Die Sprachlosigkeit der Trillerpfeife

Die Geschichte der Arbeiterbewegung hat in Deutschland höchst kulturbildend gewirkt. Orchestriert von den fulminanten Akkorden der Industrialisierung erschien mit der Maschinerie „von unten auf“ eine titanische Kraft, die erst im Akt langen Ringens ihr Selbstverständnis finden und ihre politische Sprache entwickeln mußte. Zur Ideologie erfand sie sich die große Symbolik, zu ihren Aktionen die Literatur, die Journaille und die Künste. Ernst Jüngers Schrift „Der Arbeiter – Herrschaft und Gestalt“ ist auf ihre Weise Ausdruck dessen, Fritz Langs Film „Metropolis“ und die Graphiken der Käthe Kollwitz sind andere, dazu die Lieder, Losungen und Plakate. Was als sozialer Protest begann, wurde selbstbewußte Haltung, Lebenskultur und veritable Kunst.

Dieses reiche Erbe, das vom großen Drama der Auseinandersetzung zwischen den etabliert Privilegierten und dem neuen Selbstvertrauen der vital ihre Rechte einklagenden Proletarier kündet, sollte man vor Augen haben, wenn man gegenwärtige „Arbeitskämpfe“ betrachtet. Abgesehen davon, daß die Soziologen den Begriff der Arbeiterschaft oder -klasse wohl gar nicht mehr führen, geht es in der Auseinandersetzung heutzutage offenbar lediglich um den Abgleich von Prozenten, also um das kleinbürgerliche Gefeilsche, ein indigniertes Gequengel zwischen dem ganz großen und dem ganz kleinen Bourgeois. Keine Frage, Lohnkämpfe sind legitim, vielleicht überlebenswichtig. Phänomenal aber, welch einen Schwund die Kultur dieser einst leidenschaftlichen Auseinandersetzung verzeichnet, wie überhaupt der Leidenschaftsverlust Kennzeichen des Zustandes der Republik sein mag. Wo die Idee fehlt, fehlen ebenso Kraft und Ausdruck.

Ein Haufen trillernder Zwerge

Symptom dessen ist noch mehr als die rote Plastik-Streikweste die gewerkschaftliche Trillerpfeife. Welches Medium könnte bedauernswerter die vollständige Wortlosigkeit, ja gedankliche Legasthenie einer Truppe veranschaulichen, deren Vorläufer sich in Arbeiter-Bildungsvereinen Wissen erschlossen, Kampflieder sangen und neue Zeitungen gestalteten! Was für ein Abstieg doch vom Prometheus, der dem Olymp der Bosse trotzte, zu einem Haufen trillernder Zwerge, die sich eine Pfeife aus der Tüte ihres Funktionärs nehmen dürfen, „um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen“, ein Protest, dessen Forderung ausschließlich noch in einer Prozentzahl besteht, auf die man sich in einem „Deal“ irgendwann einigt. Ab und an noch ein bißchen Streik. Wenn die Gerichte ihn überhaupt erlauben! Sonst lieber doch nicht. Auf keinen Fall etwas Prinzipielles, schon gar keine Politik bitte!

Erich Mühsams Revoluzzer, „im Zivilstand Lampenputzer“, der seinem revolutionären Impetus abschwört, indem er ein Buch darüber schreibt, „wie man revoluzzt/und dabei doch Lampen putzt“, ist geradezu ein Che Guevara gegen den Typus des Gewerkschafters, dem über den Vergleich von Preisen hinaus die Gesellschaft einerlei ist, solange nur Konsumtionsbedürfnisse zu Lasten anderer günstig befriedigt werden können.

Klassenkampf beschränkt sich auf Nein-danke-Aufkleber

Es geht nicht um eine Polemik für oder gegen die klassische Linke, sondern um die Beobachtung, daß sie von ihren Ursprüngen her abgestorben ist, daß sie kaum mehr existiert, sieht man von folkloristisch anmutenden Sonderformen ab, also der saturierten und durchgentrifizierten Bionade-Fraktion am Prenzlauer Berg, deren Klassenkampf sich auf Bruce Springsteen im iPod und verschiedene Varianten von Nein-danke-Aufklebern beschränkt. Hier und da wohl noch ein Salon-Professor, der publiziert. Gut, daneben gibt es noch die Subkultur der feigen „Antifa“-Internetdenunzianten und Cyber-Space-Mobber, die am Vorabend des 1. Mai ihre Buden mal zum Steinewerfen verlassen, aber das ist neurotisch-kriminelles Milieu im Bereich staatlicher Alimentierung, ohne echte Ausdrucksformen und schon daher eher verzweifelt denn beredt.

Manchmal wünschte man sich geradezu, in der Linken noch einen Gegner zu erblicken, an dem man sich abarbeiten könnte, anstatt sich ständig mit der lauen weichen Mitte auseinandersetzen zu müssen, die ihrerseits die gute alte Linke längst abverdaut hat. Wen wundert’s, daß als einziger Widerpart zur Stagnation der besten aller möglichen Demokratien die Rechte übrig blieb und schon deswegen aus dem Diskurs herausgehalten wird. Offenbar führt nur, was von „rechts“ kommt, überhaupt noch zu Aufregung und Polemik. Ansonsten wüßte die Demokratie kaum noch, daß sie ist und müßte sich allein auf wirtschaftsfördernden Lobbyismus beschränken.

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