Tragisches bleibt ausgeblendet

Für „Good Bye, Lenin!“ muß man rechtzeitig an der Kinokasse sein, denn Wolfgang Beckers Film über eine Ost-Berlinerin, die im Oktober 1989 in ein mehrmonatiges Koma fällt und deshalb den Mauerfall und den Systemwechsel versäumt, ist ein gesamtdeutscher Renner. Das war auch schon Detlef Bucks „Sonnenallee“, der die DDR-Jugend als Rock’n-Roll-Party aufbereitete und als besonders lustige Einlage die Parodie auf einen Mauermord enthielt. In Berlin-Oberschöneweide wird demnächst ein „DDR-Erlebnispark“ zur Unterhaltung von Touristen errichtet, mit zünftigem DDR-Interieur und Langzeitarbeitslosen, die sämtlich über 50 und garantiert „Made in GDR“ sind. Als Grenzbeamte, Polizisten und Kantinenpersonal sollen sie ein möglichst authentisches DDR-Gefühl erzeugen. Kommt hier tatsächlich, wie manche fürchten, eine geballte „Ostalgie“ zum Durchbruch? Dem steht entgegen, daß die Zahl der PDS-Wähler unaufhaltsam sinkt und den SED-Nachfolgern der Mitgliederstamm wegstirbt. Die von Opferverbänden beklagte „Verharmlosung“ der DDR hingegen trifft objektiv zu, obwohl sie keine dezidierte Absicht der Filmemacher und Projektentwickler ist, sondern ein Nebenprodukt des Geschäfts. Im Prinzip ist nichts dagegen einzuwenden, die DDR in einer Komödie zu behandeln. Ernst Lubitsch hat mitten im Zweiten Weltkrieg eine Komödie über das „Dritte Reich“ – „To be or not to be“ – gemacht. Heiterkeit war für ihn ein Mittel, um den tödlichen Charakter des Regimes zu erfassen. Hier liegt der Unterschied zu den DDR-Komödien, denen diese Doppelbödigkeit fehlt. Die DDR-Geschichte erscheint als Abfolge von Lachnummern, der Staat als dümmlich-amüsante, manchmal etwas herbe Fürsorgeanstalt, deren Insassen aber nun gottlob in die normale BRD-Welt überführt sind. Wobei zu fragen ist, wie „normal“ ein Land eigentlich ist, das die Geschichte des anderen Teilstaates lediglich als zoologisches Ereignis thematisiert und dessen Menschen als Ausstellungsstücke behandelt. Dabei könnte es für die erstarrte Bundesrepublik nützlich sein, sich mit den Erfahrungen eines großen Scheiterns ernsthaft auseinanderzusetzen. Das deutsche Kino und die Unterhaltungsindustrie haben die DDR zwar als Thema entdeckt, doch sie nehmen sie nicht ernst. Ihre Geschichte und die traumatischen Erfahrungen bleiben unerledigt. Unerledigt bleiben – um nur im Allgemeinen zu bleiben – die Demütigung durch die Staatsmacht und die neurotischen Strukturen der Mitläufer und Karrieristen. Ungenannt bleibt auch, daß gerade den angepaßten unter den DDR-Bürgern der Einstieg in die westliche Gesellschaft am leichtesten fiel. Ob das nicht auch etwas über Neurosen in der Alt-BRD aussagt? Nein, die DDR läßt sich nicht als spaßige Angelegenheit abtun, sie stand im übrigen in einer geschichtlichen Kontinuität, die noch lange nicht aufgehört hat. Wo bleiben die Geschichten, wie Heiner Müller sie in dem Langgedicht „Ajax zum Beispiel“ über einen kommunistischen KZ-Insassen erzählt: „befreit von der Roten Armee / Aus Hitlers Gulag hört nach vier Tagen Fußmarsch / Aus einem zerschossenen Fenster seine Frau schrein / Sieht einen Soldaten der ruhmreichen Roten Armee / Der sie aufs Bett wirft vergißt das ABC des Kommunismus / schlägt dem Genossen Befreier den Schädel ein … / Wird zuletzt gesehn auf dem Transport / in Stalins Gulag seine zweite Epiphanie“. Eine deutsche Geschichte, doch für sie gibt es weder Geld noch eine Ästhetik, noch ein Publikum. Müllers Gedicht berührt den Bereich des Tragischen, der im heutigen „Diskurs“ ängstlich gemieden wird. Tragik meint den schicksalhaften Zusammenstoß zwischen Individuum und äußerer Welt, meint Untergang, Scheitern, Schmerz, Vergeblichkeit. Die Empfänglichkeit für die Tragik weist den Weg über die Erschütterung zur Katharsis, zur Reinigung. Doch das Publikum will nicht erschüttert und gereinigt, es will unterhalten werden. Das ist kein Ost-West-Konflikt mehr, obwohl die Tatsache, daß das Geld im Westen liegt und, wenn es in die Aufbereitung von Osterfahrungen investiert wird, dort auch wieder eingespielt werden muß, die Ästhetik bestimmt. Diese wird an den vermuteten Mehrheitsgeschmack angepaßt, und auch die „Ossis“ passen sich an, um ihre Erfahrungen kommerziell zu verwerten. Die literarischen Anthologien über den „Wilden Osten“ stecken voller neckischer Erinnerungen an duftige Westpakete und erste T-Shirts, man kichert und lädt die anderen zum Kichern ein, läuft aber vor seinen wirklichen Erfahrungen davon. Ost und West finden zusammen im Zeichen der Spaßgesellschaft, die Stoff braucht, immer neuen Stoff. Den beschafft sie sich teils selbstreferentiell, etwa mit der Suche nach dem neuen „Superstar“, teils durch die Einverleibung äußerer Realien, die sie dann marktkompatibel verwurstet. Jetzt wird die DDR abgegrast. An diesem Punkt wird der Schmerz der Opferverbände überaus verständlich. Ihre – zumeist unbeholfenen – Versuche, das Leiden am beschädigten oder gestohlenen Leben zu formulieren, verlieren sich im echolosen Raum, während ein Mauertoter, der dann doch keiner ist und quicklebendig wieder aufspringt, im Kino Lachorkane erzeugt. Die Künstler sollten wenigstens im Hinterkopf haben, daß sie inmitten einer gesellschaftlichen Amoral agieren, deren Träger gerade die Fortschrittlichsten, Klügsten und Humansten in diesem Lande sind. Man kann und darf über „Good Bye, Lenin!“ herzlich lachen, doch wer nicht gänzlich stumpfsinnig ist, dem wird ab und an das Lachen im Halse steckenbleiben. Möglicherweise ist dieses Gelächter die Musik zum Totentanz, in dem dieses Land sich längst befindet. Und man weiß nicht einmal mehr, ob man das schade finden soll. Foto: Alex (Daniel Brühl) am 40. Jahrestag der DDR – Filmszene aus „Good Bye, Lenin“: Die DDR läßt sich nicht als spaßige Angelegenheit abtun

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