Erdogan Anhänger
Anhänger des türkischen Präsidenten Erdogan bestimmten während dessen Staatsbesuch das Kölner Stadtbild Foto: picture alliance/Christophe Gateau/dpa
Erdogans Staatsbesuch und seine Gastgeber

Deutschland in der Duldungsstarre

Zum Sich-auf-der Nase-Herumtanzen-Lassen gehören immer zwei: derjenige, der einem auf der Nase herumtanzt und eben jener, der sich auf der Nase herumtanzen läßt. Der türkische Despot Recep Tayyip Erdogan ist Deutschland tagelang auf der Nase herumgetanzt und die deutsche Politik hat ihn weitgehend gewähren lassen.

Der Besuch Erdogans war, um im Bild zu bleiben, so etwas wie ein staatspolitischer Tango. Eine Inszenierung aus Beherrschung und Unterwerfung, bei der nur einer wirklich den Ton angab. Der Unterwerfer hatte offenbar nicht den geringsten Zweifel an der Devotion der Unterworfenen. Sollte er zu irgendeinem Zeitpunkt doch ansatzweise Zweifel gehabt haben, dürften sich diese spätestens bei der Einweihung der pompösen Zentralmoschee von der als verfassungsfeindlich geltenden Ditib in Köln vollends verflüchtigt haben.

Erdogan hat bei seinem Deutschlandbesuch nun auch mal wieder das getan, was er sonst meist aus der Ferne tut. Er hat den hier lebenden Türken gezeigt, was man sich in Deutschland alles erlauben kann, und aus seiner Sicht auch erlauben sollte. Die Bundesrepublik und ihre Staatsorgane verharren gegenüber den Eskapaden des türkischen Polit-Paschas und seiner Anhänger schon lange in einer Art Duldungsstarre, landläufig auch Toleranz genannt. Was einem in so einer Duldungsstarre widerfährt, kennt man ja aus dem Tierreich.

Erdogan strotz vor Selbstbewußtsein

Erdogans Selbstbewußtsein als türkischer Nationalist und islamischer Fundamentalist ist grenzenlos. Er tanzt Deutschland und den Deutschen nicht nur selbst auf eigenem Territorium auf der Nase herum, er läßt auch auf der Nase herumtanzen. Auf jedes noch so kleine Aufmucken, sei es von einem kritischen Journalisten oder vom Bundespräsidenten, reagiert der Macho vom Bosporus wie solche Leute eben reagieren, wenn einer „aufmuckt“ oder auch nur komisch guckt.

Der türkische Präsident kam als Bittsteller. Sein Land befindet sich in einer tiefen politischen und wirtschaftlichen Krise. Erdogans Geschäftsmodell, das er mit der Seriosität eines Neuköllner Gebrauchtwagenhändlers präsentiert, ist die Asylkrise. Für sein Versprechen, den Flüchtlingsstrom einzudämmen, kassiert er schon jetzt Milliarden, obwohl es bis heute kaum mehr als ein Versprechen ist. Zuletzt ist die Zahl der Zuwanderer in die EU aus der Türkei um mehr als 40 Prozent gestiegen.

Es hätte also durchaus Grund zur Demut für den postosmanischen Gernegroß gegeben. Er selbst sah dazu keine Veranlassung. Die Bundesregierung sah offenbar auch keinen Grund, diese Demut oder zumindest ein Mindestmaß an Respekt einzufordern. Im Gegenteil: Für den Politiker, der Deutschland immer wieder auf das übelste beschimpft hat, durfte es an nichts fehlen. Kein einfaches Arbeitstreffen sollte es sein. Nein, das ganz große Besteck eines Staatsbesuches wurde aufgefahren. Militärische Ehren, Bankett beim Bundespräsidenten und alles, was bei Erdogans Anhängern – in Deutschland und der Türkei – sonst noch gut ankommt, hat die Bundesregierung willfährig präsentiert. Sogar die Bilder von einem abgeführten kritischen Journalisten aus dem Bundeskanzleramt lieferte Merkel der türkischen Propaganda frei Haus.

Mitgebrachtes Sicherheitspersonal spielt sich als Polizei auf

Erdogan dankte es seinen Gastgebern dadurch, daß er unverhohlen den Islamisten-Gruß zeigte, Sicherheitspersonal mitbrachte, das die offiziellen deutschen Stellen lange weitgehend im Ungewissen über die Abläufe bei der Einweihung der Moschee in Köln gelassen hat, sich dafür aber selbst in amtsanmaßender Weise als Polizei aufspielte, und indem er immer wieder verbal über die Stränge schlug.

Die deutsche Politik reagierte darauf, indem sie bei Erdogans Rede nicht klatschte (oder zumindest nicht so laut), ihn nicht anlächelte oder erst gar nicht zu den offiziellen Veranstaltungen erschienen ist. Mehr Mumm scheint die hiesige politische Elite, die sonst so großzügig in ihrem Gratismut gegen vermeintliche Faschisten in der eigenen Bevölkerung ist, gegenüber einem islamistischen Tyrannen nicht mehr in den Knochen zu haben.

Deutschlands Führung hat Erdogan den dicken Macker markieren lassen und sich dabei verhalten wie jemand, der mit hängenden Schultern und gesenktem Blick durch ein Berliner Problem-Viertel schlurft, in der nichtigen Hoffnung, so von den dort umherlungernden Problemjugendlichen in Ruhe gelassen zu werden. Was eine solche Opfer-Mentalität in der Welt dieser „Ehrenkultur“ auslöst, weiß jeder außer dem armen Schlurfer mit dem gesenkten Blick und den hängenden Schultern.

Anhänger des türkischen Präsidenten Erdogan bestimmten während dessen Staatsbesuch das Kölner Stadtbild Foto: picture alliance/Christophe Gateau/dpa

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