Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Unsere kleine DDR

Intro, Einspielung: Neblige Landschaft im Harz. Bäume, Vogelgezwitscher. Plötzlich aus dem Nebel im Bild auftauchend: Grenzzaun, ein Wachturm, hinter dem die Sonne gerade aufgeht, rötlich. Irgendwo in der idyllisch daliegenden Landschaft erschallt unvermittelt und mit schriller Stimme ein Kommando: „Stehenbleiben! Bleiben Sie stehen, oder ich mache von der Schußwaffe Gebrauch!“ Am Grenzzaun wird, den Nebel durchbrechend, eine Gestalt sichtbar. Als diese versucht, an dem Zaun emporzuklettern, fällt plötzlich ein Schuß. Die Gestalt stürzt zu Boden, bleibt regungslos liegen, Vögel fliegen auf. Hammer, Zirkel und Ähren, das Staatsemblem der DDR, wird eingeblendet. Stimme aus dem Off: „Liebe Genossinnen und Genossen! VEB Ex-oriente-lux-Productions begrüßt Sie, live aus dem Palast der Republik in Berlin, zu einer neuen Ausgabe von ‚Unsere kleine DDR‘ – der wirklich ultimativen Ostalgie-Show! Begrüßen Sie jetzt unser ebenso ultimatives Moderatoren-Duo: Michelle Hunziker und Egon Krenz!“ Hunziker und Krenz bahnen sich zur Melodie der DDR-Nationalhymne ihren Weg auf die Bühne durch ein Stück nachgebildeten Grenzzaun, in dessen mit einem Scheinwerfer angestrahlter Mitte ein Loch klafft. Hunziker: Guten Abend, meine Damen und Herren! Freundschaft! Krenz (mit erhobener geballter Faust): Guten Abend, liebe Genossinnen und Genossen! Hunziker: Für Frieden und Sozialismus seid bereit? Publikum (aus einem Munde): Immer bereit! Krenz: Ja, so wollen wir’s hören! Hunziker (noch leicht außer Puste): Puh, das war ja ein ganz schönes Stück Arbeit, durch diesen Zaun zu kommen! War Reisen in der DDR immer so unbequem, Genosse Krenz? Krenz: I wo! Reisen war komfortabel! Aber die meisten DDR-Bürger wollten lieber zu Hause, im sozialistischen Vaterland DDR, bleiben. Oder was glaubst du, liebe Genossin, warum an der Staatsgrenze der DDR zum kapitalistischen Ausland immer so wenig Reiseverkehr in Richtung Westen herrschte? Hahaha! Aber Spaß beiseite: Ein paar verirrte, staatsfeindliche Subjekte haben sich ja, aufgehetzt durch die BRD-Medien, immer mal wieder auf den Weg zum Klassenfeind gemacht und wollten die Friedensgrenze illegal übertreten. Manche haben’s geschafft. Andere nicht, weil unsere Grenzsoldaten ihren Dienst am Frieden sehr effektiv und planorientiert handhabten. Denen, die der DDR in Undankbarkeit den Rücken kehrten, haben wir keine Träne nachgeweint. Hunziker: Keine Träne nachweinen – das Stichwort paßt auch zu unserem ersten Gast, Verena Matern. Verena weint vor allem ihrem Ex-Ehemann, wie sie Ex-DDR-Bürger, keine Träne nach. Eine Geschichte voll Herz und Schmerz! Aber hören Sie selbst! Verena Matern kommt auf die Bühne. Hintergrundmusik: Der Chor des Stasi-Wachregimentes Feliks Dserschinski singt das Tschekisten-Lied. Hunziker: Verena, Sie haben ganz besondere Erinnerungen an die DDR. Und da es in unserer wirklich ultimativen Ostalgie-Show darum geht, daß wir uns einander unsere Biografien erzählen: Erzählen Sie doch einfach mal! Matern: Ich war zu Zeiten der DDR in einer unabhängigen Friedensgruppe aktiv. Mein Ehemann war, was ich allerdings nicht zu träumen gewagt hätte, IM bei der Stasi. Ich bin über viele Jahre hinweg von meinem eigenen Mann bespitzelt und an das MfS verraten worden. Krenz: Das ist ja wohl ein dicker Hund! Hunziker: Kann man wohl sagen! Schlimm, so ein Mann! Krenz: Nein, ich meine damit: Das ist doch pure feindlich-negative Hetze, so etwas zu behaupten! Matern (fährt unter Tränen fort): Unter anderem die Informationen meines Mannes haben dazu gedient, mich wegen vermeintlicher staatsfeindlicher Hetze ins Frauenzuchthaus Hoheneck zu bringen. Wir hatten regimekritische Flugblätter verfaßt und heimlich verteilt. Ein Jahr und acht Monate habe ich dafür in Hoheneck als politische Gefangene eingesessen, zusammen mit Mörderinnen und anderen schwerkriminellen Frauen, die mich mit Duldung des Wachpersonals aufs übelste schikaniert haben. Im Arrest haben mich Schlägerkommandos mit Fäusten, Schlagstöcken und Fußtritten traktiert. In den Arrestzellen wurde nicht geheizt, auch im Winter nicht, und die Fenster blieben offen. Ich bin mit einer schweren Nierenbeckenentzündung wieder aus dem Knast rausgekommen. Hunziker: Gab’s im Arrest auch kein Nudossi aufs Brot? Und keine Spreewaldgurken? Matern: Nein, aber … Krenz: Ach, alles Unsinn! BRD-Propaganda! Natürlich gab’s da Spreewaldgurken! Denen ging es da doch noch viel zu gut! Liebe Genossinnen und Genossen, da lobe ich mir doch unseren nächsten Gast: Sahra Wagenknecht! Sie wird uns gleich erklären, warum der Schießbefehl am antifaschistischen Schutzwall unabdingbar notwendig war. Hunziker: Aber erst einmal zu unserem heutigen Quiz! Es gibt wieder einen tollen Preis zu gewinnen! Einspielung; Stimme aus dem Off, die der Erich Honeckers frappierend ähnelt, preist an: „SM 70, das bei den Grenzorgonen der Döäudschn Demmogradschen Rebbubliek beliebte Selbstschußgerät! Dreffsischer bei Doch un’Nocht! Gewinnen Sie eines disser deschnischen Glanzbrodukte unnsrer Orbeider- un‘ Bauernmocht! Sie brauchen nur folchende Frache rischtisch zu beandworden: Wie hieß ein brominender DDR-Flüschdling, der in den seschzicher Johren von Grenzdruppen dor DDR erschossen wurde und im Grenzstreifen zu West-Berlin verbludede? – Peter Hechter, Peter Fechter, oder Peter Rechter? Rufen Se jedz‘ under dor Nummor 01 80/49 53 61 89 an und spreschen Se die richtiche Andword auf Band!“ Krenz: Das heißt nicht „Flüchtling“, das heißt Grenzverletzer! (zeigt sein strahlendstes Lächeln mitten in die laufende Kamera hinein) Hunziker: Oh, ich sehe gerade, es ist Zeit für ein bißchen Werbung! Bleiben Sie dran! Denn Ostalgie in ihrem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf!

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