Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Mit häßlichen Grüßen

Im Berliner Museum für Kommunikation (früher Postmuseum) wird zur Zeit eine Auswahl judenfeindlicher Postkarten aus Deutschland, der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn sowie der ersten österreichischen Republik vorzugsweise der Zeit zwischen 1880 und 1920 präsentiert. In ihren wesentlichen Teilen basiert sie auf Stücken der Sammlung des Frankfurters Wolfgang Haney, Ingenieur im Ruhestand, der vor einem guten Jahrzehnt begann, solche Objekte zu sammeln, nachdem er sich zuvor als Numismatiker einen Namen gemacht hatte. Haney, der die Postkarten von vornherein zur Aufklärung über die Gefahren derartiger Darstellungen verwenden wollte, war selbst vom Antisemitismus unmittelbar betroffen. Als Sohn einer Jüdin litt er nicht nur bis 1945 unter zahlreichen Diskriminierungen, sondern erlebte auch den Weg seiner Mutter in die Illegalität, der sie vor einer Deportation bewahrte, hautnah mit. Dieser persönliche Hintergrund spiegelt sich auch in der Wahl seiner Sammelobjekte wider. So sagt Haney zu seiner Motivation, sich auf ein solches Gebiet zu spezialisieren, in einem Interview, welches im Katalog abgedruckt wurde: „Meine Familie und ich sind in Deutschland verfolgt worden. Aus diesem Grunde habe ich anfangs nur deutsche antisemitische Karten gekauft und ganz gezielt wenig ausländische. Allerdings sind viele erhältlich. Am häufigsten sind die polnischen und russischen Karten. Außerdem gibt es viele US-amerikanische, britische und weniger französische antisemitische Postkarten. Ich habe diese (letztere) Karten anfangs nicht erworben, weil ich den Deutschen nicht die Möglichkeit geben wollte, zu sagen, daß die anderen auch nicht besser waren als sie.“ Zwar hat Haney in den letzten Jahren von dieser Position Abstand genommen und auch antisemitische Karten aus dem Ausland seiner Sammlung hinzugefügt. Dennoch liegt das Hauptaugenmerk weiterhin eindeutig auf Deutschland und Österreich. Unter solchen Gesichtspunkten kann das ausgewählte Material trotz aller Bemühungen nicht wirklich „repräsentativ“ sein, obwohl dies von den Autoren des Begleitbandes an zahlreichen Stellen behauptet wird. Daß ohnehin eine klare Schwerpunktsetzung stattfindet, wird auch in der Konzeption der Ausstellung deutlich: So finden bei der jetzigen Berliner Präsentation im Gegensatz zu dem vor wenigen Jahren in Frankfurt/Main gezeigten Vorgänger die ausländischen Stücke der Sammlung keine Berücksichtigung – aus „Platzgründen“, wie in der Pressekonferenz zur Eröffnung der Ausstellung am 8. Oktober zu hören war. Abgesehen von solchen formalen Kriterien fallen in der Ausstellung und im Band zahlreiche weitere Ungleichgewichtungen auf: Während der Betrachter bzw. Leser über antisemitische Vorurteile und die sich in den Bildern ausdrückenden Stereotype detailliert unterrichtet wird, fallen die Angaben über die tatsächliche Bedeutung der gezeigten Objekte im Rahmen des gesamten Briefpostverkehrs zur Entstehungszeit sehr vage aus: Man erfährt lediglich, daß die Auflagenhöhe der antisemitischen Karten „stark schwankte“. Gehäuft werden zwar kleinere völkische Gruppen und bekannte Einzelpersonen wie Theodor Fritsch oder Hermann Ahlwardt als Unterstützer und Auftraggeber der Produktionen angegeben, ohne jedoch auf deren tatsächliche politische Bedeutung in der Gesellschaft näher einzugehen. Ferner wird von Kongressen antisemitischer Parteien und Organisationen zur Entstehungszeit vieler Karten berichtet, ohne jedoch zum schnellen Scheitern der meisten sich ausschließlich auf den Antisemitismus konzentrierenden Institutionen vergleichbare Angaben zu machen. Selbst eine Untersuchung der sozialen Gruppen, aus denen die Käufer und Übermittler von derlei Botschaften kamen, fehlt vollständig, obwohl aus den schriftlichen Notizen auf den Ausstellungsobjekten sicherlich zumindest Rückschlüsse möglich gewesen wären. So bleiben die meisten Interpretationen im Bereich der bekannten Auffassungen vom Antisemitismus als Mittelstandsphänomen, das nach und nach fast alle gesellschaftlichen Gruppen in Deutschland erfaßte, und allgemeinen Klischees, die man schon in Daniel Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ nachlesen konnte. Ratsam wäre gewesen, zunächst der Frage nachzugehen, inwieweit eine Sammlung antisemitischer Postkartenmotive überhaupt mehr als nur einen marginalen Beitrag zur weitergehenden Antisemitismusforschung liefern kann. Wenn es eine Lehre aus der Ausstellung zu ziehen gibt, dann die Forderung nach einer Aneignung intellektueller Fähigkeiten zur kritischen Hinterfragung von Klischees und zur Sensibilisierung gegen jede Art einfacher Schuldzuschreibungen nach dem bloßen Sündenbockprinzip.

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