Am Anfang war das Wort

Als ein Journalist Bert Brecht nach seiner Lieblingslektüre fragte, antwortete dieser: „Sie werden lachen: Die Bibel!“ Schriftsteller wissen, was sie an der Bibel haben. Sie ist Kult- und Kulturbuch in einem, spiegelt nicht nur eine lange Entstehungsgeschichte wider, sondern beeinflußte Denken und Handeln zahlloser Menschen in allen Sprachen und Nationen. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der Kirche(n), die Bibel als Lebensbuch zu erschließen. Gläubigen bedeutet sie mehr als ein literarischer Text. Sie vermag uns persönlich anzusprechen, ist Beunruhigung im Hier und Heute, aber auch Tröstung, Zuspruch und Bestärkung in einer Hoffnung, mit der man leben und sterben kann. In Mitteldeutschland, etwa in Thüringen, berufen sich Menschen gern auf Martin Luther und Elisabeth von Thüringen, Meister Eckart und Johann Sebastian Bach, deren Andenken hoch in Ehren steht. Aber viele Menschen wissen nicht, aus welchen Quellen sie gelebt und worauf sie gehofft haben. Das gedruckte Bibelwort dürfte heutzutage wohl nicht häufig kirchenferne Zeitgenossen ansprechen. Um so wichtiger ist es, daß sich gläubige Menschen in ihrem Alltag vom Wort Gottes bestimmen lassen: „So leuchte euer Licht vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“, wie der Herr in der Bergpredigt sagt. Menschen, deren Kraftquelle die Bibel ist, wie Mutter Teresa von Kalkutta oder der unlängst in dieser Zeitung (JF 2/03) gewürdigte „Speckpater“ Werenfried van Straaten faszinieren auch Nichtgläubige. Wenn die Arbeitsgemeinschaft der Christlichen Kirchen in Deutschland das „Jahr der Bibel“ proklamiert hat, möchte sie die Bedeutung der Bibel für die Menschen von heute herausstellen. Die Bibel ist das weltweit am meisten verbreitete Buch. Teile sind in 2.287 Sprachen übersetzt. Ziel des Bibeljahres ist es, Menschen nicht nur die Heilige Schrift entdecken zu lassen, sondern sie auch dazu zu befähigen, Gott zu finden. Es soll alle Altersgruppen erfassen, sie für die Bibel begeistern und ihnen „Hoffnung für das Leben“ vermitteln. In etwa 10.000 Gemeinden finden Veranstaltungen zum Jahr der Bibel statt. Zu den Höhepunkten gehört die sogenannte „Bibelbox“, die an jeweils wenigstens fünf Tagen in zehn Großstädten gezeigt wird. Zur „Bibel-Entdeckungs-Tour“ haben sich bisher über 120.000 Kinder in 6.000 Orten angemeldet. Sie sollen spielerisch an die Bibel herangeführt werden. „2003 – Das Jahr der Bibel“ will das „Buch der Bücher“ erneut ins Bewußtsein einer breiten Öffentlichkeit bringen. In den Gemeinden soll das Leben mit der Bibel gestärkt werden. Die Heilige Schrift wird alljährlich millionenfach verbreitet und hat wie kein anderes Buch die christlich-abendländische Kultur geprägt. Christen der verschiedenen Konfessionen finden in der Bibel die Grundlage ihres Glaubens. Durch das Wort Gottes erfuhren die Menschen Trost, Hoffnung und Orientierung für ihr Leben, aber immer wieder auch Korrektur. Zum Jahr der Bibel gibt es im Buchhandel neue Bibelausgaben sowie weitere Publikationen, wie „Zugänge zur Bibel. Das Ökumenische Werkbuch“. In Gemeinden und Stadtteilen liegen große Chancen der Kooperation: Das Rathaus, der Bahnhof, das Foyer eines Krankenhauses oder einer Bank bieten sich für Ausstellungen an. Meinungsforscher haben neben dem „Mann auf der Straße“ auch prominente Persönlichkeiten gefragt, warum sie die Bibel lesen. Otto von Habsburg tut es, „weil sie die authentische Selbstoffenbarung Gottes für die Menschen ist. Nirgendwo erfahren wir besser, was der Sinn unseres Daseins auf Erden und das Ziel unseres Handelns ist. Die Bibel enthält viel an Lebensweisheit und praktischer Philosophie, aber darüber hinaus ist sie das verbindliche Wort Gottes.“ Die Fernsehmoderatorin Ute Bresan liest die Bibel, „weil sie für mich aktive Lebenshilfe bedeutet und ich mich an ihr richtig orientieren kann“. Und der beliebte Fernsehmoderator Peter Hahne befaßt sich mit ihr, „weil sie Gottes Bedienungsanleitung für die von ihm konstruierte Welt ist – mit der Garantieerklärung: ‚Haltet meine Gebote, so werdet ihr Leben‘.“ (3 Mose, 18, 5) Freilich genügt es nicht, die Bibel lediglich deshalb zu lesen, weil einige ihrer Stücke, wie das Gleichnis vom verlorenen Sohn, zu den Perlen der Weltliteratur zählen. Wer sich lediglich an der Schönheit ihrer Sprache berauschen will, dürfte wenig oder gar keinen Nutzen aus der Beschäftigung mit der Bibel ziehen. Ihre Botschaft will Menschen mit Gott und dadurch mit sich und ihrer Umwelt in eine neue und befreiende Beziehung bringen. Der Apostel Jakobus mahnt in seinem Brief: „Hört das Wort nicht nur an, sondern handelt auch danach, sonst betrügt ihr euch selbst.“ Aber: „Wer danach handelt, der wird durch sein Tun selig sein“ (2, 23, 25). Ein nicht geringes Problem besteht für viele darin, daß sich die über 330 Mitglieder des Weltkirchenrates in ihrem Verständnis der Bibel nicht unwesentlich voneinander unterscheiden. Zwar haben alle dieselbe Bibel, aber deuten sie bisweilen sehr unterschiedlich. So beschlossen die deutschen katholischen Bischöfe schon vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) eine neue Übersetzung aus dem Urtext schaffen zu lassen, um dem modernen Menschen einen besseren Zugang zur Bibel zu ermöglichen. Neben Bibelwissenschaftlern wurden unter anderem Fachleute der deutschen Sprache zu Rate gezogen, um wie Luther sagen würde, „dem Volk aufs Maul zu schauen“. Es gelang, die evangelische Kirche für dieses Vorhaben zu gewinnen, um vielfach strittige Interpretationen in gemeinsamem Bemühen zu klären. Nach Vollendung der „Einheitsübersetzung“ 1979 schrieb der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland an den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz: „Mehr als einzelne gemeinsame Aktionen führt gemeinsames Hören auf das Wort der Schrift dazu, daß die getrennten Kirchen aufeinander zugehen, um einmal zusammenzufinden unter dem einen Herrn der Kirche, Jesus Christus.“ Das Jahr der Bibel möchte Gläubigen wie Fernstehenden einen Weg zeigen, der ihnen nicht nur das gemeinsame Suchen, sondern auch das Finden ermöglicht und so das Zusammenleben in einer mehr und mehr pluralistischen Gesellschaft erleichtert. Pater Lothar Groppe SJ war Militärpfarrer und zeitweise Leiter der deutschen Sektion von Radio Vatikan. Weitere Informationen im Internet unter www.dasjahrderbibel.de .

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