Unter einem Dach

Daß die derzeitige Situation der öffentlichen Bibliotheken schon seit Jahren durch eine vielerorts prekäre Haushaltslage nicht zum besten bestellt ist, kann fast jeder Nutzer solcher Einrichtungen regelmäßig registrieren. Der Erwerb neuer Fachliteratur wird immer schwieriger, die Bestandslücken durch nicht zu ersetzende Exemplare erreichen besorgniserregende Ausmaße. Besonders betroffen ist hiervon die Bibliothekslandschaft Mitteldeutschlands, wo allein die Sanierung der vorhandenen – zumeist stark maroden – Gebäudekomplexe in den nächsten Jahren gewaltige Summen verschlingen wird. Von Neubauten können die meisten Einrichtungen derzeit nur träumen. So nimmt das erst seit wenigen Tagen für die Besucher geöffnete neue Domizil der Dresdener Landes- und Universitätsbibliothek, dessen Bau- und Ausgestaltungskosten sich auf insgesamt über 100 Millionen Euro belaufen, eine absolute Ausnahmestellung ein. Es ist der erste (öffentliche) Bibliotheksneubau auf dem Gebiet der neuen Bundesländer seit den gesellschaftlichen Umbrüchen von 1989/90. Daß in den Zeiten chronisch leerer kommunaler Kassen überhaupt die langfristigen Vorplanungen für ein neues Gebäude in die Realität umgesetzt werden konnten, ist hauptsächlich auf eine Fusion zweier Institutionen mit großer Tradition zurückzuführen: 1996 verschmolzen die Universitätsbibliothek Dresden und die Sächsische Landesbibliothek zur „Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden“ (SLUB Dresden). Von dieser Maßnahme erhoffte man sich einen effizienteren Einsatz der immer knapperen finanziellen Mittel von Stadt und Land, die nun eine Institution weniger alimentieren mußte. Über die lange Geschichte der beiden ehemals selbständigen Bibliotheken informiert die erste Sonderausstellung im neuen Komplex, die unter dem Titel: „Eine Bibliothek – zwei Geschichten“ bis zum 22. April besichtigt werden kann: Bereits im Jahr 1556 begann Kurfürst August von Sachsen eine „Liberey“ aufzubauen, die als Gelehrtenbibliothek dienen sollte. Durch den Erwerb der Maya-Handschrift, die unter der späteren Bezeichnung „Codex Dresdensis“ besser bekannt ist, sowie den Bibliotheken der Grafen Bünau (42.000 Bände) und Brühl (62.000 Bände) zählte die Sammlung bereits Mitte des 18. Jahrhunderts zu den bedeutendsten ihrer Art in Deutschland. 1788 wurde sie für die breitere Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 1806 wurde ihr die Bezeichnung „Königliche Öffentliche Bibliothek“ verliehen, 1917 „Königliche Sächsische Landesbibliothek“. Seit dem Umsturz von 1918 heißt sie „Sächsische Landesbibliothek“. Aber auch die Universitätsbibliothek kann auf eine über 150jährige Tradition verweisen: 1828 bis 1851 wurden die ersten Bestände der damaligen „Bibliothek der Königlich-Sächsischen Bildungsanstalt“ – später Technischen Hochschule und schließlich Universität – zusammengetragen. Bei der Betrachtung des neuen Komplexes in der Südstadt der Elbemetropole sollte man sich allerdings nicht allzu sehr an den traditionellen Maßstäben orientieren. Besonders reizvoll wirkt das quaderförmige Gebilde, das auf einem alten Sportplatz des Universitätsgeländes errichtet wurde, selbst im Vergleich zu seiner Nachbarbebauung aus der Stalinzeit wahrlich nicht. Im Inneren hebt sich der neue Komplex von seiner Anlage und den verwendeten Materialien kaum von der Standardausstattung den meisten westdeutschen Landes- und Universitätsbibliotheken ab, die seit den siebziger Jahren errichtet wurden. Dankenswerterweise wurde allerdings auf eine allzu große Sichtbarkeit großer grauer Betonmassen verzichtet. Knappe 30.000 Quadratmeter Grundfläche verteilen sich auf drei Stockwerke: Statt dem sonst üblichen Aufbau, der vom Erdgeschoß aus in die höheren Etagen reicht, betritt der Besucher der SLUB im Eingangsbereich bereits das oberste Geschoß, an das sich zwei Untergeschosse anschließen. Während Erdgeschoß und zweites Untergeschoß die klassischen Objekte einer Bibliothek – Bücher und Zeitschriften – beherbergen, stehen dem Benutzer im ersten Untergeschoß elektronische Medien – CDs, Videos und DVDs – zur Verfügung. Der zentral gelegene, nahezu quadratische Lesesaal befindet sich im untersten Stockwerk und kann sowohl vom ersten Untergeschoß als auch vom Erdgeschoß aus eingesehen werden. Dieser Blick zählt zu den eindrucksvollsten Perspektiven, die das neue Gebäude bietet. Trotz der deutlich erweiterten Gesamtfläche wird ein Teil der universitären Fachbereichsbibliotheken, wie zum Beispiel Medizin, an ihren bisherigen Standorten verbleiben, andere Bereiche wie die Wirtschaftswissenschaften ziehen in das ehemalige kleinere Zentralgebäude. Damit werden auch weiterhin Büchertransporte innerhalb der SLUB notwendig sein, wenn auch im weitaus geringerem Maße als bisher. Doch auch die Erwartung, daß mit dem Eröffnungstermin nunmehr an einem Ort alle ehemaligen Bestände aus dem Bereich der Zentralbibliothek, der Zweigbibliotheken Geistes- und Sozialwissenschaften, Sprach- und Literaturwissenschaften, Biologie/Wasserwesen, Chemie, Physik/Psychologie, Mathematik, der Lehrbuchsammlung sowie der Sondersammlungen im neuen Komplex geschlossen dem Nutzer zur Verfügung stehen würden, ist bislang noch nicht erfüllt worden. So werden beispielsweise die Zeitschriften- und Zeitungs-Altbestände der einstigen Landesbibliothek wohl auch in den kommenden Jahren weiterhin ihren alten Standort in der entfernten Marienstraße behalten. Ein Einblick vor Ort ist indes dort nicht mehr möglich, so daß – laut Auskunft des Informationspersonals – mit Laufzeiten von „ca. drei Tagen“ gerechnet werden muß. Dabei macht es nachdenklich, daß diese Regelung Bestände betrifft, die gerade auch für auswärtige Wissenschaftler von besonderem Interesse sind, wie zum Beispiel Lokal-Ausgaben alter sächsischer Tageszeitungen. Nahezu 1.000 Arbeitsplätze inklusive des Lesesaales können in der neuen Landesbibliothek von ihren Besuchern genutzt werden. Diese Nutzerkapazität ist sicherlich nicht zu hoch angesetzt worden: Seitdem die Zahl der Bibliotheken, die zumindest noch so finanzstark sind, um wenigstens einen Teil der neueren Fachliteratur zu beschaffen, stark gesunken ist, konzentriert sich die Masse der Besucher immer mehr auf die wenigen noch verbliebenen Einrichtungen. So sind Zustände wie in der
Berliner Staatsbibliothek in den letzten Monaten keine Seltenheit mehr, die häufiger während der Nachmittagsstunden aufgrund von Überfüllung für einige Stunden für neue Besucher gesperrt werden muß. Die Öffnungszeiten der neuen SLUB wurden – im deutschen Vergleichsmaßstab – äußerst besucherfreundlich gestaltet. So können die zentralen Bibliothekseinrichtungen von Montag bis Freitag zwischen 9 und 22 Uhr, am Samstag zwischen 9 und 18 Uhr genutzt werden. Zu kämpfen hat die Leitung der Bibliothek vor allem mit den Folgen der jüngsten massiven Haushaltskürzungen, nach denen der Gesamtetat um bis zu 20 Prozent niedriger als in den Vorjahren ausfallen sollte. Bereits im vergangenen Juni – mitten in der heißen Phase des Umzuges – führte das Gremium scharfe Klage gegen die Maßnahmen, die aus ihrer Sicht die zukünftige Beschaffung neuer Fachliteratur außerordentlich erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen würden. Die Debatte wurde allerdings seit dem nur wenige Wochen später folgenden Jahrhunderthochwasser, dem auch ein Großteil der Bestände der forstwirtschaftlichen Fachbereichsbibliothek in Tharandt zum Opfer fiel, zunächst auf Eis gelegt. Doch noch immer sind die Gefahren neuer Einschnitte nicht gebannt. Es bleibt also nur zu hoffen, daß diese Situation nicht in die Groteske mündet, daß Dresden zwar über das neuwertigste Bibliotheksgebäude, doch nicht über die Dinge verfügt, für deren Aufbewahrung es eigentlich errichtet wurde. Ekkehard Schultz Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden, Zellescher Weg 18, 01069 Dresden. Tel: 03 51 / 4677-379 / 390, E-Post: infverm@slub-dresden.de .

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