Hartz IV und der Stolz

Während der „Debatte“ um Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ beklagten seine Anhänger besonders, daß seine Kritiker sich häufig über ein Buch äußern würden, das sie noch nicht gelesen hätten. Allerdings muß man zugeben, daß dies wohl in der Tat auch für viele Sarrazin-Anhänger galt. Also habe ich nun das Buch gelesen – Fazit: bei der Lage-Analyse stimme ich zu etwa 95 Prozent zu, bei den Lösungsvorschlägen sind es dann vielleicht noch 60-70 Prozent. Denn Sarrazin zeigt mit seinem Buch, daß er mit Recht ein SPD-Parteibuch trägt. 

Beispiel Hartz IV: Richtig analysiert Sarrazin zunächst, das Materielle sei für die Betroffenen „gar nicht so sehr das Problem“, sondern „der Mangel an Herausforderungen. Wer sich den Anforderungen des Arbeitsmarktes nicht stellen muß oder noch nie gestellt hat, verliert mit der Zeit viele Kompetenzen, die im sozialen Umgang wichtig sind.“ (S.87) Er beklagt, daß die Fähigkeiten von Millionen Arbeitslosen „mehr und mehr verkümmern und ihre Sozialisation sich in die falsche Richtung entwickelt. Sie werden Kinder bekommen (…), sie werden ihre Lebenseinstellung an diese weitergeben und diese damit zu Hartz-IV-Empfängern der Zukunft heranziehen.“ (S.177) 

Dieser Aspekt wird in der Hartz-IV-Diskussion von einer fast ausschließlich in ökonomischen und sexuellen Kategorien denkenden Gesellschaft vergessen. Die vermeintliche Fürsorge, die die großzügigen staatlichen Transferleistungen angeblich darstellen, entpuppt sich als ein Verbrechen gegen die Hartz-IV-Empfänger, das mit der Maske der Menschlichkeit daherkommt. Indem diese Pseudo-Fürsorge den Anreiz zum Arbeiten zerstört, läßt sie Fähigkeiten und Charakter von Millionen Menschen verrotten und verkümmern und raubt ihnen Stolz und Ehre.

Mit minimalem Aufwand das Maximale erreichen

Daß es an Arbeit nicht mangelt, läßt auch Sarrazin durchblicken, was mir ja auch einleuchtet. Nun wendet sich jedoch die Gesellschaft gegen Transfer-Kürzungen mit dem Argument, es gebe zwar durchaus Jobs für die Transferempfänger, aber diese seien auch keine Lösung und nicht besser als ein Hartz-IV-Dasein, denn die Löhne dort seien gleichfalls „menschenunwürdig“. Sarrazin hält völlig richtig entgegen: „Es ist in erster Linie gar nicht so wichtig, was man arbeitet und was man dafür bekommt.“ Entscheidend für Selbstgefühl und Zufriedenheit sei vielmehr „das Bewußtsein, den eigenen Unterhalt und der Familie bestreiten zu können“, sowie eine disziplinierte Lebensführung in Folge von „regelmäßigen Pflichten und einem durch sie strukturierten Tagesablauf.“ (S.154)

Daher, so füge ich hinzu, wäre die Kürzung des Hartz-IV-Regelsatzes (derzeit 359 Euro) um mindestens 60 Prozent eben nicht „menschenverachtend“ oder „herzlos“. Im Gegenteil, ich kann mir nichts Sozialeres vorstellen. Und der Vorwurf, man unterstelle damit den Transferempfänger pauschal Faulheit, führt nicht zum Kern. Denn es liegt in der Natur aller Lebewesen, mit minimalem Aufwand das Maximale erreichen zu wollen.

Fast Jeder, der in eine Situation kommen würde, wo Arbeit sich nicht lohnt, würde sich ebenso verhalten. Leider deutet Sarrazin seine Position zum Regelsatz nur an, und konzentriert sich auf von ihm gewünschte Sanktionen gegen ein arbeitsverweigerndes Verhalten, das nur natürlich und überdies schwer nachzuweisen ist. Motivierend und aufbauend sind auch solche volkspädagogischen Maßnahmen nicht.

Mittelstand und Transferempfänger nicht gegeneinander ausspielen

Es geht in erster Linie eben nicht darum, daß hohe Hartz-IV-Kosten auch höhere Lasten für den ausgebeuteten Mittelstand bedeuten. Denn für den Mittelstand gilt genauso wie für alle Anderen: Deutschland hat mit Sicherheit keine materiellen Probleme, sondern ausschließlich gesellschaftliche und mentale. Ein Mittelständler kann auch mit etwas weniger Geld glücklich leben, wenn das Familiäre und Gesellschaftliche stimmt.

Denn selbst ein Hartz-IV-Empfänger hat heute eine höhere Lebenserwartung und Lebensqualität als früher Fürsten und Könige, es mangelt auch dort ausschließlich an immateriellen Dingen. Daher müssen eben nicht Mittelstand und Transferempfänger gegeneinander ausgespielt werden, wie Westerwelles & Co es zuweilen aussehen lassen.

Das Heer der Transferempfänger bedeutet nur nebensächlich eine Belastung für die Staatskasse und einen bescheidenen Lebensstandard für die Empfänger. Die viel größere Tragödie besteht darin, wie der Sozialstaat den Stolz, die Ehre und das Selbstbewußtsein von Millionen bricht und ihre Fähigkeiten und ihren Charakter verkümmern läßt, indem sie als nicht gebrauchte und sich nicht selbst versorgende Staatsabhängige gedemütigt werden. Sarrazin spricht hier treffend von einem „Demütigungskreislauf“ (S.169).

Diese menschlichen Verkümmerungen färben auch verheerend auf die Nicht-Hartz-IV-Empfänger ab. Es ist einfach das Natürlichste von der Welt, daß der Mensch sich mit seiner eigenen Hände Arbeit versorgen will. Deswegen wäre für Deutschland schon unendlich viel gewonnen, wenn die Transferempfänger nur die Hälfte an Einnahmen hätten, dafür diese aber vollständig selbst verdienten! 

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