Einsichten in ein schiefes Licht gerückt

Dissertationen haben die Aufgabe, Neuland der Forschung zu entdecken, nicht oder nicht hinreichend geklärte Fragen zu beantworten. Dabei sind die Ansprüche an den Umfang einer Doktorarbeit im Laufe der letzten hundert Jahre dramatisch gestiegen. Während viele zu Bedeutung gelangte Gelehrte noch in der Nachkriegszeit Untersuchungen von fünfzig oder sechzig Seiten vorlegten, findet man heute sogar mehrbändige Dissertationen. Mit mehr als achthundert Seiten steht die Untersuchung von Sven Reichardt über „Faschistische Kampfbünde“ also nicht völlig außerhalb der Norm, obgleich das Format etwas Einschüchterndes hat. Was die Themenstellung angeht, so könnte der hier unternommene Vergleich der italienischen Squadre mit der deutschen SA tatsächlich eine Lücke füllen, zumal, wenn er auf empirischer Grundlage durchgeführt wird. Reichardt kommt bei seiner Untersuchung zu dem Ergebnis, daß man bei allen Differenzen von einer „relativen Ähnlichkeit“ zwischen den Kampfbünden des Faschismus und des Nationalsozialismus sprechen könne. Unterschiede, wie die eher städtische (auch proletarische) Prägung der SA und die eher ländliche (und bürgerliche) der Squadre seien auf die jeweilige soziale Struktur der Heimatländer zurückzuführen, ohne daß daraus weitergehende Schlußfolgerungen gezogen werden sollten. Große Übereinstimmungen fanden sich im Hinblick auf die Orientierung an Kameradschaft, dem Selbstwert der „Tat“, auch und gerade der gewaltsamen, der Verklärung von Jugend und Tod. Begrenzt waren sie durch die ideologischen Konzepte des Faschismus einerseits, des Nationalsozialismus andererseits: So ging man zwar noch einig in der Bewertung des Krieges als großem Erzieher und der Linken als Feind, aber für die antisemitische Ausrichtung der SA gab es im Squadrismus keine Entsprechung. Da das Auftreten von Kampfbünden in der Zwischenkriegszeit kein auf den Faschismus und den Nationalsozialismus beschränktes Phänomen war, bleibt die Frage, wie schwer solche Unterschiede im Weltanschaulichen überhaupt wiegen, und ob es nicht naheliegen könnte, das Augenmerk ganz auf die Struktur der Parteimilizen zu richten. Reichardt diskutiert deshalb in einem Kapitel seines Buches die Möglichkeit des Vergleichs von Squadra und Sturm mit entsprechenden Gliederungen der Kommunisten, vor allem des Roten Frontkämpferbundes in Deutschland. Er sieht dabei durchaus Übereinstimmungen, etwa im Hinblick auf „frustrierende sozioökonomische Deprivationserfahrungen“, „männerbündlerischen Militarismus“, „Gewaltaffirmation“, „Dauermobilisierung“ und „totale Organisation“, weist aber auch auf die – aus seiner Sicht schwerer wiegenden – Differenzen hin: Die „Männlichkeitskonstruktion“ habe links weniger militanten Charakter gehabt als rechts, was auch an einer latenten innerkommunistischen Kritik der „Soldatenspielerei“ zu erkennen war, die in deutlicher Spannung zu den erwarteten paradiesischen Zuständen stand, und schließlich habe es für den RFB (Roten Frontkämpferbund) immer die Einbettung in ein homogenes proletarisches Milieu gegeben, während die größere soziale Heterogenität der SA diese ganz auf die eigene Gruppe verwies. Vor allem aber, so Reichardt, diente die Gewalt den Kommunisten kaum als Selbst-, sondern regelmäßig als „Revolutionszweck“. Eine Vorstellung, für die er wenig mehr Belege liefert, als die Selbstaussagen einiger faschistischer und nationalsozialistischer Kampfbundführer und die offenbar kritiklose Anerkennung des normativen Selbstverständnisses der Kommunisten. Es ist damit nicht irgendeine Nebensächlichkeit berührt, sondern ein Kernproblem der ganzen Untersuchung, die in Teilen von Annahmen ausgeht, die alle Einsichten in ein schiefes Licht zu rücken drohen. Dazu gehört einmal die These von der fatalen Wirkung des neuen Männlichkeitsentwurfs, der um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden war, und zum anderen die Idee, daß es qualitative Unterschiede zwischen den verschiedenen Formen ideologisch motivierter Gewalt gebe. Die erste dieser beiden Voraussetzungen wird von Reichardt sehr deutlich hervorgehoben, wenn auch im einzelnen unpräzise und fehlerhaft begründet (Herman, nicht Hermann Schmalenbach erarbeitete die „soziologische Kategorie des Bundes“, der Inhalt des Buches von Heinrich Schurtz über „Altersklassen und Männerbünde“ ist falsch wiedergegeben, von einer allgemeinen Zustimmung zu dessen Thesen konnte keine Rede sein). Ihre Plausibilität verliert sie in dem Maße, in dem sogar noch der organisierte Terror der Regime – nach der Bewegungsphase – auf die Dynamik, die Gewalttätigkeit und die charismatische Führung in männerbündischen Formationen zurückgeführt wird. Anders als die erste, ist die zweite Voraussetzung nur indirekt zu erschließen. Einen deutlichen Hinweis enthält aber die irritierende Art und Weise, in der Christian Strieflers Arbeit über kommunistische Gewalt in der Weimarer Republik (unter Rekurs auf die Zeit, das aus dem Reemtsma-Institut stammende Organ 1999 und die als Erbe der DDR-Historiographie fortexistierende Zeitschrift für Geschichtswissenschaft) vorgeworfen wird, „unkritischer Übernahme zeitgenössischer antikommunistischer Angaben“ zuzuneigen. Reichardts eigene Versuche, die zum Teil nur sehr dürftigen statistischen Daten in einem anderen Sinn zu interpretieren und damit das Bild der wesentlich gewalttätigeren und offensiveren Rechten zu stützen, gelingt nur durch ein manipulatives Setzen der zeitlichen Schnitte: So beschränkt er sich im italienischen Fall auf die Phase zwischen 1920 und 1922 unter Ausblendung des „roten Jahres“ 1919, in dem Sozialisten und Kommunisten das Land durch zahlreiche Übergriffe an den Rand der Revolution geführt hatten, und er konzentriert sich für Deutschland auf die Jahre der Agonie 1929 bis 1933, ohne daß der Anfang der Republik, die Bedingungen der Novemberrevolte und die kommunistischen Aufstandsversuche wirklich in den Blick genommen würden. Es soll Reichardts Untersuchung damit nicht jeder Wert bestritten werden, aber wahrscheinlich hätte der Verfasser besser daran getan (und wäre von seinen Doktorvätern entsprechend beraten worden), die Darstellung deutlich zu straffen und sein „erkenntnisleitendes Interesse“ einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Sven Reichardt: Faschistische Kampfbünde. Gewalt und Gemeinschaft im italienischen Squadrismus und in der deutschen SA, Industrielle Welt, Bd. 63. Böhlau Verlag, Köln 2002, gebunden, 814 Seiten, 59 Euro

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen

Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.

aktuelles