Von der Idee

Es wurde gesagt, daß der Ursprung des Gedankens das Gefühl sei. Wie ist das zu verstehen? Erscheint uns doch gerade das Denken als diejenige Tätigkeit, in der wir am meisten vom Gefühl absehen können. Unser Gefühl, es entzündet sich an einer äußeren Einwirkung, es treibt uns hierhin, es treibt uns dorthin, wir können kaum anders. Das Denken aber, hier sind wir in unserem Willen frei und schreiten unbeirrt auf unserem Weg von Spruch und Widerspruch.

Doch betrachten wir die Sache einmal näher. Die unerschöpfliche Flut von Farben, Formen, Düften und so weiter, die unsere Sinne erfüllen. Etwas löst sich hiervon ab, verdichtet sich, fesselt unsere Neugier. Wir beginnen dieses Gesehene von der Flut abzutrennen, ihm einen Namen zu geben. Dieses Gesehene, nennen wir es „Rose“, ist nun nicht mehr bloßer Teil unseres Gefühlslebens, sondern auch unserer Denktätigkeit. Wir fühlen die Rose nicht nur, sondern können sie als Idee denken.

Die Idee der Rose erscheint uns also auf zwei unterschiedlichen Wegen. Zum einen in der  konkreten Rose vor uns, die gerade in diesem Moment auf uns mit ihren sinnlichen Reizen wirkt, zum anderen in der Idee, der wir diese Rose durch unser Denken zuordnen. Nun, die Idee der Rose wirkt zunächst unspektakulär, weil hier Erscheinung und Begriffsbildung scheinbar unabhängig von einander sind. Dort wächst die Rose und dort bilde ich mir den Begriff, was soll das schon miteinander zu tun haben?

Von der Idee im Handeln

Anders verhält es sich dagegen, wenn das menschliche Handeln mit einbezogen wird. Stellen wir uns einen Menschen vor, eigentlich einen ganz gewöhnlichen. Dieser Mensch, er wird von einer inneren Unruhe ergriffen, die er sich selbst nicht erklären kann. Etwas in ihm ist, das arbeitet, schafft und rumort in seinem Unterbewußtsein. Dann, eines Tages, nimmt dieser bis dahin gewöhnliche Mensch etwas wahr. Eine zufällige Bemerkung, eine Randnotiz, etwas Unerhebliches, ganz Alltägliches.

In diesem Moment fällt es ihm wie Schuppen von den Augen. Etwas ergreift ihn, zwingt ihn an seinen Schreibtisch, tage-, nächte-, wochenlang, ohne Unterlaß. Nur kurz hält er inne, überprüft, misst nach, um sich erneut seinem Schaffensrausch hinzugeben. Am Ende steht dann etwas da: Ein Kunstwerk, eine Erfindung, ein Unternehmen. Alles, was wirklich groß ist an Ideen – im Guten wie im Schlechten – dürfte heute aus einem solchen oder ähnlichen Prozeß heraus geboren worden sein.

Nun, ein anderer kann dieses Kunstwerk, diese Erfindung, dieses Unternehmen auf sich wirken lassen und das Gesehene ebenso zu einem Teil des Denkens machen, wie es zuvor für die Rose galt. Wir haben dann also neben der Idee der Rose die Idee des Kunstwerkes, die Idee der Erfindung, die Idee des Unternehmens und so weiter gesellt. Doch können wir hier Erscheinung und Begriffsbildung länger unabhängig von einander betrachten? Eigentlich nicht. Denn hinter beiden steht die Idee.

Zweifaches Erleben der Idee

Denn was ist es denn, was diesen Menschen dazu drängt, an seinen Schreibtisch, tage-, nächte-, wochenlang auszuharren? Es ist doch nichts anderes als die Idee, die ihn ergriffen hat und sich durch ihn zur Erscheinung bringen will. So erleben wir die Idee also auf zwei unterschiedlichen Wegen. Auf der einen Seite aktiv durch unser Handeln, auf der anderen Seite reflexiv durch unser Denken. Diese beiden können wir mit Friedrich Schiller Stofftrieb und Formtrieb nennen.

Stofftrieb und Formtrieb stehen in einer Wechselwirkung zueinander. Der eine drängt nach oben, schlägt Gluten aus unserem Unterbewußtsein empor, Gefühle, Leidenschaften. Der andere ergreift aus unserem Bewußtsein heraus diese Gluten, kühlt, besänftigt, durchdenkt und ordnet sie. Am Ende dieses aufschmelzenden und wieder verhärtenden Prozesses steht die Idee als vollendete Erscheinung da. Diese ist dann etwas, das vom Menschen sowohl hervorgebracht, als auch erkannt wurde.

Vermittler dieser entgegengesetzten Pole ist das Gefühl, welches uns auf der einen Seite als Leidenschaft ins Bewußtsein strömt, auf der anderen Seite als Gedanke gebrochen auf dieses Bewußtsein zurückwirkt. Diese Rückwirkung ist nun unser eigentliches Denken, mit dem wir uns von unseren Gefühlen und Leidenschaften emanzipiert haben. Auf dieses Denken, welches nicht anders als in einem tätigen Prozeß betrachtet werden kann, richten wir nun unser Augenmerk.

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