„Wir hoffen auf Amerika“

Herr Ghasi, einerseits wünschen die Kurden im Irak die Befreiung von Saddam Hussein, andererseits bedeutet das einen gefährlichen Krieg. Sie haben im November das irakische Kurdistan bereist. Wie ist die Stimmung im Volk? Ghasi: Natürlich ziehen wir den Frieden dem Krieg vor, aber wenn der Krieg der Preis für Saddams Entmachtung ist, so gibt es keinen Zweifel, daß wir Kurden bereit sind, ihn zu bezahlen. Und nicht nur die Kurden, auch die arabische Bevölkerung wünscht Saddams Vertreibung. Wird ein Angriff der Amerikaner nicht zu einem Vergeltungsangriff Saddams auf den kurdischen Norden des Landes führen? Ghasi: Wenn die Amerikaner diesmal Ernst machen, glaube ich nicht, daß die Gefahr für die Kurden allzu groß ist. Natürlich fürchten wir uns vor einem neuen, schrecklichen Chemiewaffeneinsatz als Akt der Rache, aber die Menschen würden sogar das in Kauf nehmen, wenn Saddam nur endlich verschwindet. Angesichts der vielen Leiden, die Saddam dem kurdischen Volk zugefügt hat – über 182.000 Kurden sind unter seiner Herrschaft spurlos verschwunden -, kann uns auch eine mögliche Vergeltung nicht mehr schrecken. Saddam hat zahllose Kurden zwangsausgesiedelt, ganze Landstriche verwüstet, 4.000 Ortschaften abgebrannt und die Wasserquellen gesprengt bzw. mit Beton versiegeln lassen. Und bekanntlich hat er bereits mehrfach kurdische Zivilisten mit chemischen Waffen angegriffen. Am bekanntesten ist das Massaker von Halabscha im März 1988 mit 5.000 Toten, darunter Frauen und Kinder. Angesichts all dessen verstehen Sie sicher, wie sehr wir auf die Amerikaner hoffen. Die Saddam allerdings jahrelang mit Waffen, – wahrscheinlich sogar mit chemischen Kampfmitteln – unterstützt haben. Ghasi: Die Amerikaner – ebenso wie übrigens die Israeli – haben uns schon 1975 im Stich gelassen, als sie ihre Hilfen einstellten und uns Saddam überließen, und ebenso nach dem Waffenstillstand im 2. Golfkrieg 1991, doch mit Errichtung der kurdischen Schutzzone haben sie das wiedergutgemacht. Sie nehmen den USA die zahlreichen Opfer unter dem kurdischen Volk, die das gekostet hat, nicht übel? Ghasi: Wir haben nicht als Söldner für die Amerikaner fungiert. Wir haben für unsere Freiheit Opfer gebracht. Die Kurden – von iranisch-indogermanischer Abstammung – sind ein Volk ohne Staat. Ihr Vaterland ist unter Türken, Syrern, Irakern und Iranern aufgeteilt. Durch die Zersplitterung in verschiedene kurdische Fürstentümer gelang es nie, einen gemeinsamen Staat zu bilden. Doch im Gründungsvertrag des irakischen Staates von 1926 erhielten sie immerhin Autonomie und politische Repräsentanz in Bagdad. Warum kam es 1960 dennoch zum Aufstand? Ghasi: Weil den Kurden die versprochenen Rechte zum Teil vorenthalten wurden. Der Irak hat 1968 als erstes nichtkommunistisches Land die DDR diplomatisch anerkannt, zum Dank dafür hat Ost-Berlin dem Irak Entwicklungshilfe geleistet. Und so ist der Irak nicht nur hinsichtlich seiner Mangelwirtschaft zur Kopie der DDR geworden, sondern auch was das Geheimdienstsystem angeht, das von Spezialisten der Stasi mitaufgebaut wurde. 1975 einigte sich Saddam Hussein, der damals zwar noch nicht nominell, aber de facto der starke Mann in Bagdad war, mit dem Schah von Persien und zuungunsten der Kurden. So begann 1977 erneut der Aufstand, der als Partisanenkrieg bis zur Zerschlagung der irakischen Armee durch die Alliierten im 2. Golfkrieg 1991 dauerte. Da Präsident Bush es aber versäumte, Saddam zu entmachten, rächten sich die Iraker nach dem Waffenstillstand an den Kurden, es gab ein Blutbad! Allerdings muß daran erinnert werden, daß eine empörte Weltöffentlichkeit damals den Stopp der Amerikaner forderte. Auch in Deutschland