3D-Gnosis bei Cameron und Hitchcock

Daß James Cameron kein Geschichtenerzähler ist, hat er mit Werken wie „Piranha 2“ (1978), „Alien 2“ (1986), „Titanic“ (1996) und „Avatar“ (2010) ausreichend bewiesen. Dem Publikum war das egal, schließlich bot er perfektes Spektakel. Allerdings gelang ihm in „Avatar“ die perfekte Darstellung eines „Archetypen“, dasBild eines Ur-Sturzes.

Mit 3D-Technik machte Cameron ein Zentralmotiv des Christentums („Sündenfall“), der Gnosis und anderer Menschheitsmythen maximal erfahrbar: daß alles Leben immer schon gefallen ist, einen metaphysischen Ur-Fall hinter sich hat. Der sich jedoch stets wiederholt, in individuellen und kollektiven Alpträumen der Menschheit.

Wenn die Leere der Existenz sich derart verdeutlicht, daß einem davor schwindelt. In Momenten sinnloser Destruktivität beispielsweise: Wenn die Menschheit in „Avatar“ einen fremden Planeten zerstört, stürzt die Kamera – und mit ihr der Zuschauer – in gähnende Schluchten, vorbei an krachenden Ästen, dem umbarmherzigen Terror der Schwerkraft ausgeliefert.

Die Tür zum Paradies mit Gewalt auftreten

Der Zuschauer wiederholt ein menschliches Urtrauma in 3D. Mag die Story noch so kitschig sein, diese Augenblicke bleiben haften, und die mit ihnen verknüpfte gnostische Erkenntnis. Bereits der Genozidforscher Arthur Grenke hat die Völkermorde – bei allen unterschiedlichen Motivationen – auf den Gnosis-Dualismus von Hell und Dunkel zurückgeführt: Der Schrecken der Existenz wird relativiert und auf eine – mit dem „Dunklen“ assoziierte – Menschengruppe projiziert. Deren Auslöschung soll das hoffnungslos gefallene Leben verbessern, die Tür zum Paradies mit Gewalt auftreten.

Hier den Vorhang hochzuziehen, die fallhohe Leere hinter dem Zerstörungswerk unvergeßlich zu „belichten“, das ist womöglich die bleibende Leistung in Camerons Gesamtwerk. Und vielleicht die einzige der aktuellen 3D-Welle, die in den USA schon wieder abflaut.

So lief es  jedesmal: 1982 – 84 und 1953 – 56. Alle dreißig Jahre, wenn dem Kino das Aus droht, ködert man die Zuschauer mit 3D – und erhöht gleichzeitig die Eintrittspreise. Das Publikum läßt sich das ein, zwei Filme lang bieten und verschwindet wieder. So wie jetzt. Rückblickend haben die 3D-Wellen nur wenige Filme produziert, die nicht bloß Effekte haschten, sondern ihre Plastizität dramaturgisch nutzten.

Dazu gehört auch Hitchcocks „Dial M for Murder” (Bei Anruf Mord, 1954). Der lief vergangenen Samstag in Original-3D auf arte-TV. In zweidimensionaler Farbversion kennt ihn jeder, aber hier erlebt man ihn neu. Lange vor Cameron bot Hitchcock bereits mit „Vertigo“ (1958) einen spektakulären Blick in (menschliche) Untiefen: James Stewart, in emotionaler Zerreißprobe, schaut vom Hausdach in den Abgrund.

Jeder Einzelne, im Nichts der Welt, ist zum Tode verurteilt

Die subjektive Kamera simuliert seinen Sturz, indem sie zurückfährt und gleichzeitig in die Tiefe zoomt. Schwindel und drohender Fall werden für den Zuschauer unmittelbar erlebbar. Auch in „Dial M for Murder“ gibt es solch symbolischen Fall ins Nichts, der alle Mittel des 3D-Verfahrens ausschöpft: Margot (Grace Kelly) steht unschuldig wegen Mordes vor Gericht.

Die Kamera fixiert ihr verängstigtes Gesicht, auf der Tonspur dröhnen die Anschuldigungen des Staatsanwalts. Hinter ihr hat sich der Raum zum puren Farb- und Schattenspiel verflüchtigt. Sie steht verlassen in grenzenloser Leere.  Dann zeigt die Kamera aus ihrer (Frosch-) Perspektive den Richter, dunkel und dämonisch. Auch er sitzt in einem endlos leeren Raum.

Unbarmherzig donnert er das Todesurteil, und die drauffolgende Abblende wirkt wie Margots Sturz ins ewige Dunkel. Über die Kritik an juristischer Grausamkeit hinaus vermittelt Hitchcock eine furchtbare Wahrheit: Jeder Einzelne, im Nichts der Welt, ist zum Tode verurteilt. Trotz des Happy-Ends (Margot wird gerettet) stellt sich keine Ruhe mehr ein. Das Gezeigte ging schließlich weit über ihren Fall hinaus.

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