Der Club der Selbstgerechten

Im stetig in Bewegung befindlichen Clubleben der britischen Hauptstadt wurde im Jahr 1902 ein besonderer Imperialistenclub ins Leben gerufen, die sogenannten „Coefficients“. Als Initiatoren der Gruppierung fungierten damals der spätere Minister Sir Edward Grey, der England im Amt des Außenministers 1914 in den Krieg gegen Deutschland führen sollte. Ebenfalls mit dabei war der langjährige Kriegsminister Lord Haldane, der nach 1905 die Voraussetzungen dafür schuf, daß 1914 ein britisches Expeditionskorps nach Frankreich geschickt werden konnte.

Neben solchen Personen aus dem inneren Kreis der großen britischen Politik fanden auch andere bekannte Namen den Weg in den Club. Darunter war Herbert G. Wells zu finden, der später als Autor so bekannter Bücher wie der „Zeitmaschine“ oder des „Kriegs der Welten“ auftrat. Zusammen mit dem späteren Literaturnobelpreisträger Bertrand Russell gehörte Wells als Nichtpolitiker zu den Außenseitern innerhalb der Coefficients. Das ließ ihn dennoch zum Beobachter und Zeugen wichtiger Dinge werden. Er vermerkte noch im nachhinein mit Staunen den ungebremsten und durch keine subtilen oder humanitären Erwägungen gebremsten britischen Imperialismus, der hier bei den Coefficients als der Lauf der Welt gefeiert wurde.

Man sprach im Club auch von denen, die diesem Imperium im Weg standen. Das waren nicht zuletzt die Deutschen und ihr 1871 gegründetes Reich, das sich in den dreißig Jahren seiner Existenz inzwischen zu einer beachtlichen Größe entwickelt hatte und dem man auch im britischen Außenministerium zutraute, Großbritannien eines Tages herauszufordern. Es wurde kontrovers debattiert bei den Coefficients.

Vergöttlichtes Empire

Philosoph Bertrand Russell verließ den Club schließlich wegen eines Streits über den Stellenwert des Empire, das von Mitgliedern wie Leopold Amery – ebenfalls vielfacher Minister – und dem Geopolitiker Halford J. Mackinder in einen quasi göttlichen Rang gehoben wurde. Zu seinem Erhalt sei demnach praktisch alles erlaubt. Das war dem Philosophen Russell zu viel, der nach seinem Eingeständnis eine ganze Reihe Dinge kannte, die er dem Empire nicht zum Opfer bringen würde. Er wurde sogar zum Kriegsgegner und saß für einen Antikriegsartikel während des Ersten Weltkriegs ein halbes Jahr in Haft.

Auch Herbert G. Wells blieb gegenüber der Vergöttlichung des Imperialismus skeptisch, hielt sich aber zurück. Er blieb Clubmitglied und beobachtete das Geschehen, sich über die einfachen Geister dieser Mitglieder der großen englischen Gesellschaft wundernd. So überrascht es denn nicht, daß bei den Coefficients auch über Krieg gesprochen wurde und zwar über einen großen Krieg gegen Deutschland. Am Ende wurde Großbritannien im August 1914 von Clubmitglied Edward Grey in den Krieg geführt, und zwar – so Wells – mit Absicht:

„Ich denke, er wollte den Krieg, und ich denke, er wollte ihn, als er tatsächlich kam. Früher oder später würde Deutschland angreifen, so war das internationale Schachbrett beschaffen, das er anstatt der Realität sah. Es war besser, es würde angreifen, wenn seine Flotte noch substantiell schwächer als unsere wäre und wenn das Netz aus Sicherheitsbündnissen, das wir um es herum gesponnen hatten, fest sein würde. Er würde sich niemals an einem Angriff auf Deutschland beteiligt haben, einem Präventivangriff, wie man das heutzutage in Frankreich nennt, denn das war nicht in Übereinstimmung mit den Spielregeln, einfach nicht die Art von Sachen, die ein Gentleman-Land macht. Aber wenn Deutschland sich bereit zu einer Attacke fühlte, dann schön und gut, hatte der Herr persönlich es in unsere Hände gegeben.

Die Kriegsschuld auf den Gegner abgewälzt

Es ist der Vorwurf erhoben worden, er habe Deutschland nicht deutlich gewarnt, daß wir mit Sicherheit am Krieg teilnehmen würden, daß er ausreichend doppeldeutig gewesen sei, um Deutschland das Risiko eines Angriffs eingehen zu lassen und daß er dies vorsätzlich getan habe. Ich denke, dieser Vorwurf trifft zu.“

Es war ein Mißverständnis, das den Romancier Wells in diesen Kreis geführt hatte, aber wenigstens ein produktives. Er konnte aus diesen Einblicken einige treffliche Szenen über die Art und Weise überliefern, wie in englischen Zirkeln hinter verschlossenen Türen wirklich gedacht wurde. So war es Teil der gewöhnlichen englischen Gentleman-Haltung, nach dem Ersten Weltkrieg die „Kriegsschuld“ auf den Gegner abzuwälzen, der strategisch schwächer war, durch Bündnisse eingekreist und von England über dessen Ziele im unklaren gelassen worden war.

„Schuld“ trugen in den Augen der Imperialistenzirkel eigentlich alle, die dem vergötterten Empire als störendes Element im Weg standen, und sei es nur durch ihr natürliches Wachstum in Wirtschaft und Demographie. Ihre Vernichtung war daher ein Akt der Gerechtigkeit.

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