gingen dafür Hunderttausende auf die Straße, darunter leider auch Willy Brandt. Erst die Errichtung der kurdischen Schutzzone brachte uns einigermaßen Sicherheit und die Selbstverwaltung. Was erwarten die Kurden nun von einer irakischen Nachkriegsordnung? Ghasi: Der Herzenswunsch eines jeden Kurden ist ein unabhängiges und geeintes Kurdistan. Da das im Moment aber nicht möglich ist, wollen wir einen föderalen, demokratischen und pluralistischen Staat Irak und in der Türkei, Syrien und dem Iran Föderalismus und Autonomie. Wird der Irak nach einem US-Sieg nicht politisch zerfallen – das wäre eine Chance für Sie. Ghasi: Nein, der Irak ist nicht Afghanistan, wo die Staatssouveränität zugunsten lokaler Kriegsherren verlorengegangen ist. Die Struktur des Irak ist viel einheitlicher und die verschiedenen Volksgruppen sind bei weitem nicht so uneinig. Alle kurdischen Parteien wollen die Integrität des Irak bewahren. Die kurdische Schutzzone reicht nur bis zum 36. Breitengrad, das kurdische Siedlungsgebiet allerdings bis zum 34. Breitengrad. Ghasi: Es ist bereits beschlossene Sache, daß wir um dieses Gebiet kämpfen werden, sollte man versuchen, es uns vorzuenthalten. Die kurdische Hauptstadt ist Kirkuk, und das liegt jenseits des 36. Breitengrades. Die Türken haben bereits angekündigt, im Falle eines amerikanischen Angriffs im Nordirak einzumarschieren, um einen kurdischen Staat zu verhindern. Ghasi: Einerseits beharren die Türken auf der Integrität und Souveränität des Irak, andererseits spotten sie dieser, indem sie mit Einmarsch drohen. Das sagt alles über ihre Redlichkeit! Die Türken haben schon immer ein Auge auf die Ölquellen von Kirkuk und Mossul gehabt. Sollten sie aber den Einmarsch wagen, werden die Kurden vereint, denn da besteht Einigkeit quer durch alle kurdischen Parteien, die Invasoren anzugreifen. Dies würde zum ersten Mal in der Geschichte zur Einigkeit der Kurden führen. Damit hätte die Türkei 40 Millionen Kurden gegen sich. Was, wenn die USA die Forderung der Türkei unterstützen? Ghasi: Das wäre Verrat! Aber Vertreter der Amerikaner haben uns bereits versichert, daß unsere Interessen im Nachkriegsirak berücksichtigt werden, wir haben uns im Gegenzug stets zu einem gemeinsamen Irak bekannt. Sie vertrauen den USA? Ghasi: Ja. Was halten Sie denn für das Motiv der Amerikaner, den Irak anzugreifen? Ghasi: Diktaturen sind Nährboden für den Terrorismus, deshalb wollen sie die schlimmsten Diktaturen durch Demokratien ersetzen. Allerdings gibt es offenbar keine Kontakte zwischen Saddam und al-Quaida – im Gegenteil, die Islamisten betrachten Saddam selbst als Feind. Ghasi: Das wird vor allem in Deutschland immer wieder behauptet. Doch just einen Tag vor der für Saddam Hussein vielleicht entscheidenden Sitzung des Uno-Sicherheitsrates in der vorletzten Woche veröffentlichte Osama bin Laden ein neues Video, auf dem er Saddam schmäht. Ich bitte Sie, wenn das nicht wie bestellt kommt! Die Türkei führt bereits seit Jahren Operationen im irakischen Kurdistan durch. Gleichzeitig ist sie ein Verbündeter Amerikas. Ghasi: Ja, aber andererseits setzten sich amerikanische Politiker immer wieder bei den Türken für kurdische Interessen ein. Sie haben aber grundsätzlich recht, natürlich sieht die Kurdenpolitik der Amerikaner in der Türkei leider anders aus als im Irak. Also Heuchelei? Ghasi: Das ist ein hartes Wort. Dem von den USA lancierten Uno-Embargo gegen den Irak ist nach Angaben der Unicef bereits die schwer vorstellbare Zahl von über eine halbe Million Kinder zum Opfer gefallen. Trifft das Embargo nicht auch das Volk der Kurden? Ghasi: Hier im Westen sprechen die Leute von unterernährten Kindern, einem Mangel an Medizin und