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Interview
 

„Das Zeug zum Idol“

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T-Shirt mit Stauffenberg-Motiv: So entsteht ein Überraschungseffekt Foto: JF-Montage
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Jens Gerlach: Gegenprogramm auch zu Che Guevara Foto: Privat

Herr Gerlach, „Neue Idole braucht das Land“, postulieren Sie zum Jahrestag des 20. Juli 1944 auf Ihrer Internetseite konmo.de und fordern dazu auf, Che Guevara durch Graf Stauffenberg zu ersetzen.

Gerlach: Stauffenberg verkörpert durch seine Tat und sein Schicksal alles, was eine historische Figur braucht, um das Zeug zum Idol zu haben. Und im Gegensatz zu Che Guevara war er kein Mörder und Gewaltherrscher.

16.000 Menschen wurden nach der Machtergreifung des Sozialismus in Kuba hingerichtet, etwa 100.000 inhaftiert, zwei Millionen flohen, und etwa 30.000 kamen dabei zu Tode.

Gerlach: Eben, die einzige Gemeinsamkeit Guevaras und Stauffenbergs ist, daß sie beide vor einem Erschießungskommando endeten. Aber im Gegensatz zu Che wollte Stauffenberg die Diktatur abschaffen, nicht einführen, Verfolgungen beenden, die Lager öffnen und den Rechtsstaat wiedererrichten: also nicht nur das Gegenprogramm zu Adolf Hitler, sondern auch zu Che Guevara. Warum aber laufen dennoch weltweit Abertausende junger Leute mit dem berühmten Che-Konterfei auf dem T-Shirt herum?

Dem wollten Sie etwas entgegensetzen?

Gerlach: Ich habe mich schon länger mit dem Gedanken getragen, die  Idee, Mode und politische Haltung stilmäßig zu verknüpfen, auch einmal für konservative Positionen nutzbar zu machen. Daher auch der Name meines Labels Konmo, ein Akronym aus „konservativ“ und „Mode“. Die beliebten Guevara-T-Shirts als Vorlage zu nehmen, lag nahe: Stauffenberg statt Che!

„Graf Stauffenbergim Stil der Warhol-Factory“

Gab es auch andere Ideen?

Gerlach: Sicher, aber darüber verrate ich nichts, denn wir wollen das Sortiment ja in Zukunft noch erweitern. Wobei wir momentan eher über neue Motive nachdenken als über weitere Variationen des Stauffenberg-Motivs. Lassen Sie sich überraschen.

Alberto Kordas berühmte Che-Fotografie von 1960 funktioniert allerdings nicht nur über die Person, sondern vor allem über seine Ästhetik: Der entschlossene „Blick in die Zukunft“, die wilden Haare – das steht für Aufbruch, Revolution, Jugend und Kraft.

Gerlach: Das stimmt, Kordas Photo wirkt, selbst wenn man nicht weiß, wer Che Guevara war. Aber die Ästhetik, mit der man einen kommunistischen Revolutionär in Szene setzt, kann nicht auch die des 20. Juli 1944 sein.

Von Stauffenberg gibt es nur wenige Bilder und natürlich erst recht keine politischen. Hat denn Ihr Unterfangen ohne eine entsprechende ikonographische Fotografie überhaupt eine Chance?  

Gerlach: Ich finde, das Bild wirkt auf seine Weise, es zeigt einerseits Stauffenbergs feingeschnittenes Gesicht und damit eine gewisse Menschlichkeit, im Gegensatz zu den vereisten Zügen Guevaras auf Kordas Bild. Andererseits ist es ein Bild in Uniform und vermittelt Stauffenbergs unbedingte  preußische Entschlossenheit. Stauffenberg war eben kein Revoluzzer, sondern ein Mann, der bereit war, sich seiner Verantwortung zu stellen. >>

Sie sind mittlerweile nicht der einzige Hersteller von Stauffenberg-Textilien, der amerikanische Anbieter cafepress.com wählte ein Foto mit Augenklappe – gleich wirkt Stauffenberg geheimnisvoller und viel verwegener.

Gerlach: Das mag sein, aber wir haben uns nicht gezielt gegen ein Bild mit Augenklappe entschieden. Die Erklärung ist vielmehr, daß die Version unseres Shirts mit dem einfachen Stauffenberg-Porträt eher ein Nebenprodukt ist, das wir als Alternative zum etwas gewagteren Popart-Motiv aufgelegt haben, weil wir verhindern wollten, unserer Idee durch die Beschränkung auf nur ein einziges Motiv Potential zu nehmen. Und tatsächlich haben immerhin etwa fünfzig Prozent der Besteller das konventionelle und nicht das Warhol-Motiv geordert.

Sie sind die ersten, die Stauffenberg im Pop-Art-Stil Andy Warhols präsentieren.

