Auch Völker können vergehen

Michael Paulwitz im Leitartikel der JUNGEN FREIHEIT vom 27. November und Martin Böcker im Sezessions-Blog haben sich je auf ihre Weise mit dem Thema Zuwanderung und Integration beschäftigt und unter anderem eingefordert, die damit verbundenen Herausforderungen als Realität anzuerkennen bzw. mit „gelassenem nationalen Selbstbewußtsein“ (Böcker) zu begegnen. Paulwitz fordert aber ein striktes „Einbürgerungsregime“, den „Abbau sozialstaatlicher Reize für massenhafte Unterschichtseinwanderung“ bzw. „Rückkehranreize für Nicht-Integrierbare“. Bisher habe Einwanderung „mit falschen ideologischen Prämissen“ dazu geführt, daß zu wenig „Integrierte und Assimilierte“ ins Land gekommen seien.

In diesem Zusammenhang ist zunächst festzuhalten, daß es mit dem Aufenthaltsgesetz, das seit dem 1. Januar 2005 in Kraft ist und den Aufenthalt von Ausländern in Deutschland regelt, eine Reihe von Verschärfungen der Ausweisungstatbestände gegeben hat, und zwar auch und gerade in der Familienzusammenführung (Verschärfungen beim Ehegattennachzug auf ein erhöhtes Mindestalter), über die noch 2005 rund 80.000 Ausländer dauerhaft nach Deutschland kamen. Cum grano salis kann gesagt werden, daß Deutschland seit 2005 in der Migrationsfrage immerhin restriktiver verfährt; die von rechts vielkritisierte Erweiterung des Aufenthaltsgesetzes um die Anerkennung geschlechtsspezifischer und nichtstaatlicher Verfolgung fällt hierbei nicht sonderlich ins Gewicht.

Jahrzehntelanges Laisser faire

Dieses Aufenthaltsgesetz, das in der Ausländerpolitik sicherlich einen Fortschritt bedeutet, kommt nach Jahrzehnten eines Laisser faire in der Zuwanderungsfrage aus deutscher Sicht deutlich zu spät, befinden sich doch bereits Millionen Zuwanderer aus nicht „kulturkompatiblen“ Regionen dieser Welt im Land, von denen viele, allzu viele tagtäglich demonstrieren, daß sie an Integration nicht interessiert sind. Deren Zahl aber wächst und wächst, und zwar weniger durch Neuzuwanderer als vielmehr über die Kreißsäle. Ihr Anteil wächst vor allem unter den Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen und damit bei denen, die einmal die Zukunft Deutschlands darstellen sollen.

Damit wird es über kurz oder lang zwangsläufig zu einer qualitativen demographischen Veränderung der Substanz unseres Volkes kommen, was unmittelbare Konsequenzen für dessen „Stärke“ haben wird, wie es Böcker ausdrückte. Diese „neuen Deutschen“, nicht selten „bildungsfern“ und der deutschen Sprache kaum mächtig, sind keine Träger deutscher Kultur und können es auch nicht sein, weil sie nichts bis wenig über die Besonderheiten der deutschen Geschichte und Kultur wissen und damit auch das nicht weitertragen werden, was für den Bestand einer deutschen Nation als „Schicksalsgemeinschaft“ unabdingbar ist (wozu es im übrigen nicht nur einer Integration, sondern einer Assimilierung bedürfte). Augenfällig wird all dies unter anderem in der Ghettoisierung dieser Gruppen, die verniedlichend als „Parallelgesellschaften“ bezeichnet werden.

Einer derartigen Entwicklung kann schon deshalb nicht mit „gelassenem nationalen Selbstbewußtsein“ begegnet werden, wie Böcker meint, weil dieses (wenn überhaupt vorhandene) „Selbstbewußtsein“, einmal ganz abgesehen von den spezifischen deutschen Bewußtseinslagen, mehr und mehr erodieren wird. Wie stark die Diskrepanz dieser Migrantenkinder zu den „eingeborenen“ Deutschen ist, brachte der Ökonom und Soziologe Gunnar Heinsohn auf den Punkt, als er feststellte: „Es gibt keine Nation, in der Migrantenkinder tiefer unter dem landeseigenen Leistungsniveau liegen als in Deutschland.“ („Der Kampf um die Köpfe“, Tagesspiegel, 23. März 2008; vgl. auch dessen keinerlei Illusionen mehr aufkommen lassenden Beitrag „Finis Germaniae?“ in Kursbuch 162) Mit „Rückkehranreizen“ oder ähnlichen „Kunstgriffen“ wird dieses Problem nicht mehr zu lösen sein. Vor dem Hintergrund des von Paulwitz angesprochenen weltweiten „Kampfes um die Köpfe“ ist das eine katastrophale Bilanz.

Steiler deutscher Absturz

Dieser Kampf wird schon in den nächsten Jahren mit heute kaum vorstellbarer Vehemenz zunehmen, wobei insbesondere die angloamerikanischen Staaten, allen voran die USA, bis zum Jahr 2050 mehr und mehr Begabungen auch aus den mitteleuropäischen Ländern abwerben werden; Begabte, die samt deren Kindern und Enkeln fest in den heimischen Bestand eingerechnet sind. Wenn es vor dem Hintergrund der vergreisenden „eingeborenen“ deutschen Bevölkerung nicht gelingt, so rechnet Heinsohn vor, pro Jahr 150.000 „ausländische Talente – statt momentan 500 – einzubürgern und obendrein 140.000 der eigenen Besten vom Weggehen abzuhalten“, muß mit einem „steilen deutschen Absturz“ gerechnet werden.

Diese Zahlen verdeutlichen zweierlei: Die Zuwanderungsfrage ist nach Jahrzehnten der Fehlsteuerung, verursacht durch eine ideologisch kontaminierte Humanitätsduselei, für die Deutschen aufgrund des eigenen, existenzbedrohenden Geburtendefizits, zur absoluten Schicksalsfrage herangewachsen. Daß deutsche Politiker, deren Denken vor allem um die nächsten Wahlen kreist, in der Lage sein könnten, sich der Dramatik der Situation zu stellen und das Ruder herumzureißen, muß als illusorisch gelten. Die „nationale Verwesung“, von der Böcker zu Anfang seines Blogs so anschaulich redete, sie ist, um im Bild zu bleiben, sehr wohl bereits riechbar; eben weil Deutschland sich genau in dem Zustand befindet, den Böcker wegzureden versucht: „harmlos, wehrlos, alt“.

Wenn nicht bald etwas Grundstürzendes passiert, dann tritt eine einstmals große Kulturnation von der Bühne ab; und zwar nicht „mit einem großen Knall, sondern mit einem Wimmern“ (Botho Strauß). Darüber zu jammern und zu klagen, wie es Böcker „den Rechten“ oder „Konservativen“ ankreidet, erscheint angesichts der gewaltigen und nach Lage der Dinge identitätsvernichtenden demographischen Umbrüche, vor denen wir stehen, als Ausdruck von Hilflosigkeit und Verbitterung durchaus nachvollziehbar und hat nichts, aber auch gar nichts mit „Selbstmitleid“ zu tun.

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