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Würdigung der Aufbauleistung

Die jüngsten Auseinandersetzungen um die Frage, ob man in Zukunft 85jährigen Patienten noch ein künstliches Hüftgelenk einsetzen sollte, gehen am Kern der Probleme vorbei. Sie vermitteln nämlich den Eindruck einer Handlungsfreiheit, die es längst nicht mehr gibt und die von Woche zu Woche weiter eingeschränkt wird. Die Richtlinien der Politik werden zwar formal vom Kanzler bestimmt, lassen sich unter dem Druck der Realitäten aber immer weniger durchsetzen. Eine sehr einfache Erklärung für diesen Mißstand liegt in dem offenbar unausrottbaren Irrtum begründet, daß unsere wirtschaftlich-sozialen Probleme finanziell gelöst werden könnten. Nach einem bekannten Diktum Bismarcks wird jedoch niemand jemals über genügend Kapital verfügen, um auf diese Weise allen Ansprüchen aus Gesellschaft und Politik zu genügen. Eine Lösung der Probleme kann deshalb nicht fiskalisch erfolgen, sondern nur durch einen radikalen Kurswechsel, sofern die Verantwortlichen in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft dazu noch fähig sind. Dazu gehört vor allem Einsicht, daß die Probleme der wirtschaftlichen Entwicklung und sozialen Sicherheit auf Dauer nur in der gemeinsamen Verantwortung und Anstrengung aller Generationen angegangen werden können. Was Carl von Clausewitz in seinem Buch „Vom Kriege“ (1832) als entscheidende Voraussetzung für die militärische Stärke eines Staates formuliert hat, gilt im wesentlichen auch für seine wirtschaftliche und soziale Leistungsfähigkeit: „Sie drückt sich durch ein Produkt aus, dessen Faktoren sich nicht trennen lassen, nämlich die Größe der vorhandenen Mittel und die Stärke der Willenskraft.“ (I. Buch, 1. Kap.) Es kommt bei der Bewältigung wirtschaftlicher und sozialer Probleme nicht allein auf die Bereitstellung von „Mitteln“ (das heißt Kapital) an, sondern in erster Linie auf die „Willenskraft“. Zur Veranschaulichung dieses Zusammenhangs soll an das sogenannte Wirtschaftswunder in Deutschland nach 1945 erinnert werden. Die Höhe der vorhandenen Mittel (Kapital, Produktionsgüter aller Art usw.) war nach dem Zusammenbruch außerordentlich gering. Aus dem Mar-shall-Plan erhielt die Bundesrepublik bis 1957 1,7 Milliarden Dollar. Gleichwohl vollzog sich ein in der Geschichte beispielloser Wiederaufbau Deutschlands durch der Hände Arbeit im Vollsinn des Wortes – vor allem durch die von Millionen Trümmerfrauen, die in der Regel unter erbärmlichsten sozialen Verhältnissen leben mußten. Die Stärke ihrer Willenskraft war jedoch ungebrochen; sie potenzierten die knappen finanziellen Mittel und bewirkten damit jenen „Ruck“ durch das Volk, von dessen Notwendigkeit vor einigen Jahren auch der damalige Bundespräsident Roman Herzog in einer vielbeachteten Rede sprach, den aber weder seine Rede noch eine andere Entscheidung während dieser Zeit auszulösen vermochte. Verständlicherweise hat diese Aufbauleistung der Kriegs- und Nachkriegsgeneration das Bewußtsein und das Lebensgefühl eines Großteils unseres Volkes nachhaltig geprägt und damit Maßstäbe für das öffentliche Meinungsklima gesetzt. Es gehört zu den zahlreichen Absonderlichkeiten unserer Nachkriegsgeschichte, daß diese Aufbauleistung aus ideologischen Gründen in den sechziger Jahren mehr und mehr in Mißkredit geraten ist. Es war eben keine sozialistische, sondern die verhaßte kapitalistisch-bürgerliche Staats- und Gesellschaftsordnung, die im Westen, anders als in Mitteldeutschland, aus Ruinen entstand. Nach dem ideologischen Verständnis der Sozialisten und ihrer intellektuellen Mitläufer in der evangelischen Kirche, in den Medien und im gesamten Bildungswesen wurde damit eine Ordnung restauriert, aus der der Nationalsozialismus hervorging – und nach diesem Verständnis jederzeit wieder hervorgehen könnte. Der Kampf zielte und zielt auf die Überwindung des „Systems“ ab, allerdings nicht mehr in den klassischen Formen mit Gewaltakten revoltierender Massen, sondern in der unmerklichen, systematischen Zersetzung sämtlicher Formen und Normen der bürgerlichen Gesellschaft: einerseits durch geschickte Ausweitung aller nur denkbaren Konflikte, zu denen in jeder Gesellschaft ein Generationenkonflikt gehört; andererseits durch permanente, exzessive Ausnutzung aller Rechte und vor allem aller sozialen Ansprüche auf „Staatsknete“. Alle möglichen sozialistischen Pädagogen-, Ärzte-, Anwalts-, Psychologen- und sonstigen ideologisch motivierten „Kollektive“, Kommunen, Arbeits- und Selbsthilfegruppen haben in einer unübersehbaren Flut von Broschüren, Infos, Schüler- und Studentenzeitungen, workshops, teach-ins und so weiter