Einblicke in eine so ferne wie nahe Landschaft

Vom 4. bis 7. September veranstaltete das Institut für Statspolitik (IfS) in Thüringen seine 4. Sommerakademie. Diesmal hatte sich die Teilnehmerzahl auf siebzig erhöht. Diese Resonanz steht für das intellektuelle Klima, an dem hier Publikum und Referenten teilhaben. Beispielhaft die intensiv praktizierte Interdisziplinarität, welche die humanwissenschaftlichen Potentiale ausschöpft, mit theoretischen Aspekten durchdringt und in politischer Urteilsbildung energisch verknüpft. Das Programm war diesmal zweigeteilt. Das unerschöpfliche Thema „Rechts und Links“ wurde jetzt auf seinen ersten Aspekt hin befragt; die Linke soll im Frühjahr folgen. Der Historiker Karlheinz Weißmann, Spiritus rector des Instituts, überprüfte das Rechts-Links-Schema in der Metareflexion auf sein Erklärungspotential, sprach dann über die Deutsche Bewegung als prägendes Ideensyndrom. Till Kinzel kreiste den Phänotyp des modern-apolitischen „Reaktionärs“ am Beispiel Nicolás Gómez Dávilas ein, gegen welchen sich der Liberalkonservative Alexis des Tocqueville, dargestellt von Eberhard Straub, abhob. Stefan Scheil charakterisierte die europäischen Faschismen ihrer Kernstruktur nach, und Martin Hoschützky zeigte am historischen wie aktuellen Populismus einige Problemaspekte moderner Demokratien auf. Schließlich berichtete Götz Kubitschek kenntnisreich und bündig über „Wanderungen und Wandlungen“ der Neuen Rechten seit 1945. Entscheidend für die Nachkriegsjahre war die Abwendung von überkommenen völkischen und NS-Traditionen und eine intellektuelle Neugründung im Umkreis der Denker Arnold Gehlen, Hans Freyer, Helmut Schelsky, die universalhistorisch und zumeist stark soziologisch ausgerichtet vor dem Hintergrund der Kulturschwellen-Theorie und als Erben der großen Analysen Max Webers, Georg Simmels und Werner Sombarts sich für die Erkundung der menschlichen Situation in der zeitgenössischen Industriegesellschaft interessierten: Befunde, in welchen das kulturkritische Potential noch nachwirkt, die nun freilich stoischer die Irreversibilität der Entwicklung auf eine transhistorische Technokratie hin bezeugen. Dann die Zäsur um 1980, nach dem ersten Jahrzehnt linker Gesellschaftsexperimente. Kubitschek unterscheidet hier im wesentlichen drei Gruppen: „Neo-Nationalisten“, „Volkskonservative“ und „Anarchisten“. Als Exponenten der ersten können Bernard Willms († 1990) und der Publizist Hans-Dietrich Sander gelten. Vertreter der zweiten Gruppe orientieren sich an jungkonservativen Ideen der Weimarer Zeit und thematisieren die Skepsis am EU-Prozeß, die Mitteleuropa-Vision, stellen die neue Multikultur in Frage und verweisen auf das Entstehen prekärer Parallelgesellschaften. Die intellektuellen „Waldgänger“ schließlich orientieren sich in Lebensform und Denken an Ernst Jünger, verweigern politisches Engagement bewußt. Weshalb scheiterte die Rechte mit sämtlichen Wirkungsabsichten? Zu Recht zeigte Kubitschek das totale Defizit von sozialen Netzwerken, Subkulturen, Sondermilieus auf – ganz im Kontrast zur Linken, die ja seit den 1960er Jahren eine umfassende Gegenkultur mit neuartigen Lebensstilen, Verhaltensmustern und Sozialeinrichtungen hervorgebracht hat, was erst der Solidarzusammenhang einer ganzen Generation leisten konnte. Seit dem Ende des Kalten Krieges hat sich zudem eine spezifische „Herrschaft des Verdachtes“ etabliert, die „normale“ Standpunkte der fünfziger Jahre delegitimiert und weltanschaulichen Positionen die Berechtigung nimmt, die früher nicht nur als vollkommen legitim angesehen wurden, sondern heute noch in den übrigen Staaten der westlichen Welt so aufgefaßt werden. Strukturmangel läßt Rechte immer wieder scheitern Weißmann befragte zunächst das Begriffspaar „Links – Rechts“ nach Tragfähigkeit und (aktueller) Gültigkeit, heute in vielfachen Zweifel gezogen. So von Anthony Giddens, der diesen Politkode nach Wegfall des Ost-West-Gegensatzes als obsolet empfindet und unsere Situation durch Individualisierungsdynamik, Globalismus und einen spezifisch postmodernen Partikularismus, also „Fraktalität“ in jedem Sinn gekennzeichnet sieht. Weißmann unterscheidet vier grundsätzliche Einschätzungen. Erstens: Als ephemere Funktion erscheint Linkes und Rechtes situationsperspektivisch, die Probleme „wandern“, und die Bewertungen „gleiten“. Als historisch sachhaltig bestimmter erweist sich, zweitens, das Links-Rechts-Modell für die Erschließung des 19. Jahrhunderts, bei der Identifizierung systematischer Positionen, die auf die neue, von der Revolution verursachte Wirklichkeit reagieren. Im Gegensatz hierzu steht drittens ein Theoretiker wie Norberto Bobbio, der den Gegensatz zur ewigen, gleichwohl nicht-essentialistischen Struktur erhebt (Partei der Herrschenden = rechts, Partei der Unterdrückten = links) und rein formalistisch auslegt. Bobbios historisch inkonsistenter Versuch legt indes nahe, viertens, das Schema zu füllen mit Grundmotiven, die sich im geschichtlichen Wandel durchhalten, faßt man sie auf als unverändert bleibende Züge eines linken und rechten Menschenbildes und Gerechtigkeitsbegriffs; auch dies gewiß nicht unproblematisch angesichts der Pluralität rechter Theorien seit 1800. Weißmann präzisiert das in der Zuordnung einer optimistischen Anthropologie, der auch der Gedanke unaufhörlicher Pädagogisierung entspringt (links) und eines skeptischen, tendenziell pessimistischen Menschenbildes, das die conditia humana als gefährdet wahrnimmt und so ordnungspolitisches Denken begünstigt (rechts). Der Gerechtigkeitsbegriff will dabei die Individuen grundsätzlich angleichen (links) oder aber, in Akzeptanz der Differenzen, „jedem das Seine“ ermöglichen (rechts), übrigens schon ein Prinzip der stoischen Ethik. Zukunftsorientierung (links) und Traditionsleitung (rechts) einerseits entsprechen andererseits planerische Rationalität, Konstruktionseifer und Abstraktionsfreudigkeit (links) und ontologisches Ursprungsdenken, Erfahrungsorientierung und konkrete Anschauung (rechts). Angesichts eines allgemeinen „Linksmystizismus“, der schließlich in Verteufelung des „Rechten“ gipfelt, berührt es sonderbar, daß die anthropologische Seitenwertung ursprünglich positiv ist, so auch die der religiösen Symbolik, welche der Linken einen geradezu sinistren Touch beilegt. Der Dualismus von abstrakten „Konstrukteuren“ und konkreten „Nominalisten“ scheint hingegen auf eine generelle Entfremdungsform der Moderne zu verweisen, die Erfahrung und Idee zerreißt, was bereits der kategorische Imperativ Kants ausdrückt. Beides zusammenzudenken als gegenseitige Erfüllung, beanspruchte die „Deutsche Bewegung“, deren wesentliche Züge Weißmann in einem meisterlichen Referat darlegte. Dieser „Sonderweg“ forderte im Kern eine umfassende geistige Erneuerung, die der Wiedervereinigung von Glauben und Wissen entspringen sollte. Als eigentliche Realität bezeichnet sie die „innere Einigkeit“ alles Lebendigen; diese galt es „mit geistigem und göttlichem Wesen zu sehen“ (Schelling). Deutscher Idealismus und Romantik als Simultanprojekt zur Aufklärungsrationalität erstaunen noch heute, wurde hier doch nichts weniger als eine spirituelle Revolution unternommen, welche die „höheren Organe“ des Menschen neu beleben sollte. Staatsgedanke, geschichtliche Orientierung, Individualitätsidee, Volksgeist, Kunst als Organ des Göttlichen, „Kritik“ als nachschaffendes Verstehen gehören dazu. Weißmann verfolgte dies Programm durchs 19. Jahrhundert, über den Ersten Weltkrieg mit seiner Niederlage der deutschen „Ideen von 1914“ bis zum Nationalsozialismus, der die Romantik als unpolitisch und „untüchtige“ Spinnerei deklassierte. Solche Polemik, nun im Zeichen des „Irrationalismus“, setzte sich nach 1945 fort, als alle deutschen Traditionen unter Generalverdacht gerieten. Eberhard Straubs beziehungsreiche und farbensprühende Vergegenwärtigung von Alexis de Tocqueville als großen Liberalkonservativen des 19. Jahrhunderts stimuliert, sich wieder einmal dessen „Demokratie in Amerika“ (1835/40) vorzunehmen. Straubs fesselnde Interpretation hob dabei besonders auf den prophetischen Gehalt der Aussagen über Utilitarismus in liberalen Wirtschaftsgesellschaften, Privategoismus, Nivellierungstendenzen und deren postheroischen Charakter ab und verlängerte sie in jene „Horizonalisierung“ hinein, die sich heute im Gefolge der Globalisierung allen Lebens bemächtigt, nicht ohne die schillernde Komplexität und Widersprüchlichkeit des aristokratischen Frühdemokraten und humanen Imperialisten provokant auszuformulieren. Ganz anders nimmt sich der existenzielle und