Feiertage für alle

Der Integrationsminister von Nordrhein-Westfalen erklärt die Debatte über einen muslimischen Feiertag für „Klamauk“, wie man hört. In der Tat kommen in diesem Zusammenhang allerhand nicht ganz ernstgemeinte Gedanken in den Sinn. Schon jetzt dringt ja immer wieder die Debatte aus dem Untergrund, warum Nicht-Kirchensteuerzahler eigentlich in den Genuß christlicher Feiertage kommen müssen. Leicht könnten sich die Kirchen neuen Zuspruchs erfreuen, würde dies geändert. Auch könnte eine Entscheidung von Muslimen, ob sie wirklich alle christlichen Feiertage für einen einzigen muslimischen aufgeben möchten, vielleicht interessante Ergebnisse integrativer Natur zu Tage fördern.

Überhaupt: Wenn ein Feiertag zum Ausdruck bringen soll, daß der Islam in Deutschland angekommen ist, dann fällt doch ein, wer und was sonst noch in Deutschland angekommen, ja sogar schon länger hier ist. Die Reformation zum Beispiel, als deren Ausdruck die evangelische Kirche lange Zeit unter anderem den Buß- und Bettag als gesetzlichen Feiertag durchsetzte, bis er in den 90er Jahren einer schnöden Reform der allzeit leeren Sozialkassen zum Opfer fiel.

Ergeignis im Jahr 9 feiertaglich würdigen?

Und auch die Aufklärung hat in Deutschland ihren integrierten Platz. Warum sollte nicht die Veröffentlichung von Kants „Kritik der reinen Vernunft“ zum Anlaß eines Feiertags für die Aufgeklärten werden, die der Religion innerhalb der Grenzen dieser Vernunft anhängen? Man wird selbst den Innenminister sicher irgendwie davon überzeugen können, daß der Kant kein Russe war, obwohl er in Königsberg geboren wurde.

Schließlich könnte der integrativen Wirkung von kriegerischen Ereignissen einmal wieder mit Feiertagen gedacht werden. Deren Geschichtsmächtigkeit steht spätestens erneut außer Frage, seit die Bundesrepublik am Hindukusch verteidigt wird. Deshalb ließe sich etwa jenes Ergeignis im Jahr 9 feiertaglich würdigen, bei dem damals noch Odin persönlich wägend den Speer über die eroberungslustigen römischen Horden des Varus warf und befand, daß sie den Schlachtentod zu sterben hatten. Ohne diese Entscheidung ist die spätere deutsche Geschichte kaum vorstellbar.

Bundesrepubliksgründungstag

In kriegerischem Zusammenhang finden sich zudem direkte Anknüpfungspunkte an die Verfassungsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Deren Grundgesetz geht immerhin von der Weiterexistenz des Deutschen Reiches und der Teilidentität der Bundesrepublik mit diesem Reich aus. Dieses Reich aber entstand nicht zuletzt aus jener Neigung ganz verschiedener französischer Regierungen, den östlichen Nachbarn aus unterschiedlichen Anlässen mit Krieg zu überziehen. Erst wiederholte Gegenbesuche deutscher Truppen in Paris änderten dies, nachdem sie auf dem Umweg über Leipzig, Sedan und Dünkirchen zustande gekommen waren. Der zwischenzeitlich bei einer dieser Gelegenheiten vollzogene Gründungsakt von Versailles wurde früher mit dem Reichsgründungstag feierlich gewürdigt, der daher – um kaum mehr als zwei Ecken gedacht – auch ein Bundesrepubliksgründungstag ist.

Gründe für Feiertage gibt es etliche. Wir werden sehen, wohin der Klamauk am Ende tatsächlich führt.

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