksgruppe einen Verlust an politischer Präsenz und eine ernsthafte Gefährdung ihres politischen Einflusses und des kulturpolitischen Profils. Daher hatte die Delegiertenversammlung des Bundes deutscher Nordschleswiger bereits im April des vorigen Jahres in einer Entschließung die Auflösung der Ämter und die Zusammenlegung von Gemeinden grundsätzlich abgelehnt, war sich aber im klaren, daß sie sich damit vermutlich nicht durchsetzen werde. Nun fordern die Vertreter der deutschen Minderheit, daß durch Sonderregelungen die Interessen ihrer Volksgruppe entsprechend den Absichten des Rahmenübereinkommens des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten berücksichtigt werden. Drohender Einflußverlust in der Kommunalpolitik Die in Sankelmark zu einer Podiumsdiskussion erschienenen Vertreter der Fraktionen der dänischen Parteien im Reichstag („Folketing“) waren sich einig darin, daß die deutsche Minderheit unter der kommunalen Neuordnung nicht leiden dürfe. So ist zu hoffen, daß bis zu dem Termin, in dem nach zahlreichen Anhörungen in drei Monaten die Regierung ihren eigenen Entwurf im Folketing einbringt, auch für die deutsche Seite erträgliche Lösungen gefunden werden. Unabhängig von dem drohenden Einflußverlust der deutschen Volksgruppe strahlten die anwesenden Vertreter in Sankelmark erfreulichen Optimismus aus. Es fiel ins Auge, daß der Anteil der jungen deutschen Nordschleswiger weitaus höher war als in der Vergangenheit und daß aus zahlreichen Äußerungen zu erkennen war, wie sehr viele bemüht waren, das deutsche Profil der Volksgruppe und ihrer Institutionen zu schärfen. So erklärte die Vorsitzende des Trägervereins der deutschen Nachschule in Tingleff, die Pastorin Christa Hansen, frisch und unbefangen, die Attraktivität dieser an sich typisch dänischen, aber in Tingleff von der deutschen Minderheit betriebenen Nachschule auch für Dänen führe sich darauf zurück, „daß wir eindeutig deutsch sind und die deutschen Tugenden betont in den Vordergrund stellen“. Der Vorsitzende der Jugendorganisation der deutschen Schleswigschen Partei (SP), die sich „Die jungen SPitzen“ nennt, Jesper Jessen, konnte stolz konstatieren, daß sie mit 200 Mitgliedern die größte politische Jugendorganisation in ganz Nordschleswig sei. Und er fügt am Schluß seines Rechenschaftsberichtes hinzu: „Und auch wenn durch die Regionalreform unser politischer Einfluß zurückgehen sollte, bleiben wir trotzdem deutsche Nordschleswiger!“ Der Vorsitzende des Deutschen Jugendverbandes für Nordschleswig, Klaus Wittmann, stellte fest, daß die Anzahl der Mitglieder von 1.667 im Jahre 2002 auf 1.891 im vergangenen Jahre angestiegen sei. Eine nicht nur amüsante Bemerkung am Rande: Die dänische Nationalmannschaft im Faustball wird ausschließlich aus Mitgliedern der Faustballmannschaften der deutschen Volksgruppe gestellt. Sie hat sich bei den letzten Weltmeisterschaften in Brasilien bis in die A-Gruppe vorgekämpft. Der Vorsitzende des Deutschen Schul- und Sprachvereins für Nordschleswig, der Landwirt Joachim Schramm, konterte selbstbewußt den Einwand, Eltern könnten unter Umständen ihre Kinder aus einer deutschen Schule abmelden: „Wer kann denn so blöde sein, aus unseren Schulen wegzulaufen?“ So überzeugt ist er – nicht zu Unrecht – von dem guten Ruf der deutschen Schulen. Und noch etwas muß positiv hervorgehoben werden: In früheren Jahren – unter einem Direktor, der zur 68er Generation gerechnet werden muß – hatte sich das Deutsche Gymnasium in Apenrade von der deutschen Volksgruppe entfernt. Eine neue Direktorin sorgt nun dafür, daß die Abschlußklassen vor dem Abitur an der Sankelmark-Tagung der Volksgruppe aktiv teilnehmen und so in die Organisationen der deutschen Minderheit hineinwachsen. Auch wenn die jetzige Bundesregierung an der deutschen Volksgruppe weniger interessiert ist – was aus den zurückgehenden Zuschüssen aus Berlin für die Institutionen der Minderheit hervorgeht -, so ist nicht zu übersehen, daß offensichtlich die deutsche Volksgruppe aus eigener Kraft zu neuem Lebensmut gefunden hat.

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