Gerlach: Eben, und deshalb war für uns die Frage, welches Foto wählen wir als Vorlage, auch zweitrangig. Vermutlich Gerard Malanga, einer der Schüler Warhols, kopierte 1968 dessen berühmten neunfach reproduzierten Marilyn-Monroe-Siebdruck nun mit dem Che-Guevara-Motiv. Das diente uns wiederum zur Vorlage: Stauffenberg in Stil der Warhol-Factory.

„Unsere Botschaft auf subtile Weise an den Mann bringen“

Und was sagt uns das?

Gerlach: Wenn wir Stauffenberg ganz konventionell darstellen, im Sinne einer konservativen Ästhetik, vielleicht sogar noch mit einem bekenntnishaften Text in Fraktur, würde das Shirt nach außen wohl eher ablehnende Reaktionen provozieren. Motto: „Der war ja auch nur ein Ewiggestriger.“ Man muß bedenken, daß man eine klar bekenntnishafte Symbolsprache dann wählt, wenn man unter sich bleiben will, denn damit definiert sich eine Gruppe von Gleichgesinnten nach außen. Unsere Hemdträger sollen aber nicht sofort erkennbar sein, sondern die Botschaft auf subtile Weise an den Mann bringen.

Das heißt konkret?

Gerlach: Wir wollen Stauffenberg in einen neuen Zusammenhang bringen, um Leute zu interessieren, die sich bisher kaum für ihn interessiert haben. Wer unser Hemd in der Öffentlichkeit trägt, soll damit ruhig für Verwirrung sorgen: Jeder kennt das Warhol-Motiv, aber wer ist dieses Gesicht? So soll beim Gegenüber Interesse geweckt werden, und im Idealfall ergibt sich ein Gespräch. Ich bin sicher, so entsteht ein Überraschungseffekt, weil man das nicht erwartet von Leuten, die angeblich „ewiggestrig“ sind. Wir sehen das ganz im Sinne des politischen Aktivisten Götz Kubitschek und dessen Konservativ-Subversiver Aktion: Die KSA nutzt auch die Stilmittel der Linken, funktioniert sie aber für die eigenen Zwecke um.

Bedruckte T-Shirts sind ein Mittel der Gegenkultur der siebziger Jahre. Handelt es sich also nicht nur um ein Medium, sondern auch darum, Stauffenberg in einen gegenkulturellen Zusammenhang zum Etablierten zu stellen?

Gerlach: Das war nicht unser Gedanke. Ich glaube, dafür sind bedruckte T-Shirts heute auch schon selbst zu etabliert. Für uns ist das T-Shirt ein Medium, damit erreicht man eine junge Zielgruppe, und durch den Aufdruck wird jeder Träger zum Botschafter.

„Ein Offizier der Wehrmacht auf einem T-Shirt ist eine Provokation“

Andererseits, wie provokativ ist denn Stauffenberg in einer Gesellschaft, in der die Erhebung des 20. Juli beinahe als der einzige positive historische Bezugspunkt vor 1945 gilt?

Gerlach: Eine berechtigte Frage, die sich aber nur scheinbar selbst beantwortet, denn wenn das offizielle Deutschland den wahren Graf Stauffenberg zur Kenntnis nehmen würde, wäre er für das offizielle Gedenken nur noch schwerlich geeignet. In der offiziellen Deutung geht es immer um die Aspekte „Aufstand des Gewissens“ und „Attentat auf Hitler“. Andere Gesichtspunkte läßt man gerne aus: Etwa, warum machte Stauffenberg überhaupt den Aufstand? Was hätten er und seine Mitstreiter politisch umgesetzt, wenn sie Erfolg gehabt hätten? Wer war überhaupt Claus Schenk Graf von Stauffenberg? Man kann die Tat nicht von den Motiven trennen, und diese Motive finden sich in Stauffenbergs Gedankenwelt, als Soldat, als Patriot und als ein Jünger des George-Kreises. All diese Aspekte sind auch heute noch hochgradig provokativ.

Das offizielle Gedenken an Stauffenberg beinhaltet also eine gewisse Oberflächlichkeit, die Sie zwar einerseits kritisieren …

Gerlach: … von der wir aber andererseits auch profitieren, weil sie sicherstellt, daß Stauffenberg auch weiterhin positiv besetzt ist, was eine Voraussetzung dafür ist, daß wir überhaupt die Chance haben, unsere Botschaft an den Mann zu bringen. Denn schon allein einen Offizier der Wehrmacht auf seinem T-Shirt zu zeigen – selbst wenn es sich dabei um Graf Stauffenberg handelt –, ist im Grunde heute eine Provokation.

Teilt sich diese tiefere Deutung dem Träger Ihrer Hemden denn mit?

