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Streiflicht
 

Geburt einer Nation

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Völkerschlacht bei Leipzig: Gemälde von Wladimir Moschkow, 1815 Foto: Wikimedia

Über 6.000 Akteure werden am kommenden Sonntag in Leipzig-Markkleeberg in historischen Uniformen aufmarschieren. Es wird der Höhepunkt der örtlichen Erinnerungsfeierlichkeiten zum 200. Jahrestag der Völkerschlacht sein, die am 19. Oktober 1813 nach dreitägigem blutigem Ringen endete. Es war die bis dahin größte Schlacht der Weltgeschichte, an der insgesamt etwa eine halbe Million Soldaten beteiligt waren. Über 90.000 wurden getötet oder verwundet.

Es hat mit unserem durch das 20. Jahrhundert verschobenen Blickwinkel zu tun, daß dieses Datum in der kollektiven Erinnerung verblaßt ist. Erster und Zweiter Weltkrieg mit Materialschlachten und modernen Massenvernichtungswaffen haben sich davorgeschoben. Und wir drohen zu vergessen, wo unsere Ursprünge sind. Für unsere Geschichte und die Entstehung der deutschen Nationalstaatsidee ist die Schlacht bei Leipzig nämlich ein entscheidender Wendepunkt.

Abkehr von einer nicht mehr tragfähigen mittelalterlichen Ordnung

Das in viele kleine Einheiten zersplitterte Heilige Römische Reich Deutscher Nation zählte über 300 Staaten, bevor Napoleons Truppen es besetzten. Unter der Herrschaft des französischen Diktators reduzierte sich die Zahl zwangsweise auf 60. Napoleon provozierte die Deutschen zu radikalen Reformen und zur Abkehr von einer nicht mehr tragfähigen mittelalterlichen Ordnung.

Die französische wurde mit einer deutschen Revolution beantwortet. Auf dem Schlachtfeld bei Leipzig wurde das Fundament für die Einigung deutscher Länder in einem modernen Nationalstaat gelegt, dessen Idee erst ein halbes Jahrhundert später, 1871, in der kleindeutschen Lösung unter Bismarck umgesetzt wurde.

Die Idee der deutschen Einheit war nicht von vornherein mehrheitsfähig. Zu sehr profitierten die Teile von der Zersplitterung des Ganzen. Diese Neigung sollte immer wieder aufleben – zuletzt nach der Gründung der deutschen Teilstaaten DDR und Bundesrepublik im Jahr 1949, als manche aus der politischen Klasse bereit waren, sich mit der endgültigen Teilung abzufinden. Erst die friedliche Revolution, die 1989 – vielleicht nicht zufällig – mit Demonstrationen in Leipzig begann, setzte die nationale Einheit wieder auf die Tagesordnung.

Nicht mal eine Gedenkbriefmarke

Erfreulich, wie viele Initiativen es auf regionaler Ebene gibt, die an das große historische Datum der Völkerschlacht erinnern. So berichtet der Mitteldeutsche Rundfunk in einer Art „Liveticker“ über die Ereignisse vor 200 Jahren, als lebten wir im Jahr 1813.

Betrüblich und Ausdruck unserer politisch-historischen Amnesie ist es aber, daß die Repräsentanten des Landes – Bundespräsident, Bundeskanzlerin, Bundestag – keinen Weg gefunden haben, dieses Ereignis zu würdigen. Nicht einmal eine Briefmarke! Ein nationaler Staatsakt im Beisein von Repräsentanten der ehemaligen Kriegsgegner und Verbündeten wäre das mindeste gewesen.

JF 43/13

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