Reise ins Unbewußte der Erde

Nein, die Tiefsee gehört nicht in unsere Welt. Noch weniger als ferne Planeten. So glauben wir – und kippen seit Jahrzehnten Giftmüll auf 2.000 Meter tiefe Meeresböden. Leider gehören das Meer und seine Tiefen aber doch zu uns, so daß der Abfall (noch) in homöopathischer – aber zunehmender – Dosierung zurückkommt.

Außerdem wissen wir kaum, was „da unten“, im Dunkeln, vor sich geht, was da lebt. Der junge Philosoph Otto Weininger ahnte schon vor über hundert Jahren, daß die finstere Tiefsee der Ort des Bösen sei: „Es kam mir (Frühling, 1902) der Gedanke, daß die Tiefsee in einer Beziehung zum Verbrechen stehen müsse. (…) Die Tiefsee hat keinen Teil am Licht, dem größten Symbole des höchsten Lebens; und so muß auch, was den Aufenthalt dort wählt, lichtscheu, verbrecherisch sein. Die Polypen und Kraken können, wenn sie Symbole sind, jedenfalls nur als Symbole von Bösem betrachtet werden“ (Otto Weininger, Metaphysik). Das läßt sich in der „Tiefsee“-Ausstellung des Berliner Museums für Naturkunde noch bis zum Januar 2010 überprüfen.

Mag man noch so wenig über diesen Kosmos wissen, eins zeigen die Exponate in jedem Fall: Die Tiefsee ist kein Ort des Bösen, steht aber in vieler Hinsicht seitenverkehrt zu unserer Lebenswelt. Tiere, die in ihrer Land-Version winzig klein sind, finden sich im alptraumhaften Dunkel der Tiefe als Riesenmutation: Gigantische Asseln oder die drei Meter große, japanische Riesenseespinne – ab 300 Meter Tiefe zu besuchen. Fische, die sich erst nach dem 30. Lebensjahr fortpflanzen. Und lebende Fossilien wie der Quastenflosser, ein Überbleibsel längst vergangener Erdzeitalter.

Lebewesen von zartester Poesie

Filmaufnahmen, gedreht aus einem Unterseefahrzeug, zeigen den Meeresgrund als Fels- und Sandlandschaft inmitten von Dunkelheit. Kleine Leuchtfische schweben wie Sterne durch den Raum, erschließen ihn mittels ihres biologischen Pumplichts. Die Assoziation zur Mond- oder Planetenoberfläche scheint unausweichlich. Man glaubt, das Weltall zu bereisen. Nur – hier finden sich tatsächlich geheimnisvolle Lebewesen: Fische mit riesigen Augen, die an populäre Darstellungen von Aliens erinnern. Besonders bei den 15 Meter langen Riesenkalmaren, deren Sehorgane eine Größe von 30 Zentimeter erreichen.

Es ist, als ob die Horror- und Science-fiction-Phantasie des Menschen hier ihre Wurzeln hätte, im dunklen Unbewußten des Planeten. Tarantula, die Riesenspinne, großäugige Aliens, Sandwürmer, lebende Sterne inmitten der Einsamkeit: Alles, was Autoren auf fremde Planeten projizierten – hier lebt es. Der Meeresgrund wurde ins Weltall verlegt, wo höchstwahrscheinlich nur tote Materie zu finden ist. Vielleicht, um ihn loszuwerden? Dabei erlebt man in der Tiefe  auch Lebewesen von zartester Poesie, die sich schon in den Namen dieser Tiere – Seefeder oder Seelilie – artikuliert.

Oder das Leben demonstriert seinen unbedingten Willen zur Selbstrealisierung – notfalls sogar ohne Sonnenlicht: In den „Black Smokern“, heißen Meeresquellen, umgeben von einer lichtunabhängigen Biosphäre. Unmögliches wird wahr. Was als Phantasie verlacht wurde, erweist sich als real. Arthur Rimbauds vom Absinthrausch inspiriertes „Sie gehört uns wieder. / Wer? – Die Ewigkeit“ könnte beim Anblick dieser Welt entstanden sein.

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