Viele Schwätzer dürfen sich freuen

Es gibt bei uns zu viele Literaturpreise, darüber sind sich schon längst alle einig. Trotzdem kommen immer neue hinzu, weil ehrgeizige Erblasser, statt ihr Geld den Waisen und Behinderten zu hinterlassen, es in eine Preisstiftung zu ihrem eigenen Gedächtnis stecken. Jetzt ist der Siegfried-Unseld-Preis hinzugetreten, gestiftet von dem jüngst verstorbenen Frankfurter Verleger Unseld (Suhrkamp, Insel), der mit 50.000 Euro dotiert ist und ab 2004 alle zwei Jahre verliehen werden soll. Die Wahrheit ist: Es gibt gar nicht so viele preiswürdige Literaten, wie es Preise gibt. Der teuerste deutsche Literaturpreis, der Joseph-Breitbach-Preis für den qualitätsvollsten deutschen Unterhaltungsroman (125.000 Euro), wird vom zuständigen Preiskomitee voller Verlegenheit seit Jahren schon gestückelt (und trotzdem regelmäßig unter Wert verliehen), weil überzeugende Kandidaten fehlen. Dem Siegfried-Unseld-Preis dürfte es kaum anders ergehen. Er soll – außer für Belletristik – auch für „wissenschaftliche Prosa“ zugesprochen werden können, gewissermaßen die Preispolitik der Darmstädter Akademie übertrumpfend, die neben ihrem „belletristischen“ Büchner-Preis jeweils noch den „essayistischen“ Merck-Preis und den „wissenschaftlichen“ Freud-Preis verleiht. Viele leere Schwätzer dürften sich jetzt schon auf den Unseld-Preis freuen. Wie wäre es denn, wenn man endlich einmal, statt pompöser Preise für einzelne, eine kontinuierlich fließende Förderung für Bibliotheken, Theater, Nachwuchswerkstätten, „Künstler in Not“, „Orchideenfächer“ usw. stiftete? Alle diese Institute sind pekuniär in äußerster Bedrängnis, und es wird immer schlimmer. Das Geld, das reiche Erblasser an solche Einrichtungen weiterleiteten, würde à la longue auch der Literatur im ganzen zugute kommen.

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