Kultur und Barbarei

In seinem brisanten Aufsatz „Kultur und Barbarei. Metaphysik in den Zeiten des Terrorismus“ (Merkur, Nr. 723) beschreibt Terry Eagleton, Professor für Englische Literatur an der Universität von Lancaster, die politischen Kontrahenten des gegenwärtigen „Weltbürgerkrieges“ mit den semantisch neujustierten Begriffen Kultur und Zivilisation.

In gewisser Weise an Oswald Spengler anschließend ist für Eagleton „die westliche Zivilisation in dieser Dichotomie das Universale, Autonome, Wohlhabende, Individuelle, rational Spekulative, der Selbstzweifel und das Ironische“. Kultur bedeutet  dagegen „das Herkömmliche, Kollektive, Leidenschaftliche, Spontane, Unreflektierte, Unironische und A-rationale. Kultur steht für all die unreflektierten Bindungen und Zugehörigkeitsgefühle, für die Menschen in Extremsituationen zu töten bereit sind. In der Regel sind die ehemaligen Kolonialstaaten Zivilisationen, während die ehemaligen Kolonien Kulturen sind.“

Fixiertheit auf quantitatives Wachstum 

Insofern die Zivilisationen im Ergebnis ihrer neuzeitlichen Geistesgeschichte im „Transzendenzverrat“ und im Zuge blutiger Revolutionen und Kriege säkulare Staaten in bürgerlichen Gesellschaftsverträgen ausbildeten, die weder religiöser noch metaphysischer Herleitungen bedürfen und sich neuerdings sogar immer weniger über klassischen Liberalismus, sondern pragmatisch über Warenproduktion, Warenverbrauch und Fixiertheit auf quantitatives Wachstum definieren, traut ihnen Eagleton nicht nur weniger Inspirations- und Bindekräfte zu, sondern sieht sie in das Paradoxon verstrickt, daß ihre Pauschalauffassung von Freiheit und Toleranz einen kulturellen Fundamentalismus anstachelt, der weder integrierbar noch eigentlich bekämpfbar ist, solange es eben bei der bisherigen Integrationstheorie bleibt.

„Teil dessen, was in unserer Zeit geschieht, ist der Wechsel Gottes von der Seite der Zivilisation auf die Seite der Barbarei. Es ist nicht länger der kurzhaarige Gott des Westens im blauen Blazer. Es ist vielmehr ein zorniger, dunkelhäutiger Gott, der, wenn er denn John Locke und John Stuart Mill schuf, diesen Vorgang schon lange vergessen hat.“

Bürgerliche Lebendigkeit neu beleben

Eagleton versucht, der Aufklärung treu zu bleiben, versteht sie aber als eine kämpferische, die zu ihren Wurzeln zurückkehrt: „Die Vernunft allein vermag einen barbarischen Irrationalismus in die Knie zu zwingen, aber dazu muß sie aus Kräften und Quellen des Glaubens schöpfen, die tiefer reichen als sie selbst und die deshalb eine beunruhigende Ähnlichkeit aufweisen können mit eben dem Irrationalismus, den sie bekämpfen will.“

Das ist der Punkt, an dem tatsächlich eine weltgeschichtliche Entscheidung fallen wird. Sind die Demokratien des Westen in der Lage, zurückzukehren zum streitbaren und leidenschaftlichen Diskurs über ihre Werte und das Selbstverständnis ihrer langen Tradition, so werden sie vielleicht eine bürgerliche Lebendigkeit im Politischen neu beleben können, die abzusterben droht.

Sklerotische Verstelltheiten aufsprengen

Bleibt es aber bei der Krähwinkel-Politik, der ausgefallene Klimaanlagen zu Echauffiertheiten ausreichen, bleibt es beim Feilschen der Besitzstandswahrer und Leistungsverweigerer, dann könnte der Westen, der Sieger des Kalten Krieges, bald Geschichte sein; zumal der Citoyen bereits durch den Konsumenten ersetzt ist, zumal ferner Rußland und China erlebbar machen, daß der Kapitalismus nicht unbedingt des Liberalismus‘ bedarf. Gewissermaßen hätte dann – in Anlehnung an Thomas Manns „Zauberberg“ – Naphta endgültig über Settembrini gesiegt, meint Eagleton.

Wir alle sind gefordert, einem echten und damit kämpferischen Liberalismus wieder auf die Beine zu helfen, indem wir provokant die richtigen, die schmerzlichen Fragen stellen, die Tabus brechen und die sklerotischen Verstelltheiten aufsprengen, an denen die Res publica leidet, weil behäbige Biederkeit und feige Korrektheit dazu führten, daß nicht einmal mehr die zu verhandelnden Begriffe stimmen und sich eine Mehrheit bereits aufs träge Abwarten verlegt.

Wer jetzt aber abwartet, riskiert alles. Jene, die als Populisten verschrien werden, sind nicht selten die, die verschüttete Leidenschaften wecken; und es ist mitunter der als Demagoge geschmähte Rufer, der die schlummernde Gemeinschaft in der Stunde der Gefahr aufrütteln muß. Man darf im folgenden Brecht nicht allein linksherum verstehen: „Ach, wir, die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, konnten selber nicht freundlich sein.“

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