„So ein antikommunistischer Scheiß!“

Herr Wiecki, Sie haben am 13. August, dem 42. Jahrestag des Mauerbaus, eine Gedenkveranstaltung in Berlin organisiert. Etwa einhundert Menschen haben sich um 12 Uhr auf dem Potsdamer Platz für eine Viertelstunde auf die Straßenkreuzung gelegt, um an die Toten der Mauer zu erinnern. Alle wichtigen deutschen sowie diverse ausländische Medien, bis hin zu CNN, haben darüber berichtet. Wiecki: Es war keine klassische Gedenkveranstaltung, sondern eine Performance, mit der die getöteten „Republikflüchtlinge“ symbolisiert werden sollten. Sie haben alles ganz alleine organisiert und damit bewiesen, was alles machbar ist, wenn man nur will. Was denken Sie über die Parteien und gesellschaftlichen Gruppen, bis hin zu den SED-Opferverbänden, die sich bislang zu so einer aufmerksamkeitsträchtigen Aktion nicht fähig gezeigt haben? Wiecki: Sowohl ein Bundestagsabgeordneter als auch ein Vertreter eines Opferverbandes „legten“ ein Zeichen auf der Kreuzung Potsdamer Platz, wo noch vor 14 Jahren die Mauer stand. Aber sie kamen nicht als Lobbyvertreter, sondern spontan, weil sie aus den Medien davon erfahren hatten. Schließlich war die Performance so konzipiert, daß „normale“ Menschen wie du und ich daran teilnehmen sollten. Politiker und Politikerinnen können sich schließlich auch im Bundestag treffen. Deshalb habe ich die 1.300 Flyer aus eigener Tasche finanziert und allein verteilt. Denn irgendwie mußte ich die angestrebten 899 Teilnehmer und Teilnehmerinnen – diese Zahl der Opfer an der innerdeutschen Grenze hatte ich damals ermittelt – für die Performance gewinnen. Es sind dann zwar nur 100 Teilnehmer tatsächlich gekommen, aber angesichts Ihrer geringen Ressourcen ist auch das ein großer Erfolg. Den Politikern und ihrer offiziellen Gedenkfeier an der in der Bernauer Straße versteckten Mauergedenkstätte haben Sie die Schau gestohlen. Wiecki: Es ging nicht darum, jemandem die Schau zu stehlen, sondern darum, die Greueltaten der mittlerweile romantisierten DDR transparent zu machen. Politiker, die wiedergewählt werden wollen, denken zu viel darüber nach, ob ihnen etwas schadet oder nützt. Mit der obligatorischen Kranzniederlegung vermittelt man jungen Menschen heute bestimmt nicht mehr den Schrecken der Mauer und das Leid der Opfer. Deshalb habe ich mich für diesen Performance-Stil entschieden. Unsere Politiker sind einfach nicht risikobereit genug für neue Formen. Wie haben die Leute auf Ihre Idee reagiert, als Sie dafür geworben haben? Wiecki: Überwiegend neutral-positiv, ein paar haben geschimpft, einer zerriß den Flyer mit den Worten: „So ein antikommunistischer Scheiß!“ Das habe ich überhaupt nicht verstanden. Denn die Performance richtete sich gegen Menschenrechtsverletzungen und nicht gegen eine bestimmte Ideologie. Schließlich war das Recht auf Reisefreiheit in von der DDR ratifizierten Verträgen völkerrechtlich anerkannt. Deshalb ist auch der Einwand „Ein Staat muß sich schützen“ nicht nur moralisch inakzeptabel, sondern auch rechtlich nicht haltbar. Wenig rühmlich ist auch die Rolle der Polizei, die versucht hat, Sie abzudrängen. Wiecki: Sie wollten die Kreuzung nicht sperren. Ich habe der Polizeiführung dann aber in zahlreichen Gesprächen klargemacht, daß nur dieser Ort für die Performance in Frage kommen kann. Schließlich lief dort die Mauer entlang, und sie verbindet Ost und West. Schließlich sperrte die Polizei den Verkehr für fünfzehn Minuten. Zuvor hatte der Einsatzleiter mich aber 100 Meter von der Kreuzung weglotsen wollen. In dem Moment dachte ich, wenn nicht jetzt, wann denn dann. Also stürmte ich auf die Kreuzung und alle hinterher. Der Polizei blieb nur noch die Möglichkeit, die Autos zu stoppen. Man muß eben im entscheidenden Moment handeln, durch Lamentieren ändert sich nichts. Warum haben Sie die anvisierten 899 Teilnehmer nicht zusammenbekommen? Wiecki: Das lag natürlich auch an organisatorischen Fehlern meinerseits. Aber vor allem liegt es wohl daran, daß wir eine Passiv-Gesellschaft sind. Liegt es auch daran, daß die Deutschen aufgrund der kulturellen Hegemonie der Achtundsechziger nicht gewohnt sind, der eigenen Opfern zu gedenken? Wiecki: Nein. Ebenso vergessen und unterschätzt wie das Leid durch die Mauer und ihre 899 Toten ist das Leid der Vertreibung und ihre drei Millionen Toten, wäre für diese verdrängten Opfer nicht auch eine solche Aktion nötig? Wiecki: Ich bin auch schon angesprochen worden, der Toten der Pinochet-Diktatur zu gedenken. Ich bin aber nur ein Mensch und kann mich nicht um alles kümmern. Außerdem muß es einen gewissen Handlungsbedarf geben. Wäre die DDR nicht inzwischen Kult, hätte ich auch diese Performance nicht gemacht. Moritz Schwarz Fotos: Potsdamer Platz: „Performance“ statt Kranzniederlegung Anatol Wiecki , 31, Buchautor und Journalist, lebt in Berlin und studiert Rechtswissenschaften in Köln. Informationen im Weltnetz unter www.13august.de weitere Interview-Partner der JF

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