Wir sind keine Südsee-Insulaner

Vom „Tabu“ ist zur Zeit viel die Rede. Es müsse doch noch Tabus geben, sagen die Kritiker Westerwelles und Möllemanns und meinen damit, es müsse in der Politik Bezirke geben, über die nicht gesprochen werden dürfe, selbst wenn kein Gesetz das verbiete und man an sich für Meinungsfreiheit sei. „Tabu“ ist aber kein Begriff der Politik, es ist ein Begriff aus der Ethnologie der pazifischen, speziell polynesischen Naturvölker, und zwar ein religiöser. „Tabu“, oder genauer: „Ta-Pu“, bezeichnet alles, was unmittelbar mit dem jeweiligen Inselgott der polynesischen Völker zusammenhängt. Das vor dem Männerhaus aufgerichtete hölzerne Götterbild selbst ist „Ta-Pu“, des weiteren junge, möglichst feiste Mädchen, die dem Gott zum Opfer bestimmt sind, Kranke, in denen nach dem Glauben der Insulaner das „Mana“, die immaterielle Kraft des Gottes, waltet, schließlich Tote, die von dieser Kraft gefällt wurden. Alle diese Sachen darf man nicht berühren, das „Ta-Pu“ ist in erster Linie ein Berührungsverbot. Denn wer berührt, auf den springt das Mana über, und das führt immer zu bösen Häusern. Gewisse Häuptlinge und Priester machen sich das zunutze und verbreiten die Mär, auch sie seien „Ta-Pu“, seien mit überirdischen Kräften ausgestattet und man müsse sich vor ihnen hüten und sie aus gebührender Distanz blind verehren. Daß solch ein finsterer, durch und durch vorrationaler Begriff neuerdings ganz ungeniert von „aufgeklärten“ Politikern und Publizisten wie gängige Münze benutzt wird, wirft ein bezeichnendes Licht auf den Zustand unserer politischen Kultur. Immer mehr Dunkelmänner sind unterwegs, und sie sind identisch mit jenen, die an den Schalthebeln sitzen und möglichst nicht berührt, sondern nur angebetet werden wollen. Wir sind aber gar keine Südsee-Insulaner.

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