Versailles als Beispiel: Deutschlands Elitenversagen

In diesen Tagen, im Monat Juni vor neunzig Jahren wurde in Deutschland heiß gestritten, ob man ihn nun annehmen soll, den Versailler Vertrag. Der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann trat am 20. Juni von seinem Amt als Reichsministerpräsident zurück, wie die spätere Funktion des Reichskanzlers damals noch genannt wurde. Scheidemann wollte den Vertrag nicht unterzeichnen. Er sah den niemals wieder zu reparierenden Schaden, der den politischen Vorteil bei weitem überlagern würde. Sein Satz: „Welche Hand müsse nicht verdorren, die sich und uns diese Fessel legt?“, wurde zum geflügelten Wort.

Aus heutiger Perspektive ist kaum nachzuvollziehen, warum das Papier schließlich am 28. Juni 1919 doch unterschrieben wurde. Der Versailler Vertrag brachte keinen Frieden, sondern ermächtigte Deutschlands Gegner zum beliebigen militärischen Zugriff auf das Staatsgebiet, den sie bald darauf auch nutzten. Er teilte Deutschland durch die Abspaltung Österreichs, der Sudetengebiete, Memels und anderer Landstriche.

Er ermöglichte den von Prag und Warschau aus gesteuerten Generalangriff auf deutsches Leben in den abgetretenen Gebieten. Er bedeutete finanziell buchstäblich einen Blankoscheck in den Händen der Kriegsgegner. Schließlich denunzierte er Deutschland als verantwortlich für den Krieg überhaupt und verwies das Deutsche Reich in die moralische Besserungsanstalt. Mit anderen Worten: Das Ganze war der reine Hohn.

Kampfloser Vollzug des schlimmsten Falls

Es überwog wohl die Erschöpfung, so darf man zu Gunsten der deutschen Nationalversammlung annehmen, die mit Mehrheit für die Unterzeichnung stimmte. Vier Jahre Krieg, Millionen Tote, ewiger Hunger und die Erkenntnis, dieser ganze Opfergang sei umsonst gewesen, dürften das Bewußtsein der Abgeordneten mehr bestimmt haben als die scheinrationalen Argumente, es würde bei Nichtunterzeichnung ein Einmarsch der Alliierten nach ganz Deutschland drohen. Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dies wäre so gekommen, mußten die Bestimmungen des Versailler Vertrags ihn allenfalls als kampflosen Vollzug dieses schlimmsten Falls erkennbar werden lassen.

Hier wurde nicht „gerettet, was zu retten war”, wie manche Abgeordnete wissen ließen. Hier wurde mit dafür gesorgt, daß die nächsten Generationen nichts mehr zu retten hatten. Bei allem Verständnis für die Gründe der Geistesverfassung zu dieser Zeit bleibt daher eine Feststellung schwer vermeidbar: Deutschlands politische Eliten waren in den vergangenen hundert Jahren zu oft nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems.

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