Infantilitis

Als ich 1978 als verzagter 14-Jähriger meinen ersten Schultag an der Erweiterten Oberschule (EOS) absolvierte, hörte ich aus den Umkleideräumen der Turnhalle verschwitzte Elfklässler singen, die sich nach ihrer Sportstunde umzogen. Nicht schön, aber laut schmetterten die Sechzehn- und Siebzehnjährigen aus Laune den alten Hit der „Comedian Harmonists“: Veronika, der Lenz ist da, die Mädchen singen tralala. Die ganze Welt ist wie verhext, Veronika, der Spargel wächst… 

Wir Neunklässler warteten ehrfürchtig davor, bis wir endlich zur eigenen Sportstunde eintreten konnten, und ich fühlte mich damals wie ein Zwerg im Feinripp. Schockiert dachte ich: Das sind ja richtige Männer, die sich da duschfrei umziehen und das ganze Gebäude mit ihren ungehemmten Baßstimmen zum Vibrieren bringen. So wirst du nie! Und tatsächlich waren das ganze Kerle, die schon durch die damals nach der zehnten Klasse vorab zu absolvierenden Prüfungen gekommen waren und nun in Klasse 11 stolz als Abiturienten in spe galten.

Die hier sangen, hatten es geschafft. Sie bewarben sich für ein Studium, wußten alle genau, wohin sie wollten, hatten bei der GST – eine vormilitärische Jugendorganisation in der DDR – ihren Motorrad- und LKW-Führerschein gemacht, konnten darüber hinaus sogar Traktor fahren und sich so in der Ferienarbeit Geld verdienen. Vor allem aber: Sie hatten nicht nur das Alter junger Männer, sie sahen sogar so aus.

40 Ostmark Essengeld und staatliches Schülerstipendium

Zwei Jahre später grölten wir genauso in den Umkleideräumen, bildeten uns etwas auf unsere Trainiertheit ein und meinten, daß wir es den Alten schon zeigen würden, wenn wir erst Abitur hätten und nach der Armee beim Studium saßen, um Ingenieure, Mediziner, Lehrer zu werden. Für vierzig Ostmark Essengeld wohnten wir im Internat, bekamen alle ein staatliches Schülerstipendium, damit wie keinem auf der Tasche lagen, und fühlten uns verdammt erwachsen, weil wir was leisteten, indem wir unsere Noten brachten. Wir kickten samstags unsere MZ-Motorräder an und fuhren mal schnell die Eltern besuchen, um sie in den Arm zu nehmen, ihnen zu helfen und ein bißchen anzugeben.

30 Jahre später und lange nach dem Untergang der eigenen Herkunftswelt: Meine Schüler sind verbindlich, aufgeschlossen, verläßlich. Wir kommen nicht nur miteinander klar, sondern sind uns über alle Abstände hinweg beinahe freundschaftlich gesonnen. Manchmal darf man sogar vorsichtig fragen, ob einer ein Bier möchte. Aber: Abgesehen von ein paar sympathisch widerständlichen Individualisten, einer empfundenen Konstante von zirka fünf bis zehn Prozent, wollen sie gar nicht so recht erwachsen werden.

Alles verbreiten, aber wenig vertiefen

Nicht allein, daß die Frage, was sie beruflich vorhaben, beinahe tabuisiert ist, nein, es soll erst mal alles ein Spiel bleiben. Politisch ist ihre Welt eine Scheibe und Guttenberg ein ehrenwerter Mann! Sie leben mit Eragon, Twilight und Harry Potter, wenn sie denn überhaupt lesen, und sie treffen sich zu Spieleabenden wie viktorianische Ladies weiland zum Whist. Und sie haben Friseurtermine. Zu handfester Arbeit in den Ferien braucht sie keiner, stattdessen werden „Praktika“ für Bürojobs absolviert.

Wie es dann weitergeht? Alles verbreiten, aber wenig vertiefen. Also Fremdsprachen lernen, weil man das für die Karriere braucht, und dann erst mal weit, weit weg, möglichst nach Australien oder Neuseeland, weil das noch gelobte Phatasia-Länder zu sein scheinen. Ein bißchen „Work & Travel“, ein bißchen „Au-Pair“, ein bißchen Praktikum in Vatis Firma. Überhaupt viele „Projekte“, wenig Arbeitseinsätze.

Plastik-Helikopter statt Moped

Neulich fragte ich herum, was ich einem Sechzehnjährigen denn zum Geburtstag schenken könnte und dachte selbst an so allerlei Fachliteratur oder Sportzeug. Nein, sagte man mir, bring ihm doch so ein ferngesteuertes Helikoptermodell mit, eins von den kleinen schicken Dingern, die beim Fliegen farbige Blinkzeichen geben. Da freut er sich: Auf den Punkt! Selig stand das Geburtstagskind in der Mitte des Wohnzimmers und ließ seinen Plastik-Heli um die Lampe surren.

Und ich lächelte freundlich, dachte aber betreten daran, wie wir in diesem Alter unsere MZ-Karren frisierten oder in der GST Radwechsel nach Normzeit übten, wenn wir nicht gar beim militärischen Mehrkampf mit der KK-Kalashnikow schossen. Ach, böse Jugend im Kalten Krieg. Dazu all die Ernteeinsätze und das viele Pils mit den Bauern am Abend!

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