Klebriges auf Kosten der Schüler

Weil es verboten war, kauten wir vor zwanzig Jahren an unserem Gymnasium während des Unterrichts manchmal heimlich Kaugummi. Ich bin damals knapp an einem Verweis vorbeigeschrammt. Der Deutschlehrer hatte ihn bereits ausgesprochen, dann aber stillschweigend zurückgenommen, als er bemerkte, daß ich mich plötzlich ungewöhnlich eifrig am Unterricht beteiligte.

Diese Zeiten haben sich grundlegend geändert, denn heute bestimmt die Großindustrie die Pädagogik an deutschen Schulen mit: „Kaugummikauen in der Schule erwünscht“ lautet der Titel einer Pressemitteilung vom vergangenen Donnerstag. Ganz offensichtlich hat den Text, den die bayerische Grundschule Volkenschwand aussandte, die Wrigley GmbH geschrieben, die zum amerikanischen Mars-Konzern gehört. Unverhohlen wird der Name des weltgrößten Herstellers von Kaugummi mehrmals lobend erwähnt.

Lehrer nötigen Schüler, Kaugummi zu kauen

Das Gummikauen ermögliche „einen großen Schritt ins Klassenzimmer der Zukunft“, lesen wir da staunend. Der Lehrer der Zukunft soll also vor einer Klasse dumpf vor sich hin käuender Schüler stehen? Tatsächlich fordert Schulleiter Hans Dasch seine Schüler sogar dazu auf, „während der Freiarbeit und bei den Klassenarbeiten Kaugummi zu kauen.“

Ein wahres Wundermittel zur Beglückung der Menschheit scheint aus dem Hause des Süßwarenherstellers Wrigley zu kommen: Die Hirnaktivität werde angeregt, das Konzentrationsvermögen erhöht, die Mund- und Zahngesundheit verbessert. Ministerialrat Wolfgang Ellegast vom Bayerischen Kultusministerium sekundiert: „Durch Kaugummikauen erzielen die Schüler eine gesundheitsförderliche Wirkung und steigern zugleich ihre kognitive Leistungsfähigkeit.“ Haben uns also unsere Lehrer früher zu Stumpfheit, Unkonzentriertheit und Karies verurteilt, indem sie das Kaugummikauen verboten?

Aliquid haeret: Wohlweislich werden die Nachteile der allgegenwärtigen Kaugummimampferei verschwiegen. Abgesehen davon, daß das Kauen die Gesichtszüge entstellt und einen etwas dümmlich aussehen läßt: Deutschlands Städte und Gemeinden geben nach Schätzungen jährlich rund 900 Millionen Euro für das Entfernen von Kaugummis aus. In den Innenstädten kleben nach Berechnungen etwa 35 ausgespuckte Kaugummis auf jedem Quadratmeter. Das Entfernen von Straßenbelag oder Gehwegplatten soll je Kaugummi rund zwei Minuten dauern und etwas mehr als einen Euro kosten.

Amerikanisierung mit Hilfe der Ganztagsschule?

Wie kam es jedoch an der Grundschule Volkenschwand zu diesem „Pilotprojekt“ mit Wrigley, das als Vorbild für ganz Deutschland gedacht ist? So hat das hessische Kultusministerium für seine Schulen bereits 6.000 „Tischaufsteller mit eigenem Kaugummi-Parkplatz als Zwischenablage“ bestellt. Aufschluß gibt ein Artikel aus der Hallertauer Zeitung vom 22. Oktober dieses Jahres.

Schulleiter Hans Dasch leitet als Vorsitzender der Volkshochschule Mainburg auch das unter der Schirmherrschaft  des Bayerischen Kultusministeriums stehende Ganztagsschulprojekt KESS („Kompetenz extern für Schule und Schulleben“). Dieses Projekt soll für ganz Bayern Nachmittagsbetreuer für Ganztagsschulen ausbilden.

Die Grundschule Saal bietet zum Beispiel im Rahmen von KESS auch Kurse für Englisch und „American Dance“ an. Die Einrichtung der KESS-Ausbildungseinrichtung geht auf den Einfluß des örtlichen CSU-Landtagsabgeordneten Martin Neumeyer zurück, der als Integrationsbeauftragter der Bayerischen Staatsregierung auch als „Türken-Martin“ bekannt ist.

Das Herz soll für Amerika und Wrigleys Kaugummis schlagen

Doch Neumeyer fördert über KESS nicht etwa die Turkisierung, sondern die Amerikanisierung, und zwar mit Hilfe der Ganztagsangebote für den Nachmittagsunterricht. So fädelte er den Besuch des US-amerikanischen Generalkonsuls Conrad R. Tribble an der Volkenschwander Schule ein. In Tribbles Schlepptau befand sich Jutta Reitmeier, „Head of Corporate Affairs Germany, Austria, Switzerland, Netherlands“ von Wrigley.

Die Grundschüler wurden durch KESS auf den Besuch gründlich vorbereitet. Mit Inbrunst sangen sie zur Begrüßung die amerikanische Nationalhymne, während sie „eifrig Sternenbanner-Fähnchen schwenkten und die Rechte artig auf die Herzgegend legten“, wie die Hallertauer Zeitung zu berichten wußte. Außerdem führten sie einen amerikanischen „Line-Dance“ vor. Tribble und seine Wrigley-Begleiterin waren begeistert: „It was very nice“, lobte der US-Diplomat. Sicher gewannen die beiden den Eindruck, daß an der Grundschule ideale Bedingungen herrschen, das für den amerikanischen Kaugummihersteller absatzfördernde „Pilotprojekt“ einzurichten.

Dies ist nur ein Beispiel dafür, was passieren kann, wenn dem Staat die Aufgabe zugewiesen wird, nachmittags Kinder zu bespaßen. Wer die Erziehung seiner Kinder aus der Hand gibt, braucht sich nicht zu wundern, wenn sie zu amerikanisierten Konsumtrotteln erzogen werden, weil der Staat sich Erziehungsberater aus der Großindustrie holt.

Jedenfalls, liebe Schüler, wißt Ihr jetzt, was heute Widerstand heißt: keine Kaugummis kauen!

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