Merseburger Heilungszauber

Probleme mit der Kunstfreiheit sind ja heutzutage nichts Neues. Vor einigen Jahren wurde in einer Chemnitzer Berufsschule ein Wandbild von Benjamin Jahn Zschocke in einem Akt staatlicher Barbarei übermalt, weil der Künstler nebenberuflich für Pro Chemnitz tätig war; jetzt hat es den Neofolk-Musiker Uwe Nolte getroffen. Am 5. Februar hätte in der Merseburger Willi-Sitte-Galerie eine Ausstellung von Gemälden, Graphiken und Skulpturen des Allround-Künstlers und der bekannten russischen Graphikerin und Architektin Kristina Zieber unter dem Titel „Suche und Versuchung“ eröffnet werden sollen, aber wenige Tage zuvor wurde sie aus fadenscheinigen Gründen abgesagt. In einer anonymen Mail war der Künstler bezichtigt worden, sich in rechtsextremen Kreisen zu bewegen, und offenbar reichte diese Denunziation dem Vorsitzenden des Fördervereins der Galerie Michael Finger als Begründung aus, obwohl die Veranstaltung zwei Jahre lang intensiv vorbereitet worden war und er noch nicht einmal anzugeben wußte, woher diese „Informationen“ stammen.

Skandalöserweise hat man auch nicht für nötig gehalten, sie Nolte, der von der Absage aus den Medien erfuhr, selbst mitzuteilen, und hoffte, die Sache „aussitzen“ zu können; ebensowenig ist der Inhalt der Mail dem stellvertretenden Vorsitzenden des Sitte-Kuratoriums Jürgen Weißbach bekannt – der frühere DGB-Chef von Sachsen-Anhalt hat lediglich „gehört“, daß der Künstler „in der Neonaziszene unterwegs gewesen“ sei, und ist sich daher sicher, daß er dadurch „natürlich nicht zur Sitte-Galerie“ passe, schließlich sei der Maler Willi Sitte aus der Wehrmacht zu italienischen Partisanen desertiert und habe am „Befreiungskampf“ teilgenommen.

Betrachtet man die Biographie dieses Vertreters des „sozialistischen Realismus“, der lange Zeit Präsident des Verbandes Bildender Künstler der DDR war und 2009 mit dem sogenannten „Menschenrechtspreis“ der Gesellschaft zum Schutz von Bürgerrecht und Menschenwürde, in der vor allem ehemalige SED- und MfS-Kader organisiert sind, ausgezeichnet wurde, etwas genauer, könnte man in der Tat darüber nachdenken, ob sich Nolte manchmal in fragwürdiger Gesellschaft bewegt – oder man bewundert die gelassene Weltoffenheit und Freigeistigkeit, die ihn von den um ihre staatlichen Zuschüsse besorgten kleinmütig-geduckten Galeristen und ihren anonymen Zuträgern grundsätzlich unterscheidet.

Immer absurdere Abgrenzungsrituale des BRD-Antifaschismus

Wer Uwe Nolte persönlich kennt, weiß, daß er sich an den immer absurder werdenden Abgrenzungsritualen des Staatsantifaschismus der DDR 2.0 nicht beteiligt und auch sonst um politische Dinge wenig schert; sogar Torsten Hahnel vom Verein Miteinander, der in dieser Angelegenheit als „Rechtsextremismus-Experte“ herangezogen wurde und Nolte noch aus DDR-Zeiten kennt, in denen sie gemeinsam innerhalb der damaligen Punk- und Metalszene gegen das System rebellierten, nimmt ihn vor dem Vorwurf, ein „Neonazi“ zu sein, in Schutz und weist darauf hin, daß Nolte Anfang der neunziger Jahre von Neonazis in Halle brutal zusammengeschlagen wurde. Allerdings spiele der Künstler, der mit seinen Bandprojekten Orplid und Barditus zu den Wegbereitern des Neofolk in Deutschland zählt, „mit faschistischer Ästhetik“, was dieser Musikrichtung bekanntlich immer wieder vorgeworfen wird.

Außer ein paar Berufsdenunzianten wie die Betreiber der linksextremen Hetzplattform indymedia, die einige Lügen und Unterstellungen gegen Nolte verbreitet und dazu aufgerufen hatten, der „Gallerie“ (sic!), da sie wohl keinen Sicherheitsdienst beschäftige, „einen Besuch abzustatten“, oder den Grünen-Landtagsabgeordneten Sebastian Striegel, der seit Jahren hinter Nolte herschnüffelt, interessiert diese „Debatte“ kaum noch jemanden; die meisten Neofolk-Liebhaber rollen mit den Augen und stecken ihre Runen-Anhänger und Thorshämmer notfalls in ihre schwarzen T-Shirts, wenn sie vor Konzerten von den Türstehern, denen solches Theater ebenfalls peinlich ist, darum gebeten werden.

Jedem, der auch nur über minimale Kenntnisse dieser Musikszene, des Dritten Reiches oder der romantischen und neuheidnischen Versatzstücke verfügt, die von Neofolk-Musikern gerne zitiert werden, ist bekannt, wie wenig das alles mit dem Nationalsozialismus zu tun hat – was von Willi Sitte sowie der seinem Werk gewidmeten, 2006 im Beisein des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder eröffneten Galerie und von Figuren wie Sebastian Striegel im Hinblick auf die DDR und deren heutiges Nachleben nicht gerade behauptet werden kann.

Geschaßte Künstler gingen als Gewinner aus der Affäre hervor

Das Bemerkenswerteste an diesem Fall ist allerdings, daß Uwe Nolte und Kristina Zieber trotz der Kündigung der Galerie, gegen die sie derzeit rechtliche Schritte prüfen, letztlich als Gewinner aus der Affäre herausgegangen sind: Nicht nur erhielten sie großen Zuspruch aus der Bevölkerung, sondern auch regionale Medien wie die Mitteldeutsche Zeitung berichteten bemerkenswert objektiv. Und vor allem konnte die Vernissage wie geplant am 5. Februar in Merseburg stattfinden – in der Galerie ben zi bena, die kurzfristig gewonnen werden konnte. Die Ausstellung ist noch bis zum 5. März geöffnet, und am 21. Februar findet um 19 Uhr unter dem Motto „Heimkehr nach Merseburg“ eine Lyriklesung Noltes statt, der kürzlich im Eisenhut-Verlag den Gedichtband „Du warst Orplid, mein Land!“ veröffentlichte. Letztlich renkte sich also doch alles ein, wie es in den Merseburger Zaubersprüchen heißt: „Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Glied“ und Kunst zur Galerie.

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

aktuelles

CATCODE: Article_Kolumne