MDR-Moderatorin Wiebke Binder neben dem sächsischen AfD-Chef Jörg Urban Foto: picture alliance/Michael Kappeler/dpa
Der MDR und Wiebke Binder

Aus dem Gleichschritt geraten

MDR-Moderatorin Wiebke Binder hat es am Sonntag gewagt, das Unaussprechliche auszusprechen. „Eine stabile Zweierkoalition, eine bürgerliche, wäre theoretisch ja mit der AfD möglich“, sagte sie in der ARD-Wahlberichterstattung.

Ihr Interviewpartner, Marco Wanderwitz von der sächsischen CDU, ließ sich von diesen, für eine öffentlich-rechtliche TV-Frau überraschend pragmatischen Worten, nicht aus der bräsigen Ruhe der Ignoranz bringen. Der Unions-Mann reagierte, wie man als CDU-Politiker derzeit auf eine solche Frage zu reagieren hat. „Eine Koalition mit der AfD wäre keine bürgerliche Koalition“, antwortete Wanderwitz so routiniert, als hätte die Bundeskanzlerin persönlich vor der Sendung noch einmal im öffentlichen Pressetraining Standardsituationen mit ihm geübt.

Kämpfer für journalistische Selbstzensur

Aber Binders Frage war eben keine Standardfrage wie der Zuschauer sie von den gleichförmigen Protagonisten des staatlich geförderten Konsens-Fernsehens gewohnt ist. Dies zeigte sich vor allem an den Reaktionen derer, die diese eine einfältige, einmütige Linientreue erwarten. Einer der ersten, der seiner Empörung über die aus dem Gleichschritt geratene Journalistin freien Lauf ließ, war ausgerechnet ein Pressekollege. Der professionelle Medienblogwart und Gründer der extra zu diesem Zweck ins Leben gerufenen Plattformen „Bildblog“ und „Übermedien“, Stefan Niggemeier, meldete sich prompt via Twitter zu Wort. „Die ARD nennt eine CDU/AfD-Koalition eine ‘bürgerliche Koalition’“, fragte er ungläubig und war, ob dieses unerwarteten sprachlichen Ausscherens ausgerechnet einer Angestellten des Regierungsfernsehens, sichtlich irritiert.

Daß Binder es wagte, mit Blick auf die Wahlergebnisse von CDU und AfD von einer theoretisch möglichen, stabilen bürgerlichen Zweierkoalition zu sprechen, empfand der ehemalige Medienredakteur der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung als „Wahnsinn“. Weniger überrascht dürfte Niggemeier von der Reaktion vieler seiner Medien-Kollegen gewesen sein, die sofort und ohne lange nachzudenken, auf den von ihm gesteuerten Zug ins Nirvana der Pressefreiheit aufsprangen.

Als überzeugter Kämpfer für die journalistische Selbstzensur gehört Niggemeier zu den lautesten Stimmen einer sehr breiten Strömung in der hiesigen Medienlandschaft, für die der Presserat so etwas wie das jüngste Gericht für auf Abwege gekommene Kollegen ist, und die den sich selbst auferlegten Pressekodex als etwas so heiliges wahrnimmt, daß sie seine Regeln sogar ausländischen Reportern aufzwingen will, die für ihre Heimatländer aus Deutschland berichten.

Entschuldigung für „Versprecher“

Der Reaktionsleiter des Politmagazins Monitor, George Restle, stellte klar: „Liebe KollegInnen, auch wenn Herr Gauland und andere uns das einzureden versuchen: Die AfD ist keine konservative Partei und es geht auch nicht um ‘bürgerliche Mehrheiten’. Kalbitz, Höcke & Co. beherrschen eine Partei, auf die nur noch eine Bezeichnung paßt: rechtsextrem.“ Es gab in der Geschichte der gendergerechten Sprache wohl nur selten ein bösartiger platziertes Binnen-I als das in dem Tweet von Binders linkem ARD-Kollegen.

Überhaupt fiel auf, daß es inzwischen offenbar vor allem Leute aus dem politisch linken Lager sind, die bestimmen wollen, was heute bürgerlich und konservativ ist. Für die Äußerung der MDR-Moderatorin hagelte es nicht nur Kollegenschelte. Auch die Politik kritisierte die Journalistin scharf. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil meldete sich in der Bild-Zeitung zu Wort, um der Journalistin in streng autoritärem Ton mitzuteilen: „Daß man auf einmal eine Koalition mit der AfD verharmlost, sie als bürgerliche Mehrheit bezeichnet hat, – das geht auf gar keinen Fall.“

Inzwischen hat sich der MDR für den „Versprecher“ seiner Moderatorin entschuldigt. Chef-Redakteur Torsten Peuker bat für seine Angestellte stellvertretend um Vergebung und sagte: „Eine Wahlsendung ist eine Live-Sendung, da ist ein Versprecher, eine Verwechslung, eine Unschärfe in einer Formulierung auch mal möglich. Hier handelte es sich klar um einen Versprecher, für den wir uns entschuldigen.“

Auf niedrigster intellektueller Flamme

Ob es sich zumindest um einen Freudschen Versprecher gehandelt hat, der Binder in der Live-Sendung unterlaufen ist, werden wir wohl nie erfahren. Auch für alle anderen Angehörigen ihrer Zunft dürfte die Brandmarkung ihrer Kollegin mit der allzu lockeren unideologischen Zunge, deren schier unverzeihlicher Satz bereits als Eintrag in ihrer Wikipedia-Akte vermerkt ist, eine Warnung gewesen sein.

Die Angst innerhalb der eigenen, ihren linksgrünen Einheitsbrei stets auf niedrigster intellektueller Flamme köchelnden Kaste, sollte dort wohl endgültig alle noch vorhandenen eigenen, im schlimmsten Fall vielleicht sogar nichtlinken, Gedanken verdrängt und ausgelöscht haben.

MDR-Moderatorin Wiebke Binder neben dem sächsischen AfD-Chef Jörg Urban Foto: picture alliance/Michael Kappeler/dpa

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