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Rußlands 9. Mai: Die Sowjetnostalgie will nicht sterben

Rußlands 9. Mai: Die Sowjetnostalgie will nicht sterben

Rußlands 9. Mai: Die Sowjetnostalgie will nicht sterben

Militärparade zum 9. Mai in Moskau: Die Sowjetnostalgie lebt Foto: picture alliance/dpa/TASS | Sergei Bobylev
Militärparade zum 9. Mai in Moskau: Die Sowjetnostalgie lebt Foto: picture alliance/dpa/TASS | Sergei Bobylev
Militärparade zum 9. Mai in Moskau: Die Sowjetnostalgie lebt Foto: picture alliance/dpa/TASS | Sergei Bobylev
Rußlands 9. Mai
 

Die Sowjetnostalgie will nicht sterben

Wladimir Illjitsch Lenin wurde ausgegrenzt. Das Mausoleum, in dem der sowjetische Revolutionsführer seit fast einhundert Jahren auf dem Roten Platz in Moskau aufgebahrt ist, verschwand für die Siegesparade zum 9. Mai in dieser Woche hinter einer großen Verkleidung. Ansonsten blieb alles mehr oder weniger so wie in alten Sowjetzeiten. Es rollten zahlreiche Panzer, Soldaten marschierten im Stechschritt, die alte Hymne wurde gespielt und westliche Beobachter durften „Kreml-Astrologie“ zum Thema betreiben, warum manche Waffen gezeigt wurden und andere nicht. Die Welt sah ein Land, das sich von der Sowjetnostalgie nicht lösen kann.

Auch die Debatte um einen ganz alten Begriff tauchte auf. Es sei nämlich ein Präventivschlag, den Rußland gerade in der Ukraine ausführe. Dies ließ der russische Präsident während dieser Siegesfeier zum Ende des Zweiten Weltkriegs explizit verlauten. Als Argumentationsmuster der aktuellen russischen Führung ist das nicht ganz neu, wurde aber am Montag dieser Woche noch einmal zugespitzt vorgetragen. Immer mehr militärische Infrastruktur hätte die NATO an die russischen Grenzen gebracht und eine Aggression vorbereitet.

Das sei eine akute Bedrohung der Sicherheit Rußlands gewesen. Diese Sicherheit, so Wladimir Putin, werde seit Februar in bester Tradition der russischen Vaterländischen Kriege heute in alten russischen Gebieten, also ausdrücklich im Donbass und auf der Krim verteidigt. Heute wie damals gehe es außerdem gegen „Nazis“.

Putin bemüht Parallelen zum Zweiten Weltkrieg

In seiner Rede ging Putin nicht so weit, von einem geplanten westlich-ukrainischen Angriff auf das völkerrechtlich anerkannte Staatsgebiet der Russischen Föderation zu sprechen. Es gibt ja auch in dem gesamten Nato-Osterweiterungsgebiet keinerlei militärische Infrastruktur, die dafür vorbereitet wäre. Wer das Angriffspotential von fünf Millionen Rotarmisten bestreitet, die 1941 an der deutsch-russischen Demarkationslinie aufmarschiert waren, wird die wenigen tausend Nato-Soldaten im Baltikum auch schwerlich zur Bedrohung aufblasen können.

Der russische Präsident vereinnahmte stattdessen rhetorisch die Krim und die Ostukraine als unzweifelhaft russisch und deshalb jedes Geschehen dort als potentiell derart bedrohlich für Rußland selbst, daß darauf „präventiv“ reagiert werden mußte. Der Kampf um Sewastopol sei heute wie 1942 ein Kampf gegen den Faschismus. Unwesentlich in diesem Zusammenhang, daß diese Gebiete Teil dessen sind, was Rußland eigentlich selbst vertraglich als Ukraine anerkannt hat.

Nun mag es allerdings schon sein, daß die Regierung in Kiew überlegt hat, im Fall der Ostukraine mittels Waffengewalt die Kontrolle über ihr eigenes Staatsgebiet durchzusetzen. Ein Präventivschlag erfordert in jedem Fall die begründete Sorge über den bevorstehenden Angriff eines Kriegsgegners auf das eigene Staatsgebiet. Operationen zur Sicherung und Ausweitung von Eroberungen in fremden Ländern, die man noch dazu für zweifelsfrei unterlegen gehalten hat, fallen nicht unter diesen Begriff.

Begrabt Lenin!

In der Weltpresse und der diplomatischen Weltöffentlichkeit reagierte man trotzdem verhalten positiv auf Putins Ansprache zum 9. Mai. Lärmende Ankündigungen blieben aus, das wurde erleichtert aufgenommen. Einen Gegensatz dazu bildete der ukrainische Präsident, der am gleichen Tag künftige Siegsparaden nach dem Sieg über Rußland ankündigte und die deutsche Regierung mit den großen Zahlen der Todesopfer seines Landes im Zweiten Weltkrieg traktierte. Die seien noch nicht angemessen gewürdigt.

Daß jeder den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben will und das dauernd betonen muß, ist nicht neu. Selbst der deutsche Staatsfunk hat es sich angewöhnt, von Feiern und Gedenken an den Sieg über „Hitler-Deutschland“ oder „Nazi-Deutschland“ in einem Tonfall zu berichten, als sei der eigene Staat nicht betroffen gewesen. Wahrscheinlich wird das auch noch lange Zeit so bleiben. Vielleicht wäre es mit Blick auf die russische Geschichtspflege jedoch ein guter Gedanke, Lenin zu seinem einhundertsten Todestag im Jahr 2024 ein ordentliches Begräbnis zu gewähren. Wiederholt kamen aus dem russischen Parlament entsprechende Vorschläge. Um den Geist der Weltkriegsära und der Sowjetdiktatur zu verabschieden, reichen Holzverkleidungen an Feiertagen offensichtlich nicht aus.

Militärparade zum 9. Mai in Moskau: Die Sowjetnostalgie lebt Foto: picture alliance/dpa/TASS | Sergei Bobylev
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