Pankraz, Laurentius und die coolen Typen von heute

Redeweisen kommen und gehen, besonders im Jugendjargon, wo sich die wechselnden Moden gegenseitig auf die Füße treten. Auffällig zäh behauptet sich dort jetzt die "Coolness" als höchstes der Gefühle. Was früher, bei rasch wechselnder Präferenz, "geil", "echt" oder "kult" war, ist nur noch "cool". Alles, was Spaß macht, der Sympathie oder auch nur der Aufmerksamkeit wert ist, muß cool sein, oder es ist nichts, ein Furz, eine Nullität – "uncool". So etwas hat es lange nicht mehr gegeben.

Beim ersten Hinhören wirkt es ziemlich abstoßend. Ein Anglizismus mehr, denkt man, zudem noch, wie bei solchen Anglizismen üblich, vollkommen überflüssig und falsch eingesetzt. Die herkömmliche "Coolness" im Englischen ist ja keineswegs ein durchgehend positiver Wert, meint oft nichts als sture Gleichgültigkeit, Herzensfremdheit, Unwilligkeit, sich auf eine Sache überhaupt einzulassen. Das, was die Jugendlichen zu meinen scheinen, nämlich die Gelassenheit, das Ruhigbleiben auch unter schwierigen oder aufregenden Umständen, wäre mit "calm" viel besser bezeichnet, wenn es denn schon kurz und englisch sein muß.

Oder doch nicht? Sind die Zustände vielleicht deshalb cool und nicht "calm", weil es sich gar nicht mehr lohnt, ihnen näherzutreten, und weil man das mittlerweile durchschaut hat, also gar nicht mehr extra erproben muß? Die Rede von der "Coolness" eines Zustands würde dann höchste Weisheit und Lebenssattheit bezeugen, wie man sie bei Jugendlichen eigentlich nicht erwartet.

"Sich durch nichts überraschen lassen!" empfahl der altrömische Dichter Horaz seinen Lesern. Gegenüber heutigen Jungen scheint derartiger Rat überflüssig. Ihre primäre Lebenserfahrung besteht darin, daß es unter der Sonne gar nichts mehr gibt, das einen überraschen kann, daß alle Phänomene und Vorgänge von sich aus cool sind und es deshalb der pure Realismus gebietet, selber cool zu bleiben und keine Zicken zu machen: "Coolness" als Lebensdevise angesichts von Zuständen, die durch die Bank und unveränderbar cool sind und auf die man sich lediglich einstellen muß.

F ür altere Generationen ist solcher jugendlicher Stoizismus sehr günstig, garantiert ihnen langes Obenbleiben und Befreitsein von unbequemen Fragen nach dem Sinn von Diesem und Jenem. Wer alles schon weiß, der fragt nicht mehr, der staunt nicht mehr, der läßt alles mit sich machen und den Dingen ihren Lauf. So war es schon im alten Rom in seiner Blütezeit um Christi Geburt, als der Stoizismus, die "Coolness", zur allseits anerkannten Religion und Lebenshaltung geworden war und die Kaiser und Senatoren damit blendend über die Runden kamen.

Nur einige Philosophen blieben unzufrieden und warnten davor, daß die Gelassenheit, die "ataraxía", leicht in die Gleichgültigkeit, die "apatheía", umschlagen könnte, also – mit heutigen Kategorien gesprochen – die "Coolness" in die bloße "Indifference". Dieser Umschlag, warnte etwa Epiktet, wäre die reine Katastrophe, die Preisgabe aller Errungenschaften der Zivilisation, der Verlust jeglicher Menschenwürde, die Verwandlung freier Menschen in Sklaven.

Wer der aktuellen "Coolness"-Rhetorik der jüngsten Generation zuhört, der muß leider konstatieren, daß schon viele ihrer flotten coolen Sprüche wie (unbewußte) Sklavensprache klingen. Mag sein, die frühere unbekümmerte Qualifizierung erfreulicher Tatbestände als "echt" oder "geil" zeugte von vorschneller, allzu naiver Begeisterungsfähigkeit – wenn die gleichen Tatbestände aber jetzt nur noch als cool empfunden werden, so muß man daraus schließen, daß eine horrende Auskühlung der Seelen um sich gegriffen hat, daß man gar nicht mehr darauf aus ist, die Dinge näher in Augenschein zu nehmen und sie notfalls auch ein bißchen auseinanderzunehmen. Man läßt die Finger von Unerlaubtem, denn Unerlaubtes erfordert Aufwand, Energiezufuhr, Wärmezufuhr, ist also "uncool".

Insofern ist "Coolness" sogar noch schlimmer als bloße Gleichgültigkeit, bloße "apatheía". Denn diese Apathie war – zumindest nach Ansicht der alten Stoiker – gegebenenfalls ein glühheißes Ding, konnte zur Bewährung höchster Tugend werden, dann nämlich, wenn der Mensch ungerechten Qualen unterworfen wurde, Hungerqualen, Folterqualen, Todesqualen. Dann galt es, diese Qualen um der Gerechtigkeit willen zu ertragen, die "apatheía", die Gleichgültigkeit, gegen sie zu mobilisieren.

Heutigen "Coolness"-Typen dürften solche Aussichten nichts als ängstliche Schauder über den Rücken jagen. Cool zu bleiben gilt für sie nicht nur in bezug auf Handeln, sondern auch und noch mehr in bezug auf Erleiden. "Ja nichts erleiden!" ist ihr erster und ihr letzter Gedanke, "Erleiden ist uncool, es gibt nichts Uncooleres". Daß sie gerade durch eine solche Haltung zu typischen Erleidern werden, zu Dauer-Erleidern, ist ihnen nicht klar. Sie fliehen den momentanen, den heißen Druck und nehmen dafür klaglos dosierten Dauerdruck in Kauf. Das nennen sie cool.

In der Antike folgte auf die Zeit des coolen Stoizismus eine Zeit der heißesten Religionskämpfe, die Götter kehrten zurück, oder vielmehr: Gott kehrte zurück, in Form des Christentums und des Islam, und er war so "uncool" wie nur möglich, forderte von jedem einzelnen Bekenntnis und tätigen Glaubensdienst, bis hin zum Martyrium. "Apatheía", Gleichgültigkeit, war bald nur noch in Form des Ertragens von Schmerzen zu haben. Inbegriff dafür wurde das Bild des Heiligen Laurentius, wie er über offenem Feuer geröstet wird und seine Peiniger voller Gelassenheit fragt: "Ist die eine Seite nicht längst gar? Müßte jetzt nicht die andere Seite drankommen?"

Natürlich rechnet keiner unserer coolen Typen mit solchen Aussichten, und sie sind ihnen auch nicht zu wünschen. Aber ein bißchen allseitige Unterscheidung zwischen "Coolness" und totaler "Indifference" wäre schon wünschenswert.

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