Verführung durch das Sekundäre

Es ist schön, wenn Politiker in angespannten Situationen auch noch Zeit für geistige Dinge finden und dieses Interesse an die Öffentlichkeit tragen. Ihr Politikerdasein erscheint uns dann noch bedeutungsvoller. Joschka Fischer hat kürzlich die Zeit gefunden, um den amerikanischen Literaturwissenschaftler George Steiner für den diesjährigen Ludwig-Börne-Preis auszuwählen. Im Mai wird er auch die Laudatio auf ihn halten. Was kann Fischer an Steiner interessieren? In der kurzen Begründung ist von der intellektuellen und stilistischen Brillanz des Universalgelehrten die Rede. Das ist wenigstens nicht falsch. Der 1929 in Paris geborene Steiner, der in Cambridge und Genf Englische und Vergleichende Literaturwissenschaften lehrte, wird in den letzten Jahren vor allem als hochrangiger Kulturkritiker wahrgenommen. Er ist eine vergleichsweise sperrige Figur, wie sie in der sozialdemokratischen bis kritisch-engagierten Professorenschaft, die in Deutschland dominiert, kaum vorkommt. Steiner ist in der englischen, französischen und deutschen Sprache gleichermaßen zu Hause. Sein Interesse erstreckt sich explizit auch auf die deutsche Kultur- und Geistesgeschichte. Am Anfang seines Buches über Heidegger mit dem bescheidenen Untertitel „Eine Einführung“ (1979/89) steht die Annahme, daß die deutsche Sprache eine besondere Elastizität der Syntax und die Fähigkeit besitzt, „Wörter und Wortwurzeln fast beliebig aufzuspalten oder zu verschmelzen“, woraus sich ein spezifisches Vermögen erklärt, Paradoxien und Extreme zu formulieren und durchzuspielen. Diesen Ansatz hatte er in den sechziger Jahren in dem Essay „Das hohle Wunder“ entwickelt, der sich mit dem Zusammenhang von Sprache und Politik bei Hitler beschäftigt. Bei Steiner besticht die Mehrdimensionalität seiner Argumentation, die sich einem eindimensionalen Gebrauch – auch durch Politiker – strikt verweigert. Verirrungen deutscher Intellektueller im „Dritten Reich“ folgen in seiner Beschreibung dem Prinzip, das Thomas Mann das „fehlgegangene Gute“ genannt hat. In seiner Fähigkeit zur differenzierten Kritik mag man einen späten Abglanz des vielbeschworenen Sonderverhältnisses von deutscher und jüdischer Geistigkeit sehen. Bei Fischer geschieht nichts ohne Hintergedanken Als 1989/90 fast einstimmiger Jubel über den Sturz des Kommunismus und das Ende der Utopien losbrach, thematisierte er in dem Buch „Von realer Gegenwart“ (Hanser Verlag, München) die banale Kehrseite dieses Triumphs, den Sieg der „sekundären Welt“, in der Marktkalkulation und wuchernder Kommentar das Essentielle, „das Mysterium“, „Gott“, verstellen. Der Essay wurde unter anderem von Ulrich Greiner im deutsch-deutschen „Literaturstreit“ aufgegriffen, vor allem aber von Botho Strauß. 1999 erschien ebenfalls bei Hanser in deutscher Übersetzung „Errata“, seine (wegen der Überfülle an Bildungsgut schwierig zu lesende) Autobiographie. Auffällig daran ist die fast manische Sublimierung eines bewegten Lebens ins Geistige. Ein größerer Gegensatz zu den lebensprallen Selbstbeschreibungen eines Joschka Fischers ist kaum denkbar. Sieht der Autodidakt im Ministeramt in Steiners akademischer Karriere eine Art Wunsch- und Komplementärbiographie verkörpert, und soll der Rekurs darauf etwa die eigene, schillernde Existenz veredeln? Eine naheliegende Frage, denn bei Fischer geschieht nichts uneigennützig und ohne Hintergedanken! Kein Politiker, Schröder eingeschlossen, hat sein Image so strategisch und erfolgreich geplant wie Fischer. Der Kanzler gleicht dem neureichen Prolo aus dem Sparkassen-Spot, der seinem Gegenüber die Fotos auf den Tisch knallt: „Mein Familie! Mein Haus! Mein Auto!