sauberem Trinkwasser im Irak als Folge des Embargos. Doch es gibt bekanntlich das „Öl für Nahrungsmittel“-Programm, in dessen Rahmen die Uno irakisches Erdöl verkauft, und für dessen Erlös der Irak Grundnahrungsmittel für seine Bevölkerung kauft. Von den Erlösen gehen 13 Prozent ins autonome irakische Kurdistan. Doch obwohl Kurdistan unter zwei Embargos – von seiten der Uno und von seiten des Irak – leiden muß, sind die Kurden satt und leiden keinen Mangel. Statt dessen bauen sie Wasserwerke, Straßen, Fabriken und Universitäten. Denn es ist das korrupte irakische Regime, das in Wahrheit schuld an der Misere ist. Deutschland beliefert die Türkei mit Waffen – es fordert zwar, daß diese nicht gegen die Kurden eingesetzt werden, die Türken tun es aber trotzdem. Ghasi: Ich weiß, wir treten deshalb immer wieder mit bundesdeutschen Politikern ins Gespräch. Wie würden Sie diese Politik nennen? Ghasi: Einen unfreundlichen Akt. Deutschland lehnt zudem einen Angriff auf den Irak strikt ab. Ghasi: Das ist doch sehr erstaunlich, denn vergleichen Sie den Fall Kurdistan mit den Fällen Kosovo oder Bosnien-Herzegowina, wo Bundesaußenminister Joschka Fischer von einem „humanitären Krieg“ sprach und ohne Beschluß der Vereinten Nationen das Bombardement unterstüzt hat. Heute aber wollen er und Bundeskanzler Schröder mit allen Mitteln einen Sturz Saddams verhindern. Die Bestrebungen der Franzosen und Russen zum Erhalt des Irak sind verständlich. Beide Staaten haben für Zigmilliarden Dollar Ölverträge mit Saddam geschlossen. Sie haben enorme Wirtschaftsinteressen, Berlin steht dagegen zwar mit leeren Händen da, tritt aber aus wahltaktischen Gründen für den Erhalt Saddam Husseins ein – wenn auch, wie man am Sonntag wieder sehen konnte, ohne Erfolg. Also doch Heuchelei? Ghasi: In diesem Fall ja, unbedingt! Herr Ghasi, wird es jemals den freien, einigen Staat geben, von dem die Kurden träumen? Ghasi: Ich habe die Vision, daß unser Land eines Tages im friedlichen Einvernehmen mit seinen Nachbarn die Einheit erreichen wird, und wir dann als Brücke zwischen Syrien, der Türkei, dem Irak und dem Iran fungieren können. Das kurdische Volk hat 40 Millionen Menschen, und wir leben seit Tausenden von Jahren hier in diesem Land. Wir verlangen nicht mehr, als die Charta der Vereinten Nationen jedem Volk in der Welt zubilligt. Einmal muß es auch für Kurdistan Gerechtigkeit geben. Foto:Kurdische Peschmerga-Kämpferinnen bereiten sich Anfang 2003 im nordirakischen Sulaymania auf eine mögliche türkische Invasion vor: „Die Türken haben schon immer ein Auge auf die Ölquellen von Kirkuk und Mossul gehabt. Sollten sie den Einmarsch wagen, werden die Kurden sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte vereint angreifen.“ Ali Ghasi ist kurdischer Exilpolitiker und Sohn des Gründers der Kurdischen Demokratischen Partei, Mohammed Ghasi, des einzigen Präsidenten der 1946 ein Jahr lang unabhängigen „Republik von Kurdistan“ im Norden Persiens. Geboren 1933 im iranischen Mahabat, studierte er Politologie in München und Berlin und trat anschließend in den diplomatischen Dienst Persiens ein. Nach dem Sturz des Schahs 1980 ließ er sich als Kaufmann in Deutschland nieder und betrieb kurdische Exilpolitik. So vermittelte er etwa von 1995 bis 1997 zwischen der Bundesregierung und der PKK. Bei einem Aufenthalt in Bagdad auf Einladung der irakischen Regierung wurde er 1986 ohne Angabe von Gründen festgenommen und 1991 ebenfalls ohne Angabe von Gründen wieder freigelassen. Zuletzt bereiste Ghasi im November das irakische Kurdistan und traf dort unter anderem Kurdenführer Massud Barsani. weitere Interview-Partner der JF

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