Abfall von Achtundsechzig

Im Herbst 1982, mitten in der damaligen Massenbewegung gegen die Stationierung neuer Atomraketen, startete die Kulturrevolution mit ihrer ersten Ausgabe. Inzwischen liegt als aktuelle Nummer das Doppelheft 45/46 der zweimal jährlich erscheinenden „Zeitschrift für angewandte Diskurstheorie“ – so lautet der Nebentitel – vor. War man zu Beginn angetreten, der Verleumdung aller kulturrevolutionären Impulse der Achtundsechziger im Sinne Nietzsches zumindest publizistisch Einhalt zu gebieten, so geht es heute vorrangig um die Historisierung der Postmoderne/Posthistorie, wozu die KRR ihren Beitrag in Gestalt der Normalismustheorie zu leisten versucht. Maximal der Thematik und Analyse verpflichtet legt die aktuelle Doppelnummer den Schwerpunkt auf die Zusammenhänge zwischen Kulturwissenschaft, Diskurstheorie und Kulturrevolution. Das klingt zunächst nach einem – im doppelten Sinne – Abfall von Achtundsechzig, zumindest aber nach einer Kritik jeglicher nostalgischen Verklärung. Eine Kulturwissenschaft des 21. Jahrhunderts, die ernst genommen werden will, kann aber gar nicht anders, als ihren Schwerpunkt auf die Artikulation von Differenz zu setzen. Die kulturanthropologische Verortung der Vor- und Nachgeschichte von 1968 löst heute jedoch im besten Falle eine Rückbesinnung auf das „Ereignis“ aus, die nur subjektivistische Antworten auf aufgeworfene Fragen nach geschichtlicher Genauigkeit bietet. Dennoch versucht Jochen Schulte-Sasse die Spannung zwischen psychologischer und politischer Emanzipation in der Studentenbewegung unter die Lupe zu nehmen, was allein daran scheitert, daß diese „Bewegung“ eben kein national isolierbares Ereignis war. Gewiß waren die „Synergien zwischen Berkeley, Paris und Berlin beträchtlich“, aber die Unterschiede in den Formen des Kulturkampfes waren es ebenfalls. Nimmt man noch die „Achtundsechziger“ in Prag und Warschau dazu, die den Happenings und dem surrealistischen Aktivismus ihrer westlichen Kommilitonen kaum etwas abgewinnen konnten, oder gar die vom Vorsitzenden Mao gegen das Zentralkomitee der KP Chinas aufgehetzten terroristischen „Roten Garden“ in Peking, wird vollends klar, daß eine objektive Analyse des Achsenjahrs 1968 eigentlich unmöglich ist. Aus der Rolle fällt Alfred Schobert mit seinem Beitrag „Kulturrevolution, völkisch und (neo)nationa-listisch. Aus der Diskursgeschichte eines vormals verpönten Signifikanten“. So scheint diesem Autor über die Einflußnahme östlicher Geheimdienste auf die 68er nichts bekannt zu sein, und keineswegs wird die Frankfurter Schule von der intellektuellen Rechten „insgesamt als Verhängnis interpretiert“, wie Schobert schreibt. Alles in allem ein eher kurioser Text, der einmal mehr zeigt, wie ein delirierender „Antifaschismus“ wissenschaftspolitisch immer stärker ins linksextreme Abseits gerät. Klartext Verlag. Dickmannstr. 2-4, 45143 Essen. Das Einzelheft kostet 10 Euro, das Jahresabo 17,50 Euro.

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