Gerlach: Es ist für mich nicht entscheidend, daß jeder, der das Hemd trägt, auch hundertprozentig Stauffenberg versteht. Um was es geht, ist etwas anderes: zu versuchen, für Stauffenberg in Sachen Popkultur Boden gutzumachen. Mir ist klar, daß das mit diesem T-Shirt allein wohl kaum gelingen wird, aber es kann ein erster Schritt sein. >>

Wie viele Bestellungen sind denn bis jetzt eingegangen?

Gerlach: Etwa dreißig, was in etwa unseren Erwartungen entspricht – Konmo ist erst vor rund vier Wochen an den Start gegangen und bestellte Ware wird überhaupt erst jetzt, zum Jahrestag des 20. Juli, ausgeliefert. Außerdem müssen Sie bedenken, daß es bislang nur ein kleines Projekt ist, unsere Brötchen verdienen wir auf einem anderen Gebiet. Dennoch, die bisherige Resonanz ist durchweg positiv.  

Wer sind Ihre Kunden?

Gerlach: Soweit wir das nachvollziehen können, überwiegend männliche und jüngere Leute – ich meine damit unter 35. Und es sind wohl bis jetzt alles von der Sache bereits Überzeugte. Aber in der ersten Phase kaufen natürlich nur jene, die schon voll dahinterstehen. Erst wenn die ihre Hemden in der Öffentlichkeit tragen, können auch andere neugierig werden. Und um nochmal auf Ihre Frage nach der geistigen Auseindersetzung mit Stauffenberg durch unsere Kunden zurückzukommen: Auch wenn künftige Käufer des Hemdes keine Stauffenberg-Experten sein sollten – es ist wie beim Che-T-Shirt, man weiß eigentlich nicht so genau Bescheid, aber etwas der Werte, für die das Motiv steht, teilt sich einem dennoch mit.

„Deutscher Anteil am Erhalt der abendländischen Kultur“

Dieses Argument könnte sich aber auch gegen Sie wenden. Natürlich haben Sie recht, weder das Guevara-Bild noch die Warhol-Kunst haben Erfolg, weil sich deren Konsumenten inhaltlich damit auseinandersetzten – sondern weil beides für ein Lebensgefühl steht. Ob ein solches allerdings auch Ihr Motiv zu vermitteln vermag, ist fraglich – sprich: Wenn es am Ende nur die Hundertfünfzigprozentigen kaufen, ist Ihr Unterfangen als popkulturelle Offensive im Grunde gescheitert.  

Gerlach: Mag sein, aber Popkultur folgt ihren eigenen Regeln, und man kann das nicht voraussagen. Man kann nur versuchen, sie zu seinen Gunsten zu nutzen. Sicher, gesellschaftliche Umbrüche, vor allem im Sinne tiefer konservativer, patriotischer Werte wie denen Stauffenbergs, bedürfen wie schon eingeräumt in der Tat mehr als nur einer T-Shirt-Idee. Aber wir können ein kleines Rädchen im großen Getriebe sein.

Bedarf also die bisherige Stauffenberg-Ikonographie einer Generalüberholung?

Gerlach: Nein, wir brauchen keine neue, sondern ihre Weiterentwicklung. Stauffenberg, der 20. Juli, das alles war höchst tragisch und findet in zeitgenössischen Bildern und Darstellungen authentischen Niederschlag. Das bleibt bestehen. Aber unsere Zeit muß einen eigenen Ausdruck finden, nicht für das Historische des 20. Juli, sondern für das, was wir damit verbinden.

Dann …?

Gerlach: Dann wird es auch zukünftig wieder möglich sein, geistig-kulturelle Höchstleistungen zu erbringen, um so den Menschen ein Gesellschaftsmodell zu erschaffen, das Halt durch die richtigen Werte vermittelt und so als deutscher Anteil dazu beiträgt, die abendländisch-europäische Kultur zu bewahren.

JF 29/10

Jens Gerlach ist Gründer der Firma Konmo, die seit neuestem Hemden mit Graf-Stauffenberg-Motiven anbietet. Der gelernte Kaufmann und Unternehmer wurde 1977 in Seesen bei Goslar geboren, studierte Wirtschaftsrecht und Medieninformatik und ist verheirateter Vater von zwei Kindern.

Stauffenberg-Mode: T-Shirts mit Stauffenberg-Motiv boten zuerst die beiden US-Firmen www.zazzle.de und www.cafepress.com an. Außerdem vertreibt www.moskaulotte.de in Potsdam sogenannte Fliegerschals mit Stauffenberg-Aufdruck.

www.konmo.de ist der erste Versender von T-Shirts und Polohemden in Deutschland mit einer eigenen Stauffenberg-Kollektion, mit den Modellen „Pop-Art“, „Profil“ und „Es lebe das geheime Deutschland!“ (nur Textaufdruck).

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