„Paßdeutsche“ Nationalspieler

Vor gut 15 Jahren fällte der Europäische Gerichtshof (EuGH) ein folgenschweres Urteil, das die Mannschaftssportarten von Grund auf verändert hat. Gemeint ist das „Bosman-Urteil“, das zur Aufhebung der bis dahin gültigen Transferregelungen und Ausländerbeschränkungen geführt hat, die vom EuGH schlicht für null und nichtig erklärt wurden.

Seitdem steigt die Zahl ausländischer Akteure in einheimischen Mannschaften von Saison zu Saison sprunghaft an, bis hin zu der absurden Situation, daß in einigen Fußballspielen, die zum Beispiel Arsenal London oder Energie Cottbus bestritten, in deren Reihen überhaupt keine einheimischen Spieler mehr aufliefen.

Im gleichen Maße haben einheimische Nachwuchsspieler das Nachsehen, weil ihnen die Leistungsanhebung, die aufgrund eines weltweiten Einkaufs ausländischer Spieler eingesetzt hat, kaum noch eine Chance läßt. Nachwuchsspieler machen eventuell Fehler, die im „Big Business“ des Profifußballs schnell dazu führen können, daß ein Trainer in Frage gestellt wird.

Also setzt man lieber auf die Erfahrung selbst mäßig begabter, aber „erfahrener“ ausländischer Kicker, Handballer oder Eishockeyspieler. Das hat natürlich gravierende Konsequenzen für die Nationalmannschaften. Hier finden sich, schaut man zum Beispiel auf die deutsche Fußballnationalmannschaft, mangels Alternativen mehr und mehr Spieler, die in ihren Vereinen nicht einmal Stammspieler sind. 

Schwindender Pool einheimischer Spieler

Aus deutscher Sicht forciert sich das Problem aber auch vor dem Hintergrund der demographischen Misere. Dadurch wird der Pool talentierter autochthoner Spieler, die noch dazu bereit sind, die Ochsentour bis zum Profifußballer durchzustehen, immer kleiner.

Dazu trägt auch bei, daß die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung unüberblickbar angestiegen sind. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen das Engagement im Dorfverein quasi obligatorisch war. Das gilt auch für die Jugendtrainer, die sich ehrenamtlich engagieren.

Ich konnte zum Beispiel in einigen Vereinen beobachten, daß sich hier (vor allem türkischstämmige) Jugendtrainer mit „Migrationshintergrund“ engagieren, die natürlich vor allem ihre „Klientel“ fördern. Frage: Wer von denen, die lautstark „paßdeutsche“ Nationalspieler kritisieren, ist bereit, sich als Jugendtrainer oder wie auch immer ehrenamtlich zu engagieren, um deutsche Jugendliche zu fördern?

Dazu gehört – unter anderem – zwei- bis dreimaliges Training in der Woche und der Spielbetrieb am Wochenende! Ein ähnliches Engagement müssen im übrigen die Eltern von Nachwuchskickern erbringen, die ihren Nachwuchs zum Training beziehungsweise zu den Spielorten zu bringen und von dort wieder abzuholen haben. Daß damit ein erheblicher organisatorischer Aufwand seitens der Eltern verbunden ist, muß hier nicht eigens erläutert werden. Nicht wenige verzichten deshalb darauf, ihre Schützlinge im Verein anzumelden.

Die Leere hinter Ballack

Alle diese Gründe führen in der Summe dazu, daß „Jugendliche mit Migrationshintergrund“ mittlerweile den Pool bilden, aus dem die meisten Talente kommen. Geht es nach manchen Kritikern aus dem konservativ-rechten Spektrum, dann sollten deutsche Nationalmannschaften auf Kicker „mit Migrationshintergrund“ aber besser verzichten; eben weil sie keine „richtigen Deutschen“ sind und nicht einmal die deutsche Nationalhymne absingen wollen.

Eine Mannschaft mit „richtigen Deutschen“ wäre aber aufgrund der oben beschriebenen Misere in absehbarer Zeit kaum mehr wettbewerbsfähig. Das zeigt bereits die Tatsache, daß Deutschland mit Michael Ballack derzeit gerade einmal einen Fußballer vorweisen kann, der an guten Tagen Weltklasseformat erreicht. Ballack aber ist mittlerweile weit über dreißig … 

Unumkehrbare Entwicklungen

Nun kann man argumentieren: lieber nicht wettbewerbsfähig als die „Multikulturalisierung“ deutscher Nationalmannschaften. Das würde das Problem aber weiter verschärfen, gäbe es doch immer weniger sportliche Leitfiguren, die Jugendliche in die Vereine ziehen. Talentierte „paßdeutsche“ Spieler wie Mesut Özil würden dann eben in der türkischen Nationalmannschaft spielen.

Überdies würde der Versuch, die Nationalmannschaften „rein deutsch“ zu halten, integrationswilligen „Paßdeutschen“ signalisieren, daß ihre Bemühungen nicht honoriert werden. Mit anderen Worten: Ein derartiger Weg ist nicht durchhaltbar.

Es gibt deshalb wohl keine Alternative zur Integration „paßdeutscher“ Spieler – selbst wenn diese die Nationalhymne aus unterschiedlichen Gründen nicht absingen wollen.

Was hier nicht ist, kann im Laufe der Zeit bei einem entsprechenden Mannschaftsgeist durchaus noch werden. Die Zeit „rein deutscher“ Nationalmannschaften hingegen scheint, so sehr man dies auch bedauern mag, der Vergangenheit anzugehören. Das gilt im übrigen für mehr oder weniger alle westeuropäischen Nationalmannschaften. 

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