ihre kostenlosen Dienste angeboten, um besonders Jugendliche, später vor allem Ausländer, auf ihre Rechte und finanziellen Ansprüche hinzuweisen. Dazu gehörte unter anderem die Einübung in den zivilen Ungehorsam und eine grundsätzliche Verweigerungshaltung gegenüber den Anforderungen der modernen Industrie- und Leistungsgesellschaft. Die Schlagworte dieser antiautoritären Revolte lauteten: „Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt“, „Macht kaputt, was euch kaputtmacht“, „Diesem System keinen Pfennig und keinen Mann“, „Trau keinem über dreißig“. Eine besondere Rolle spielten dabei die teilweise sehr umfangreichen Anleitungen zum Simulieren von Krankheiten unter der Losung „Lieber krankfeiern als gesund schuften“. Damit sollten sich die Jugendlichen, vor allem Lehrlinge in den Betrieben, „gegen die zerstörerische Leistungsmoral und die krankmachende Arbeitshetze unserer kapitalistisch normierten Gesellschaft aktiv zur Wehr setzen“. Es ist eine grobe und weithin wohl auch bewußte Irreführung unseres Volkes, die derzeitigen Mißstände aus der inzwischen erkennbaren Überlastung der Sozialsysteme zu erklären. Damit wird zwar der aktuelle Anlaß, aber nicht die eigentliche Ursache benannt. Ungenaue Diagnosen ziehen in der Regel unzuverlässige Therapien nach sich und verschlimmern das Übel, statt es zu beseitigen. Ein Ansatz für eine an den Realitäten orientierte Lösung unserer sozialen Probleme im allgemeinen, des vermeintlichen Generationenkonflikts im besonderen könnte in einer würdigenden Erinnerung an die Aufbauleistung der Kriegs- und Nachkriegsgeneration liegen – und zwar in der gesetzlichen Ausweitung des bereits bestehenden Zivildienstes auf alle männlichen und weiblichen Jugendlichen zwischen dem 19. und 20. Lebensjahr. Dafür könnte die Schulzeit (Gymnasien, Berufsschulen) um ein Jahr verkürzt werden. Alle politischen, rechtlichen, pädagogischen, versicherungstechnischen, psychologischen und sonstigen bürokratischen Einwände sind bekannt. Sie überzeugen allein schon deshalb nicht, weil sie überwiegend den Verdächtigungen der Wiedereinführung des nationalsozialistischen Arbeitsdienstes entspringen und dabei übersehen, daß wir den Zivildienst ja bereits eingeführt haben. Was spricht vom Grundgedanken der Gerechtigkeit dagegen, daß er fortan von allen Jugendlichen abgeleistet werden sollte? Die Bedenken sind auch deshalb gegenstandslos, weil der Zivildienst ja nicht in einer eigenen, staatlichen Organisation wie dem früheren Reichsarbeitsdienst geleistet wird, sondern in sehr unterschiedlichen, gesellschaftlichen Institutionen und Verbänden wie zum Beispiel den diakonischen Einrichtungen der Kirchen, des Roten Kreuzes, der Volkssolidarität in den neuen Bundesländern, in der Land- und Forstwirtschaft, in Naturschutzgebieten, in kulturellen Einrichtungen und wo sonst noch in der Gesellschaft ein Einsatz sinnvoll, erforderlich und nach den bisherigen Erfahrungen möglich ist. Dabei ist mehr als bisher an die Pflege alter und gebrechlicher Menschen in ihren Wohnungen und an die Unterstützung von Familien zu denken. Mit der Bereitstellung von „Mitteln“ (Pflegeversicherung oder – um in der aktuellen Diskussion zu bleiben – Finanzierung eines neuen Hüftgelenks bzw. einer Erhöhung des Kindergeldes) ist es gerade in diesen Fällen nicht getan. Entscheidend für eine menschenwürdige Betreuung der alten und behinderten Menschen, aber auch der Kinder eines berufstätigen Ehepaares, ist die persönliche Zuwendung in der gewohnten Umgebung. Dazu bedarf es in den meisten Fällen keiner langjährigen Ausbildung, sondern des Willens, der Aufgeschlossenheit und der Verantwortung für die Erfüllung der übertragenen Aufgaben. Mitmenschliche Beziehungen lassen sich nur sehr bedingt mit finanziellen Mitteln aufbauen – also auch nicht durch die anstandslose Bewilligung von Hüftgelenken, Zahnprothesen, Gleitsichtbrillen und Medikamenten aller Art – so wichtig dies auch ist -, sondern in erster Linie durch das Vertrauen auf Beistand und individuelle Hilfe in schwierigen Abschnitten des Lebens. Deshalb sollte auf keinen Fall der Eindruck entstehen, als ob der Zivildienst eine Art Beschäftigungsprogramm für Arbeitslose ist oder ein durch die Notlage unserer Sozialsysteme diktiertes Finanzierungsmodell. Dies eben gerade nicht, obwohl dieser Effekt auch entsteht. Er muß begriffen und gestaltet werden sowohl unter den Gesichtspunkten eines neuen „Generationenvertrages“ als auch denen eines nicht minder notwendigen Bildungsangebotes für unsere Jugendlichen zu einer realistischen Orientierung auf dem Wege in ihre eigene Zukunft.

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