“ Fischer geht subtiler vor. Gewiß, auch er kehrt in bekennerhaften Reden – wenigstens scheinbar – sein Innerstes nach außen, stellt sein politisches Amt als einen Opfergang dar, den er aus Liebe zum Volk und zu hehren Prinzipien auf sich nimmt, und befriedigt so den Medienbedarf an Menscheligkeit und Authentizität. Sein Erfolgsrezept aber ist das versteckte Zeigen. Er posiert zwar nicht als Cerruti-Model, er hängt sein Jackett aber so, daß Neugierige – und wer ist bei einem Minister nicht neugierig? – das Etikett mit dem teuren Markennamen entdecken müssen. Auf dem Bundespresseball 1998 schnauzte er die zudringlichen Fotografen an, doch den Hinweis auf die Präsentation seiner neuen Freundin hatte er selber gestreut. Wenn er die Sentenz eines bedeutenden Autors zitiert, geschieht das wie nebenbei, doch beobachtet er genau, ob sein Bildungsnachweis auch registriert worden ist. Er inszeniert sich permanent als ein unerschlossenes Geheimnis. Bei Schröder ist alles Oberfläche, Fischer hingegen scheint jeden Tag aufs neue aus dem tiefen Raum der Weltreflexion in die Kulissen der Politik zu treten, die Stirn von der heiligen Dreifaltigkeit durchfurcht. So ist er zum populärsten deutschen Politiker geworden. Auf den Spuren von Jürgen Habermas Kein anderer Politiker ist so sehr bemüht, dem eigenen Handeln eine intellektuelle Tiefendimension zu unterschieben. Zehn Bücher hat er verfaßt, deren Tiefsinn sich häufig als re-dundante Behauptung entpuppt. Wortreich hat er erklärt, warum Rot-Grün ein „historisches Bündnis“ ist, warum Deutschland ein „Risiko“ sei, das „eingebunden“ und „postnational“ werden müsse. Keines seiner Theoreme hat den Praxistest bestanden. Innenpolitisch hat Rot-Grün sich als eine Katastrophe erwiesen, und außenpolitisch sieht es nicht besser aus. Selbst sein Amtsvorgänger Klaus Kinkel wurde von Kohl niemals so zum Hanswurst degradiert, wie Fischer von Schröder. Fischer hatte so geredet und getan, als wenn nach dem Ende der bipolaren Welt die wolkigen Prophezeiungen einer neuen, multilateralen Weltordnung, in der Demokratie und Menschenrechte zu materiellen Gewalten würden, eine realistische Aussicht wären. Sendungsbewußt und naiv wandelte er auf den Spuren von Jürgen Habermas, der annahm, der Jugoslawien-Krieg könne „einen Sprung auf dem Weg des klassischen Völkerrechts der Staaten zum kosmopolitischen Recht einer Weltbürgergesellschaft bedeuten“. Die Möglichkeit, daß der „Kampf gegen den Terror“ zum Vehikel für die Weltherrschaftsgelüste einer überaus selbstbewußten Nation wird, war nicht vorgesehen. Man hört das homerische Lachen von Carl Schmitt. Was bleibt danach von Fischer? Joschka ist der am meisten überschätzte Politiker Deutschlands, und er selber ist sein größter Überschätzer! Auf der Sicherheitskonferenz in München las er dem US-Verteidigungsminister in einer Weise die Leviten, als würde er mit ihm um den AStA-Vorsitz konkurrieren. Rumsfeld betrachtete ihn wie ein merkwürdiges Insekt. Im holden moralischen Größenwahn forcierte er die Boykotthetze gegen die demokratisch gewählte Regierung Österreichs und machte damit Deutschland als EU-Vormacht unmöglich. Als Scharon die von der EU finanzierte palästinensische Infrastruktur in Stücke schlug, verhinderte er eine einheitliche Gegenreaktion der EU und tingelte selber durch den Nahen Osten. Erreicht hat er natürlich nichts, aber das heimische Publikum konnte sehen: „Joschka mischt mit in der Welt!