Ein neuer Ur-Beginn

Der Wanderer wartet. Auch Alberich wartet vor der Drachenhöhle, Siegfried wartet im Klassenzimmer seiner kaputten Kindheit auf die Zukunft wie auf die Aufklärung – über seine Mutter, sein Schicksal -, und Mime wartet schlafend auf den, der das zerborstene Schwert kitten wird. Der Riese Fafner schläft mit seinem Goldball, Erda schläft den ewigen Schlaf unter ihrer Erddecke, und Brünnhilde schläft, um vom unbesiegbaren Helden erweckt zu werden. Warten und Schlafen – dies sind, zwischen den mörderischen Duellen der „Ring“-Protagonisten, die wichtigsten Eigenheiten der Antihelden, die im „Siegfried“ zu Tode kommen oder das Weltendrama antreiben, ohne es doch bestimmen zu können, denn Scheiternde sind sie ausnahmslos alle. Nur für Siegfried und Brünnhilde scheint eine lichte Zukunft möglich. Daß schon so mancher Regisseur an der Tetralogie Richard Wagners gescheitert ist wie Wotan, Alberich, Fafner und Co.: Willy Decker konnte es in Dresden nach einem inspirierten „Rheingold“ mit der nur in einzelnen schönen Bildern geglückten „Walküre“ leidend erfahren, doch nun hat er sich, mutig wie nur einer, der das Fürchten nicht gelernt hat, auf einen neuen Anfang besonnen. Daß der „Ring“ ein Stück Welttheater ist, das von der Urmutter Erda in einem atmosphärisch starken, doch schlecht bespielbaren Welt-Theater-Raum geträumt wird: diese Idee wurde nun mit einem durchweg geglückten „Siegfried“ größtenteils ad acta gelegt. Ein wunderbar stimmiges Bild in der letzten Szene zitiert (neben der kasperlebühnenmäßigen Drachenhöhle) zwar noch die Theatermetapher, wenn – absolut passend zur musikalischen wie dramaturgischen Linie der Erweckungsszene – Brünnhildes Walküren-Schwestern in jenen Stuhlreihen stehen, die Deckers Bühnenbildner und Mitgestalter Wolfgang Gussmann mit der ersten Szene abgeräumt hat. Hier mögen die auf einen Haufen geschmissenen, arg beanspruchten Stühle noch an die alte Idee erinnern, doch nun werden sie dramaturgisch sinnreicher und vor allem problemloser genutzt. Auch darin ist Decker stark: daß er einen bedeutungsvollen Symbolismus souverän mit thetralischen Erfordernissen zu verbinden weiß, und so warten der Wanderer, wartet Alberich auf denjenigen, der ihm die Weltherrschaft verschaffen soll. Das alles passiert in einem Theaterraum, der mit seinen schnell wechselnden Leer- und Symbolräumen geschickt zwischen dem grünen Märchen und der großen Allegorie vermittelt. Es gehört zu den Eigenheiten dieser Inszenierung, daß gerade eine wichtige Figur wie Mime prachtvoll konturiert ist. Der wundersam klar artikulierende Robert Wörle gibt den Zwerg als hintergründig angelegtes Ekel, der mit seinen altehrwürdigen Erziehungsmethoden schlicht und einfach überfordert ist. Die Kasperle-Siegfried-Puppe und die große Schiefertafel, mit der er dem Ziehsohn „die Welt“ erklären will, ist auch dazu gut, einen Kreidedrachen zu imaginieren, der schließlich in einem grandiosen Wald-Bild lebendig wird. Bekanntlich gehört es zu den größten Schwierigkeiten des „Ring“, die mythischen Gestalten einigermaßen stimmig zu gestalten. Hier ist es prachtvoll gelungen, auch mit der mineralisch anmutenden Gestalt der lemurenhaften, blinden Erda, auch mit dem entzückenden Waldvogel, der als Siegfrieds alter ego – im unschuldig weißen Knabenanzug mit Kellerfalte – die innere Stimme des jungen Mannes anrührend verkörpert, bevor er sich, hat Siegfried erst einmal das Fürchten gelernt, verabschieden muß. Man spürt: auch dieser „Ring“ spielt in einem Kunst-Raum, aber Decker vermag zu zeigen, daß der „Ring“ im Hier und Heute angesiedelt ist. Schön, daß er dabei auf allzu wohlfeile Aktualisierungsversuche verzichten kann – denn er weiß, daß gerade der „Siegfried“ mit seiner konzentrierten Pubertätsgeschichte eines jungen Mannes im totalen Erziehungsnotstand von zeitloser Gültigkeit ist. Dafür bürgen auch die glänzenden Sängerdarsteller, allen voran Robert Hale als überlegener Wanderer, der im rhetorischen Kampf mit Mime und Alberich ein gehöriges Maß an Süffisanz ausstrahlt. Der Siegfried des Alfons Eberz ist ein durchaus jugendlicher, vokal wie spielerisch bewegter Typ, dem die strahlende Höhe wie die genaue Artikulation abgehen mag. Schön aber, wie er die wichtigen lyrischen Momente gestaltet und noch die horrend schwierige Schlußszene bewältigt, ohne von der gewohntermaßen stimmschönen Brünnhilde Deborah Polaskis im Himmelsraum des Finale dominiert zu werden. Hartmut Welker gibt, in Fortsetzung seines „Rheingold“-Alberich, den charakteristisch herben Zwerg als latent verzweifelten, fast schon rührenden Ganoven. Kurz und gut: der Fafner Kurt Rydls. Ebenso präzise wie poetisch: der Waldvogel der Christiane Hossfeld, deren Glockenstimme zu den Schätzen der Sächsischen Staatsoper gehört. Schließlich, doch nicht zuletzt, Birgit Remmert als eindringlich-eindrückliche Erda, die zusammen mit Robert Hale vor der zerbrochenen Erdkugel die Szene zum Weltendrama erweitert. Michael Boder leitet die Sänger mit großer Sicherheit durch die schwierige Partitur, um auch die vielen leisen Stellen des orchestralen Wunderwerks mit der Sächsischen Staatskapelle zu realisieren. Diesmal produzierte sie, zusammen mit einer spielerisch animierten Szene, einen haltbaren Abend, der für die „Götterdämmerung“ nur Gutes hoffen läßt. Die Premiere ist für den 31. August 2003 vorgesehen. Wir warten schon darauf. Die nächste Aufführung in der Dresdner Semperoper, Theaterplatz 2, findet statt am 4. Mai. Der gesamte „Ring“-Zyklus wird im April 2004 zu sehen sein. Info: 03 51 / 49 11-0

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