Bücherfest als Naherholung

Mit einem neuen Besucherrekord ist am 15. Juni die 62. Madrider Buchmesse zu Ende gegangen. Über drei Millionen Literaturbegeisterte fanden sich in den ersten beiden Juni-Wochen im Retiro-Park der spanischen Hauptstadt ein, um sich ein Bild über die neuesten Veröffentlichungen der Verlage zu verschaffen – 150.000 mehr als im vergangenen Jahr. Die Veranstalter zeigten sich mehr als zufrieden. „Wenn die brütende Hitze der letzten Tage nicht gewesen wäre, dann wäre der Zuwachs an Besuchern gewiß noch größer gewesen“, erklärte der Direktor der Fería del Libro, Antonio Albarran. Einem weiteren Wachstum stehen die Verantwortlichen skeptisch gegenüber. Ausgerechnet am Wochenende, wenn der Ansturm auf die Bücherstände einsetzt, mischen sich zusätzlich 250.000 Männer, Frauen und Kinder, die den größten Park der spanischen Hauptstadt lediglich zu einem Spaziergang nutzen wollen, bei freiem Eintritt unter die Besuchermassen. Dann ist in dem Menschengewühle kein Weiterkommen mehr. „Wir müssen künftig versuchen, die Messebesucher dazu zu bewegen, an den Wochentagen zu kommen“, sagt denn auch Albarran, aber wie er das konkret anstellen will, ist vorerst noch sein Geheimnis. In nüchternen Zahlen läßt sich die Bilanz der diesjährigen Madrider Buchmesse folgendermaßen ausdrücken: 378 ausstellende Verlage (13 weniger als 2002), die für 9,1 Millionen Euro Bücher an die Besucher verkauften, über 2.000mal signierten Autoren ihre Bücher, 200 kulturelle Veranstaltungen fanden statt. Vergleicht man sie mit der Lage, in der sich die spanische Buchindustrie gegenwärtig befindet, so kann man in der Tat von einem gewissen Erfolg sprechen. Wie fast überall in Europa ist auch auf der iberischen Halbinsel der Buchverkauf rückläufig. Die spanischen Verlage leiden zudem darunter, daß ein wichtiger Markt, der südamerikanische Kontinent, infolge der dort herrschenden wirtschaftlichen Krise zunehmend wegbricht. Viele bedeutende spanischschreibende Schriftsteller waren zur Fería nach Madrid gereist, um dort ihre neuerschienenen Bücher dem Publikum vorzustellen. So beispielsweise der Peruaner Mario Vargas Llosa, der seinen neuen Roman „El paraíso en la otra esquina“ („Das Paradies an der nächsten Ecke“) anpries. Dulce Chacon rührte die Werbetrommel für „La voz dormida“ („Die schweigende Stimme“), das von der Madrider Buchhändlervereinigung zum Buch des Jahres 2002 gekürt wurde. Fast als eine Sensation wurde gewertet, daß Juan Goytisolo, einer der wichtigsten und angesehensten spanischen Schriftsteller der Gegenwart, die diesjährige Messe eröffnete. 27 Jahre lang hatte er sie nicht mehr betreten, nun hielt er einen fulminanten Vortrag über den schier unauflöslichen Widerspruch zwischen kommerzieller Buchindustrie und der reinen Poesie, die nichts im Sinn hat außer sich selbst. Inhaltlich stand die Messe unter dem Motto „Encuentro de las Tres Culturas“ („Treffen der drei Kulturen“). Damit waren das Christentum, der Islam und das Judentum gemeint. Es erinnerte an das konfliktfreie und fruchtbare Zusammenwirken dieser drei großen monotheistischen Weltreligionen im ausgehenden Mittelalter auf der iberischen Halbinsel, ein Thema, das heute von bedrückender Aktualität ist. „Wir haben den Teilnehmern an den verschiedenen Veranstaltungen, die sich diesem Motto gewidmet haben, die Möglichkeit gegeben, sich davon überzeugen zu lassen, daß der Dialog und das Kennenlernen des Anderen unentbehrliche Werkzeuge sind, um Spannungen aufzulösen und ein künftiges friedliches Zusammenleben zwischen den Nationen, Kulturen und Völkern zu schaffen“, sagte Fernando Valverde, Präsident der Madrider Buchmesse. Zu den unbestreitbaren Gewinnern der Messe gehörten diesmal die spanischen Erzählerinnen – sie konnten ihre Romane im Ausland erfolgreicher vermarkten als ihre männlichen Kollegen. Und in der großen Madrider Tageszeitung El País wird mit Wohlwollen vermerkt, daß gerade Deutschland sich besonders für die junge weibliche Literatur Spaniens interessiert, im Gegensatz zu Großbritannien, das nur eine sehr geringfügige Zahl spanischer Bücher ins Englische übersetzt. „Bis vor einigen Jahren war der Markt für spanische Literatur in Europa ziemlich unwichtig, und diejenigen, die dennoch spanische Bücher kauften, liebäugelten mehr mit dem exotischen Ambiente, das sie angeblich vermittelten, als mit der literarischen Qualität. Der Erfolg von Autoren wie Javier Marías, der in Deutschland fast abgöttisch verehrt wird, hat dazu beigetragen, daß sich das ausländische Publikum um spanische Neuerscheinungen kümmert“, faßte El País den Stand der Dinge Anfang der 1990er Jahre zusammen. Seit diesem Zeitpunkt ging es auch für die spanischen Schriftstellerinnen aufwärts. Schriftstellerinnen wie Josefina Aldecoa, Soledad Puertolas, Ana María Matute und Maruja Torres werden nun zum ersten Mal oder mit neuen Übersetzungen in den deutschen Buchhandlungen zu finden sein – auch das ist ein Erfolg der 62. Madrider Buchmesse. Foto: Monument für König Alfonso XII. im Retiro-Park in Madrid: Kein Weiterkommen im Menschengewühle

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