geistige Ort eines Denkers wie Dávila (1913-1994) aus, der allmählich dank des Karolinger-Verlags hierzulande bekannt wird und den Till Kienzel, Autor der im September in der Edition Antaios erscheinenden Monographie („Nicolás Gómez Dávila. Parteigänger verlorener Sachen“), dem Publikum vorstellte. Dávila, der als radikaler Kulturkritiker der Massengesellschaft sich vom politischen Leben zurückgehalten und seine Freiheit in kontemplativer Einsamkeit bewahrt hat, ein „spiritueller Guerillero: asketisch, mönchisch, autoritär, hierarchisch“ und als emphatischer Traditionalist zwischen den antiken Klassikern als humanistischem Lesemysterium und der theologischen Polemik über des modernen Menschen „Flucht vor Gott“ oszilliert, schuf mit seinem Werk eine „Ästhetik des intellektuellen Widerstands“, die hierzulande an Botho Strauß, mehr noch an den Weltweisen Ernst Jünger erinnert. Stefan Scheil nahm den Einstieg in die Frage nach dem Faschismus auf ikonographischem Weg. Dem entspricht auch Ernst Noltes eben bei Antaios erschienener Faschismus-Band („Texte, Bilder, Dokumente“) – die primäre Wahrnehmung als optisch-ästhetisches Phänomen: Männer, Uniformen, Massenaufmärsche, charismatische Führerfiguren, martialischer Habitus, heroischer Glanz. Dieser antiliberale und antibürgerliche Gestus ist zugleich antimarxistisch, antiparlamentarisch, völkisch und zukunftsorientiert. Scheil verdeutlichte bei aller schillernden Diversität des Gegenstandes das Prinzip „nationaler Selbstbehauptung“ als eigentlichen Kerngehalt in den politischen Wirren und Sinnkrisen der Zwischenkriegszeit, wobei der voluntaristisch-utopisch-offensive Zug des Faschismus ins Auge fällt: eine „Methode, kollektive Energie zu bündeln“ und für eine „weltliche Religion“ zu mobilisieren. Spannend am Populismus-Thema war seine historische Verortung, die Martin Hoschützky in den USA aufzeigte, nämlich in der agrarischen Protestbewegung der 1890er Jahre. Urbanisierung, forcierte Industrialisierung, Monopolbildung, Aushöhlung des Parlamentarismus durch gewiefte Lobbies und oligarchische Tendenzen des Parteiensystems, hatten zu einer Entfremdung der Farmer von ihren Repräsentanten geführt, mithin eine Legitimationskrise der Demokratie provoziert. Dieser Scheindemokratie gegenüber fordert der neue Populismus plebiszitäre Elemente, eine basisdemokratische Selbstorganisation des Volks in einem neuartigen „Wir-Gefühl“, einem „authentischen Populismus“. Die Linke polemisierte den Populismus-Begriff Diesem Vokabular steht ein polemischer Populismus-Begriff der Linken gegenüber, die seit den 1970er Jahren eine neue politische Figur ausmacht, deren autoritärer und manipulatorischer Charakter den neoliberalen Politikstrategien der Regierungen Thatcher und Reagan zugeschrieben wird. Definitorisch lautet das dann auf eine „von neokonservativen Regierungen praktizierte Strategie, in der eine unaufgeklärte, von vorrationalen Motiven durchsetzte Mehrheitsmeinung systematisch in Regie genommen wird“, und man „sich der Ressentiments und Vorurteile verunsicherter Bürger zum Zweck der Machterhaltung“ bedient. Bleibt, immer wieder, die Frage nach der deutschen Nation. Wohin ist sie verschwunden? Hat sie sich in Luft aufgelöst, bleibt sie gefangen im finsteren Mythos des weltgeschichtlichen Tätervolks und kosmischen Sündenbocks oder sitzt sie wie weiland Kaiser Barbarossa im Kyffhäuser, einstens wiederzukommen? Karlheinz Weißmann befand, sie sei nur mehr „metaphysisch“. Was das nun wieder heißen mag? Wenn es wahr ist, daß der Nationen innerstes Wesen teilhat an der absoluten Realität und ein „Gedanke Gottes“ bleibt, auch über Verfehlung und Katastrophen hinweg, muß hier ein unversiegbarer Quell liegen. Das zwingt uns freilich, wie im orientalischen Märchen, nach der unsichtbaren Türöffnung in der Mauer zu fahnden. Der Fund machte dann nicht bloß den unzerstörbaren Grund des deutschen Volkes, sein inneres Lebensprinzip offenkundig, sondern verwiese zugleich in seine universellste Dimension, ein mythisches Fenster, die geistige Freiheit vielleicht zum Überstieg in eine ebenso ferne wie nahe Landschaft. Institut für Staatspolitik, Rittergut Schnellroda, 06268 Albersroda. Tel./Fax: 03 46 32 / 9 09 42, Internet: www.staatspolitik.de

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