Wirecard: Der einst blaue Himmel ist nun schwarz Foto: picture alliance / Sven Simon
Wirecard-Skandal

Ehrlich währt am längsten

Der tiefe Sturz des Zahlungsdienstleisters Wirecard hat nicht nur die deutsche Finanzwirtschaft erschüttert. Für düstere Abgesänge eignet sich das Beispiel dennoch nur bedingt. Denn der Fall Wirecard belegt: Lügen haben kurze Beine. Systematische Täuschung und betrügerische Schneeballsysteme fliegen früher oder später auf und fallen denen, die sie angezettelt haben, auf die Füße.

Daß jetzt auch Deutschland von einem Finanzwirtschaftsskandal im Milliardenformat heimgesucht wird, kratzt gleichwohl nicht nur am internationalen Ansehen des Standorts, dessen Glanz im Strudel von Euro- und Migrationskrise ohnehin matter geworden ist. Betrug in solchen Dimensionen schlägt ebenfalls im Selbstverständnis der deutschen Wirtschaft empfindliche Saiten an.

Auch wenn der Lack vielerorts abzublättern scheint: Im Kern ruhen Wirtschaft und Unternehmertum in Deutschland immer noch auf einem robusten Mittelstand mit einem starken Schwerpunkt auf der produktiven Wertschöpfung. Die großen Konzerne und Kapitalgesellschaften, deren Lenker sich gewohnheitsmäßig um enge Tuchfühlung mit der Politik und ihren Entscheidungsträgern bemühen – und dafür auch stets bestrebt sind, aktive und ehemalige Politiker als Lobbyisten und Fürsprecher einzukaufen –, mögen besonders im Fokus politischer Steuerungsversuche stehen.

Bürokratische Verkrustung und Regulierungswut

Aber es ist der Mittelstand, das vielfältige und hochdifferenzierte Gefüge von Familienbetrieben, kleinen und mittleren Unternehmen, das für gut sechzig Prozent aller Arbeitsplätze in Deutschland steht und der deutschen Wirtschaft ein Rückgrat gebildet hat, das ihr bislang ermöglichte, globale, europäische und nationale Krisen mit hoher Flexibilität und Anpassungsfähigkeit zu meistern.

Das hat viel mit den oft beschworenen und noch öfter belächelten deutschen Tugenden zu tun, die den hiesigen Standort trotz gravierender politischer Fehlsteuerungen – hohe Steuern, bürokratische Verkrustung und Regulierungswut, unübersehbar vernachlässigte Infrastruktur – im internationalen Wettbewerb noch immer zu einer guten Adresse machen.

Zuverlässigkeit, Sparsamkeit, Pflichtgefühl, Disziplin und Verantwortungsbewußtsein, kurz: die Fähigkeit, eine Aufgabe zur eigenen Sache zu machen – das sind Eigenschaften, die sich gerade in Krisensituationen bewähren und manches institutionelle Defizit auszugleichen vermögen.

Gut ausgebildete, motivierte, mitdenkende Arbeitnehmer sind immer noch ein starkes Pfund, auch wenn die Nachwuchssorgen wachsen, weil das durch Ideologiepolitik mutwillig geschwächte Bildungssystem immer schlechter in der Lage ist, langfristig kreativ-produktive Kräfte hervorzubringen. Noch schafft es der Mittelstand, der die Hauptlast der Ausbildung im trotz allem vorbildhaften dualen Berufsbildungssystem trägt, viele dieser Defizite auszugleichen. Der vielzitierte „Fachkräftemangel“ ist im wesentlichen politisch hausgemacht und selbst verschuldet.

Manager mit Nähe zu Macht und Staat

Hochbezahlte Konzernmanager wie Siemens-Chef Joe Kaeser, die ihr Fähnchen hart am gesellschaftlichen Zeitgeist halten, eifrig die Nähe zu Macht und Staat suchen und in ihrem Auftreten längst eher Politikern als Wirtschaftskapitänen gleichen, mögen die höhere Medienpräsenz haben. Die tragende Säule der deutschen Wirtschaft sind indes nach wie vor jene mittelständischen Familienunternehmer, denen es weniger um öffentlichen Applaus zu tun ist als um die Bewahrung und Weiterentwicklung des Werkes, das sie selbst aufgebaut oder von ihren Ahnen übernommen haben.

Wer dem Ideal des ehrbaren Kaufmanns verpflichtet ist, ist weniger anfällig für die Verlockungen der kurzlebigen Spekulation oder des lockeren Staatsgeldes. Es gibt sie noch, die Unternehmer, die in Generationen denken statt in Quartalsbilanzen und Subventionsabschöpfung, die sich ihrem Unternehmen und ihren Belegschaften in Verantwortung verbunden sehen und deshalb gerade in Krisenzeiten nach Wegen suchen, um sich den veränderten Bedingungen anzupassen und neue Geschäftsfelder zu erschließen.

Wer so denkt, ist bestrebt, seine Leute zu halten und dürre Zeiten mit Rücklagen zu überbrücken – selbst unter Einsatz des eigenen Vermögens, statt lauthals nach Staatshilfen zu rufen und Mitarbeiter lediglich als Kostenfaktoren zu betrachten, derer man sich leichten Herzens zur Glättung der Bilanzen entledigen kann. Im Umgang mit den im Zuge der Corona-Krise verfügten staatlichen Zwangsmaßnahmen hat gerade der deutsche Mittelstand gezeigt, was in ihm steckt.

Staatliche De-facto-Planwirtschaft

Gefahr droht dem Fundament der deutschen Wirtschaft weniger von den Verfehlungen einzelner als vielmehr von der politischen Auszehrung der Stärken, die sie bislang auszeichneten. Dazu gehören der Verfall ordnungspolitischer Institutionen und die Gleichgültigkeit, mit der über ihr Versagen hinweggegangen wird.

Das wiederum ist die bedenkliche Begleiterscheinung einer Wirtschaftspolitik, die Ausnahmesituationen wie die Euro-Dauerkrise oder aktuell die Corona-Pandemie dazu mißbraucht, ihren Einfluß auf Ökonomie und Gesellschaft auszudehnen. Über Umwege wird so eine ideologisch gesteuerte, staatliche De-facto-Planwirtschaft mit Abermilliarden von Schuldengeld angestrebt, statt sich auf die Kernaufgabe des Staates zu beschränken und den rechtlichen Rahmen marktwirtschaftlicher Tätigkeit zu gewährleisten.

Die fortgesetzte Auszehrung und Wohlstandsberaubung der Mittelschicht durch Hochsteuerpolitik, Null- und Negativzins wiederum zerstört die Heimstatt jener Tugenden, auf denen Deutschlands ökonomischer Erfolg basiert. Die Fähigkeit, sich auch mit widrigen Situationen klaglos abzufinden, zählt sicher auch dazu. Angesichts der Ausmaße, die dieses Versagen inzwischen angenommen hat, wäre es zweifellos zu wünschen, wenn die Deutschen sich einmal weniger langmütig zeigten.

JF 28/20

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