Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Twin Peaks: Endstation der Geschichte

Vor zwanzig Jahren, nach Beendigung der Ost-West-Konfrontation, rang die westliche Welt um ein Selbstbild, um die Definition einer neuen Weltordnung. In diesem intellektuellen Vakuum erschien Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“. Bereits im Essay „The end of history?“ (1989) formuliert und 1992 in Buchform publiziert, erklärt der Autor die Etablierung westlicher Demokratie und Marktwirtschaft zum Ziel der Geschichte.

Dies sei nun erreicht, die Menschheit habe ihre adäquate politische Form gefunden. Die Geschichte als Selektionsprozeß politischer Modelle sei damit ans Ende gelangt. Seinerzeit schon hochumstritten, schien Fukuyamas Modell nach dem 11. September 2001 restlos passé zu sein. Jetzt, zwanzig Jahre später, anläßlich arabischer Demokratiebewegungen, gibt es bereits erste Versuche, Fukuyamas These zu rehabilitieren, den einst Geschmähten einer erneuten Lektüre zu unterziehen.

Zur selben Zeit, als Fukuyama seine Thesen niederschrieb, drehten Kultregisseur David Lynch und Mark Frost die 30teilige TV-Serie „Twin Peaks“, deren Ausstrahlung am 8. April 1990 begann und am 10. Juni 1991, also vor gut 20 Jahren endete. Auch dieses Kultwerk, zum Zeitpunkt der Erstaustrahlung mehr als umstritten, erfährt neue Beachtung. Zum zwanzigjährigen Jubiläum wiederholte „arte“ alle Episoden, und in sämtlichen Videotheken erblicken wir DVD-Cover mit dem bläulichen Gesicht der ermordeten Laura Palmer.

Gewaltige Zäsur für das Bürgertum

Diese zeitliche Parallelität zwischen Fukuyamas Buch und Lynchs TV-Serie, in ihrer Entstehung wie ihrer Wiederentdeckung, ist keineswegs zufällig: Beide beginnen mit einer gewaltigen Zäsur, aus der für Fukuyama weltweites Erstarken des Bürgertums, für Lynch aber dessen Untergang folgt. Tatsächlich ist das in den Wäldern und Gebirge liegende Film-noir-Städtchen Twin Peaks ein Mikrokosmos, ein „globales Dorf“, mit dem der Mysterie-Regisseur Gegenwartsanalyse und Prognose betrieb.

Man könnte sagen, wenn Fukuyama das Bewußtsein des Westens und seine Tagträume repräsentiert, dann decken Lynchs Filme dessen Unbewußtes auf. Die Sprache des Unbewußten aber ist nicht diskursiv, sondern symbolisch verschlüsselt. Eher ein Seismograph für aufkommende Zeit-Stimmung.
Zu Beginn findet man die Leiche der 20jährigen Laura Palmer am See von Twin Peaks. Die Einwohner scheinen ratlos und verstört im Anbetracht dieser Gewalttat. Aber als das FBI einen Ermittler, Specialagent Cooper (Kyle McLaglen) schickt, zeigt sich, daß so gut wie jeder etwas zu verbergen hat, eine Doppelexistenz führt. Düster-bedrohliche Stimmung breitet sich aus.

Je tiefer Cooper in das Geheimnis des Verbrechens eindringt, desto verwirrender werden Handlung und Sachverhalt. Jede aufgeklärte Sachverhalt bringt unzählige neue Rätsel hervor, die Welt entgleitet dem Protagonisten und Zuschauer. Mehr noch, seltsame parapsychologische Phänomene drängen sich auf. Ein Indianer erzählt von einer „schwarzen Hütte“ in jenseitiger Sphäre, die sich nur mit magischen Mitteln erreichen lasse. Die Ortschaft Twin Peaks erinnert zunehmend an grauenverseuchte Kleinstädte à la H. P. Lovecraft, an Innsmouth („Schatten über Innsmouth“) oder Providence („Der Fall Charles Dexter Ward“).

Der Triumph des Irrationalen erfaßt Europa

Selbst der anfängliche Mord klärt sich nicht durch kriminalistische Ratio, sondern durch einen Traum, in dem Agent Cooper Lauras Vater als ihren Mörder erkennt. Aber diese „Aufklärung“ führt nicht zur erhofften Ruhe und Restauration der alten Struktur. Zuletzt gerät Cooper in die mystische „schwarze Hütte“. Als der Specialagent aus ihr zurückkehrt, ist er bereits dem Wahnsinn verfallen. Das soziale Ordnungskonstrukt ist durch den Mord via Kettenreaktion zusammengebrochen, die Ratio einer pechschwarzen Romantik gewichen.

Nach dem Ende des osteuropäischen Sozialismus brachen beidseitig, in Ost und West, mentale, soziale und metaphysische (Un-)Tiefen auf. Das Jugoslawien-Konstrukt zerbarst mit ungeahnter Brutalität, die USA erlitten ihr Trauma vom 11. September. Letztere kompensierten den Schock durch Allmachtsphantasien, erklärten alte Rechtsverbindlichkeiten für beendet, vollzogen die Rückkehr der Folter, errichteten das Schandlager Guantánamo. Der Triumph des Irrationalen erfaßte auch Europa: Man mästete die Überwachungskrake, Mißtrauen gegenüber den eigenen Bürgern wurde zur Selbstverständlichkeit.

Die Resterschütterung besorgten flexible Atomisierung, Kündigung sozialstaatlicher Solidarität in einer Wirtschaft, die durch das Casino-Prinzip „funktioniert“. Nichts von alledem läßt sich rational erklären, geschweige denn „begründen“. Das „System“ ist regellos und übt doch Zwang aus, suggeriert „alternativlose“ Unterwerfung. Diese Gefangenschaft in irrationaler Dynamik, im Unbehagen, das kein Angriffsziel mehr findet, weil alle Welt in ihm verwickelt scheint: Willkommen in Twin Peaks. Dort wie in der Weltpolitik gilt: Wer wirklich verstehen will, endet isoliert, in individueller Verzweiflung.

Antizipation mentaler Welt-Veränderung

Nun ist Lynch kein Nostalgiker, der vergangener Doppelmoral nachtrauert. 1992 zeigte sein Kino-Prequel „Twin Peaks – Firewalk with me“, daß besagte Stadt auch vor dem Mord an Laura Palmer ein Ort verborgener Schrecken war.  
Kurzum: David Lynch und Marc Frost haben vor 20 Jahren mit „Twin Peaks“ zwar keinen politischen „Thesenfilm“, aber eine Antizipation mentaler Welt-Veränderung abgeliefert. Bleibt die Frage: Wußten die Propheten auch einen Ausweg? Lynch zumindest scheint den bei Maharishi Mahesh Yogi, dem Meister der „Transzendentalen Meditation“ (TM-Bewegung) gefunden zu haben. Aber leider nicht bloß als persönliche Befriedung.

Vielmehr will er den gesamten Planeten mit TM befreien, läßt weltweit Lehrzentren errichten. Durch inneren Frieden zum Weltfrieden? Regisseur Lynch vor vier Jahren: „Bis jetzt ist die Welt ein dunkler und beunruhigender Ort gewesen“, aber jetzt – mit dem Wissen des Meisters – „wird es eine schöne Welt“. Dieser erlöste Regisseur ist so unheimlich wie die nett lächelnden Menschen in seinem frühen „Blue Velvet“ (1987).

Fazit: Wenn sich Lynch nicht im Unbewußten aufhält, sondern im Licht des Bewußtseins redet, scheint ihm sogar Fukuyama überlegen zu sein.

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