Versöhnung mit der Geschichte

In diesem Jahr wird in Posen der 750. Jubiläum der Stadtgründung gefeiert. Aus Anlaß dieses Jubiläums hat die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) zusammen mit dem Posener Kulturzentrum „Zamek“ eine kleine Wanderausstellung mit dem Titel „Kaiserschloß Posen – Von der ‚Zwingburg im Osten‘ zum Kulturzentrum ‚Zamek'“ konzipiert. Bis zum 12. Oktober können sich Besucher im Neuen Palais in Potsdam und anschließend ab 10. November in Posen erstmals einen detaillierten Eindruck von der hundertjährigen Geschichte dieses imposanten Bauwerkes verschaffen, das heute den größten noch erhaltenen Schloßbau der Hohenzollern darstellt. Im September 1902 weilte Kaiser Wilhelm II. für mehrere Tage in der Warthestadt. Unmittelbarer Anlaß des Besuches war neben der Besichtigung der gerade fertiggestellten Kaiser-Wilhelm-Bibliothek die Einweihung des Kaiser-Friedrich-Denkmales. Während dieser Visite gab der Monarch mit der Order, die alten Stadtbefestigungsanlagen im Westen und Süden der Posener Altstadt zu entfernen, um Raum für eine neue Bebauung zu schaffen, einen wichtigen Fingerzeig für die zukünftige Stadtentwicklung. Erst durch diesen Abriß wurde es möglich, den nach der Rückkehr nach Berlin beim Kaiser gereiften Plan umzusetzen, eine der entstandenen Lücken mit einem Kaiserschloß zu bestücken. Am 23. Dezember 1903 erteilte Wilhelm II. dem Architekten Franz Schwechten, dessen Planungen des Anhalter Bahnhofs und der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin dem kaiserlichen Geschmack entsprochen hatten, einen entsprechenden Auftrag. Im Jahr 1905 begannen die Bauarbeiten. Am 25. August 1910 konnte die Einweihung des über 600 Räume umfassenden Gebäudekomplexes – architektonisch eine Mischung von Romanik und Historismus – gefeiert werden. Doch erst drei Jahre später konnte der Bau mit der Fertigstellung der Kapelle als offiziell beendet gelten. Die praktische Bedeutung des Kaiserschlosses war bis zum Ende des Ersten Weltkrieges gering. Nur sehr selten hielt sich in den wenigen Jahren zwischen der Fertigstellung des Wohntraktes und dem Beginn des Weltkrieges die kaiserliche Familie in Posen bzw. im dortigen Gebäudekomplex auf. Nach dem Ersten Weltkrieg diente das Schloß zunächst als Repräsentationsobjekt der Polnischen Republik, bevor es Ende 1919 in die Verwaltungshoheit der neu gegründeten Posener Universität überging. Fortan wurde der Thronsaal für Festessen und Empfänge genutzt. Die Veränderungen im Inneren des Schlosses blieben bis Mitte der zwanziger Jahre marginal. Erst 1929, nach der Gründung der Zweiten Republik, wurden die Symbole der kaiserlichen Macht wie Adler, deutsche Schriftzüge und Kaiserbildnisse entfernt und der Kaiserthron aus Marmor in den Gnesener Dom überführt. 1939 – nach dem Einmarsch der deutschen Truppen – wurde Posen zur Hauptstadt des Reichsgaus Posen ernannt, später des Warthelandes. Neueren Forschungen zufolge erfolgte die Umgestaltung des Schlosses im Auftrage Hitlers zur „Führer- und Gauresidenz“ durch Albert Speer. Im ersten Stock wurde die Kapelle entfernt und die ehemalige Kaiserwohnung zur Privatwohnung Hitlers umgebaut. Im zweiten Stock entstanden Arbeitsräume für Gauleiter Arthur Greiser., im Obergeschoß befand sich dessen privat genutzter Bereich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Abriß des zwar nahezu unbeschädigten, jedoch als „ideologisch belastet“ betrachteten Gebäudes beschlossen, jedoch immer wieder aufgeschoben. Vorerst zogen erneut – wie bereits nach dem Ersten Weltkrieg – Teile der Universität im Komplex ein. Anfang der fünfziger Jahre hatten hier mit dem Einzug des „Neuen Rathauses“ städtische Verwaltungsbehörden ihren zentralen Sitz. Während des oppositionellen Aufstandes von 1956 stellten das Gebäude und seine unmittelbare Umgebung einen Brennpunkt der Ereignisse im Raum Posen dar. 1962 zogen die ersten Mitarbeiter des bis heute darin ansässigen polnischen Kulturzentrums „Zamek“ in den Schloßkomplex ein. In den kommenden Jahren wurden ein Kino, ein Theater sowie Ausstellungsräume eingerichtet, die sich rasch zu zentralen Anlaufpunkten entwickelten. Der ehemaligen kaiserlichen Städtegalerie wurde 1966 ein Relief gegenübergestellt, welches Szenen aus der Geschichte Polens und Großpolens unter dem Blickwinkel des Kampfes gegen einen stetigen „germanischen Drang nach Osten“ enthielt. Erst seit Beginn der siebziger Jahre, als sich abzeichnete, daß das Schloß längerfristig zum Standort des Kulturvereins werden würde, setzte eine allmähliche Versöhnung zwischen dem Objekt und den Bewohnern der Stadt ein. Dieser Umschwung wurde besonders nach der politischen Wende sichtbar: Mit umfangreichen Restaurierungs- und Sanierungsmaßnahmen wird seither versucht, das Schloß als Geschichts- und Kulturdenkmal zu erhalten. Seit einigen Jahren steht das Gebäude auch unter Denkmalschutz. Als Originalobjekte können in der lediglich auf drei Räume des Neuen Palais beschränkten und teilweise wenig übersichtlichen Ausstellung unter anderem der Kaiserthron, ein Kanapee aus dem Wohnzimmer der Kaiserin, Stühle aus der Galerie der Städte und des Festsaales sowie der Schreibtisch des Gauleiters Arthur Greiner von 1942 besichtigt werden. Zur Hintergrundinformation empfiehlt sich der Erwerb des Begleitbandes. Die Ausstellung ist bis zum 12. Oktober im Neuen Palais; Park Sanssouci zu Potsdam, täglich außer freitags von 10 bis 17 Uhr zu sehen. Der Eintritt kostet 3 (ermäßigt 2) Euro. Anschließend wird sie im Kulturzentrum „Zamek“ in Posen vom 10. November 2003 bis 18. Januar 2004 gezeigt. Der in deutscher und polnischer Sprache verfaßte Begleitband kostet 16 Euro

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