“ Und als letzte Begründung muß immer wieder der Satz herhalten: „Die deutsche Demokratie gründet auf ‚Nie-wieder-Auschwitz!““ Darunter macht Fischer es schon lange nicht mehr. Was um alles in der Welt will der größte grüne Außenminister des Universums jetzt mit George Steiner anfangen? Man muß befürchten, daß er sich dessen jüdische Herkunft und seine intensive Beschäftigung mit dem Holocaust vorknöpfen wird. Steiner sieht den tieferen Grund für den Judenmord darin, daß „das Judentum die abendländische Zivilisation (dreimal) direkt der Erpressung des Ideals ausgesetzt hat“. Die erste Erpressung ist die Observanz des mosaischen Gottes, die „Seele und Fleisch zur Vollkommenheit disziplinieren“ will. Die zweite ist die Bergpredigt, vor allem die Forderung Jesu, seine Feinde zu lieben – für die Menschen eine „Ungeheuerlichkeit“. Die dritte ist der utopische Sozialismus in seinem marxistischen Gewand als die neben dem Christentum „wichtigste Häresie des Judentums“. Fischers Absicht ist ein obzönes Mißverständnis Bei den Sätzen Steiners weht einen ein Eishauch an. Fischers Ausflüge in die Geschichte – die der Legitimation seiner Person und seiner Politik dienen sollen – gehören dagegen in den Bereich des „Sekundären und Parasitären. Auf geistige Bildung wird täglich in Millionen von Worten abgehoben, (…) in Worten über Bücher, die man niemals öffnet, über Musik, die man nicht hört, über Kunstwerke, die man sich niemals anschaut. Ein Gesumm aus ästhetischen Kommentaren, aus ad-hoc-Urteilen, aus vorgefertigten Weiheformeln erfüllt die Luft“ (Steiner). Wie groß die Verführung durch das Sekundäre ist, zeigt sich darin, daß sogar Steiner ihm manchal erliegt. Im vorletzten Kapitel von „Errata“ erwähnt er anläßlich eines Weimar-Besuchs einen Friedhof für sowjetische Soldaten, „die beim Anmarsch auf Weimar umkamen“. Die Nähe zu den Klassikerstätten symbolisiert demnach das Nebeneinander von „bestialischen Gewalttätigkeiten und den Höhepunkten menschlicher Kreativität“. Nur, beim Anmarsch auf Weimar kamen keine russischen Soldaten um, jedenfalls nicht durch Kriegseinwirkung, denn Sachsen und Thüringen wurden zuerst von den Amerikanern eingenommen und Wochen später friedlich an die Sowjetunion abgetreten. Bekannt ist aber, daß eine Reihe russischer Soldaten sich am Selbstgebrannten vergiftet haben. Was bei Steiner die seltene Ausnahme ist, das ist bei Fischer die Regel. Seine Absicht, sich mit Steiners Werk und Ruhm zu schmücken, ist ein obszönes Mißverständnis. Botho Strauß nannte das Buch „Von realer Gegenwart“ einen „Schneisenschlag, einen rigorosen Entwurf gegen die philosophischen Journalisten, die Mitverfertiger einer Weltworld, die Realisten einer Entropie und der überfüllten Leere, die Rhetoriker der Simulationen und des unendlichen ludibriums“. Es „ist geschrieben in der deutlichen Wahrnehmung, daß die Mitternacht der Abwesenheit überschritten ist“. Es ist Fischers „Weltworld“, die hier verworfen wird. Die überschrittene Mitternacht ist die von Joschka & Co.

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