Athen
Präsidialgarde am Denkmal für den unbekannten Soldaten in Athen: Griechenland fordert 376 Milliarden Euro Reparationen Foto: picture alliance/dpa

Kommentar zu Reparationsforderungen
 

Wer sich erpreßbar macht, wird auch erpreßt

Soll man den Kopf schütteln oder widerwillig darüber schmunzeln, mit welch dreister Unbekümmertheit Griechenlands Regierung den Euro-Zirkus und die Chefoberretter in Berlin ein ums andere Mal mit maßlosen Forderungen vorführt?

Die rechtzeitig zu den Verhandlungen über eine Fortsetzung der Daueralimentation des bankrotten Griechenlands durch den Rest der Eurozone wieder aufgewärmte Forderung nach Reparations-Fantastillionen aus Deutschland ist zweifellos ein besonderes Bubenstück, das irgendwo zwischen zynischer Lust am Geschmacklosen und psychologischer Treffsicherheit aufgehängt ist.

Unappetitlich ist die krämerische Ungeniertheit, mit der Griechenlands Premier Alexis Tsipras nach dem Motto: Wir sind pleite, schauen wir doch mal, ob wir die kriegsbedingten Leiden unserer Groß- und Urgroßväter zu Geld machen können, den uralten Reparationshut gerade jetzt wieder hervorzieht. Wenn einer Schindluder mit der Würde griechischer Opfer treibt, dann ist das Griechenlands kommunistischer Regierungschef selbst.

Nazi-Treiberhaken für deutschen Zahlochsen

Dafür steht schon die Höhe der Gesamtforderungen, die man in angeblich langen und sorgfältigen Berechnungen ermittelt haben will: 332 Milliarden, zufällig etwa genausoviel wie die gesamte griechische Staatsschuld, die vor allem während der Euro-Schuldenparty in astronomische Höhen gewachsen ist.

Für ein knappes Drittel davon steht Deutschland über den endlos überzogenen Dispo der griechischen Zentralbank bei der EZB – die Target-Salden – und mit in den Schornstein geschriebenen „Rettungs“-Krediten, die Tsipras und sein Finanzminister Varoufakis so oder so nicht zurückzuzahlen gedenken, eh schon gerade. Da können die Deutschen, deren Regierung so doof war, dieses Geld auf Nimmerwiedersehen zu verleihen, den Rest doch gleich auch noch übernehmen, kalkuliert man wohl in Athen.

Und wenn der deutsche Zahlochse mürrisch wird und nicht mehr recht ziehen will, muß man ihn eben ein bißchen mit dem Nazi-Treiberhaken in die Flanke stechen. Der psychologisch gutgezielte Tritt in die Weichteile der deutschen Politikerkaste funktioniert ja sonst auch ganz gut in Europa. Auf willige Hilfstreiber in den deutschen Medien, die die griechischen Forderungen eigentlich und im Grunde ja berechtigt finden, vielleicht nur nicht gerade jetzt, aber Deutschland habe ja tatsächlich noch immer viel zu wenig gezahlt, ist dabei ohnehin Verlaß.

Einladung zur Erpressung

Die markigen Worte und die zelebrierte Empörung von GroKo-Finanzpolitikern sind allerdings auch wieder nur Heuchelei zur Beschwichtigung des heimischen Publikums. Denn Tsipras hat im Grunde nichts anderes getan, als die doppelte Einladung zur Erpressung anzunehmen, die die deutsche Politik seit Jahr und Tag in alle Richtungen aussendet.

Zur schon von vielen ausgenutzten allgemeinen Erpreßbarkeit mit der zur Staatsräson erhobenen ewigen Schuld an den NS-Verbrechen kommt die besondere Erpreßbarkeit durch die Merkel-Doktrin, die „Rettung“ des Euro sei „alternativlos“, weil ja „Europa“ scheitern müsse, wenn der Euro scheitert. Heißt im Klartext: Das Projekt Gemeinschaftswährung ist der deutschen Führung politisch so wichtig, daß sie jeden Preis dafür bezahlt, auch gegen alle ökonomische und finanztechnische Vernunft.

Tsipras hat nicht nur die alte Regel verinnerlicht, daß der große Schuldner, anders als der kleine Kreditnehmer, den Gläubiger in der Hand hat und sich aus dieser starken Position heraus allerlei erlauben kann, er durchschaut wohl auch, daß der Euro selbst im Kern nichts anderes ist als ein gigantisches, verspätetes Reparationsprojekt.

Euro ist und bleibt ein politisches Projekt

Ohne die von Frankreich geschickt ausgespielte Erpreßbarkeit der deutschen politischen Klasse mit den Schuldkomplexen über die NS-Vergangenheit wäre die Gemeinschaftswährung nach der Wiedervereinigung gegen den damals schon reichlich vorhandenen warnenden ökonomischen und fiskalischen Sachverstand vermutlich gar nicht durchsetzbar gewesen.

Der Euro ist und bleibt ein politisches Projekt. „Maastricht, das ist der Versailler Vertrag ohne Krieg“, schrieb ein politisch denkender französischer Leitartikler schon 1992, nachdem der Vertrag in Sack und Tüten war. Die Politik, die zum Euro geführt hat, sei getrieben von dem „Reflex, wonach die Buße für Holocaust und Weltkrieg erst endgültig getan ist, wenn wir alle unsere Belange, auch unser Geld, in europäische Hände gelegt haben“, brachte es Thilo Sarrazin zwanzig Jahre später zur Empörung der Ertappten auf den Punkt.

Tsipras hat mit seiner monströsen Reparationsrechnung diesen politischen Kern des Euro gnadenlos herauspräpariert. Dafür müßte man ihm fast schon dankbar sein. Leider bedeutet diese Erkenntnis aber auch, daß die derzeitige deutsche Politikergarnitur aufgrund ihrer Selbstfesselung nicht einmal in der Lage sein dürfte, rationale Korrekturen anzubringen, bevor der Euro in Zwietracht und Streit und unter horrenden Verlusten auseinanderfliegen wird. Mit einem „Friedensprojekt“ (Kohl & Merkel & andere) hat das Euro-Abenteuer nämlich genausowenig zu tun wie das erste Versailles.

Präsidialgarde am Denkmal für den unbekannten Soldaten in Athen: Griechenland fordert 376 Milliarden Euro Reparationen Foto: picture alliance/dpa
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