Der Cherusker oder Schlöndorff?

Der Versuch, die Hollywood-Ästhetik nach Deutschland zu verpflanzen, wäre hoffnungslos. Volle Zustimmung für Harald Harzheim. Neben dem technischen Apparat fehlte dafür das naive Selbstvertrauen in die eigene Mission. Ein deutsches Heldenepos über Hermann den Cherusker würde weder zu dem Bild passen, das man von sich selber hat, noch zu dem, das man für andere abgibt. Gebrochen sind ja nicht nur die deutschen Identitäten. Das heutige England kommt einem vor wie eine böse Schwester der Miss Sophie aus „Dinner for one“. Sie versucht, die „Eiserne Lady“ zu geben, ohne zu bemerken oder verhindern zu können, daß die ungetreue Dienerschaft ihr längst die Bude leerräumt.

Frankreich ist mit Präsident Sarkozy trefflich bedient: Ein Gnom, der seine Omnipotenzphantasien auslebt, es wegen seiner objektiven Beschaffenheit aber bloß zum Rumpelstilzchen bringt. Und Deutschland wäre ein braver Angestellter, der ein Dauerabonnement für ein Sado-Maso-Studio besitzt, wo er täglich vor seiner Domina niederkniet und den Spruch herbetet: „O Du ehrwürdige Bestraferin meiner braunen Vergangenheit!“. Anschließend läßt er sich nach Strich und Faden vermöbeln und bringt so sein hart verdientes Geld durch.

Zum Gesinnungskitsch degeneriert

Es braucht gar keine Heldenepen, es reichte völlig, wenn der deutsche Film gerechter mit den kollektiven Erfahrungen des Landes umginge. Das 20. Jahrhundert birgt unerlöste Geschichte in Hülle und Fülle und damit den dramatischsten Filmstoff. Fürs erste würde es genügen, auf die Karikatur des transzendenten Nazi zu verzichten, der die fatale deutsche Schuldmetaphysik durch nahezu jeden Film schleppt und damit zum Gesinnungskitsch degeneriert.

Materielle Gründe stehen dagegen. Es gibt keine relevante deutsche Filmindustrie. Die Alliierten wußten schon, warum sie nach dem Krieg die Ufa zerschlugen. Beim Abspann deutscher Kinofilme, wenn die ellenlange Reihe öffentlicher Geldgeber und Sendeanstalten über die Leinwand flimmert, bekommt man eine schwache Ahnung vom Instanzenweg, den der Regisseur leidvoll durchlaufen mußte, und von den Änderungen, die das Drehbuch dabei genommen hat.

„Besser, sie ruhen zu lassen“

Vor zehn Jahren schrieb der in der deutschen Problematik sehr bewanderte polnische Publizist Adam Krzemi?ski in einem Aufsatz: „‘Weshalb gibt es eigentlich keinen deutschen Film über die Vereinigung, der die deutschen Mythen der Vergangenheit pietätvoll und zugleich distanziert dargestellt und unter die Lupe genommen hätte’, fragte ich kürzlich Volker Schlöndorff. ‘Andrzej Wajda’, fuhr ich fort, ‘hätte mit dem Sturm bei Gravelotte angefangen und unter den preußischen Offizieren auch Posensche Dragoner, polnisch fluchend, gegen die Franzosen stürmen lassen (das wäre dann ein Zitat aus einer bitteren Novelle von Henryk Sienkiewicz, in der auch preußische Polen an der Zerschlagung der französischen Hoffnung beteiligt sind); danach hätte er die Reichsgründung in Versailles – mit Bismarck in weißer Uniform in der Mitte – farbgetreu wie auf dem berühmten Gemälde nachgestellt und den Plot bis zum anderen Versailles von 1919 weitergesponnen, mit der Botschaft: Das war unsere Geschichte, das war unser Höhenflug und unserer Fluch. (…) Eigentlich müßte man auch die deutschen Mythen des Ostens gemeinsam aufgreifen … Hauptsache, es wird großes Kino daraus.’ Die Antwort des ‘Blechtrommel’-Regisseurs: ‘Das könnt ihr Polen mit eurer Geschichte und mit euren Mythen machen (…), sie anbeten und zugleich entlarven. Mit deutschen Mythen ist das anders. Es ist besser, sie ruhen zu lassen, denn sie sind gefährlich.’“

Bei solchen Sätzen fragt man sich dann doch: Wer ist hier der Zombie – der Cherusker oder Schlöndorff?

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