Fürstin von Thurn und Taxis, der Titel Ihres neuen Buches lautet „Lieber unerhört als ungehört“. Würden Sie uns bitte verraten, wann Sie diese Lektion lernen durften?
Gloria Prinzessin von Thurn und Taxis: Vor vielen Jahren bei einem Besuch meiner Tante, die als Benediktinerin im weit abgelegenen Kloster Bertholdstein in der Steiermark lebte, fragte sie mich: „Möchtest du deine Bekanntheit nur für Oberflächlichkeiten einsetzen oder möchtest du etwas für dein Seelenheil tun?“ Damit hat sie mich wachgerüttelt und mir die katholische Missionsarbeit ins Pflichtenheft geschrieben.
Also Schluß mit der Punk-Prinzessin?
von Thurn und Taxis: Jein, ich mußte dabei niemals auf Lebenslust und Spaß verzichten, denn der Katholizismus ist eine lebensbejahende, sinnliche Religion. Der Puritanismus und die Strenge sind protestantische Eigenschaften. Denken Sie nur an den Vergleich katholisch geprägter Städte im Süden im Vergleich zu den protestantischen Städten im Norden: Architektur, Volksfeste, Lebensart – alles fröhlicher in der katholisch geprägten Welt.
Fürstin Gloria: „Ich vertrete unseren christlichen Glauben“
Und diese Freude lassen Sie sich nicht nehmen, auch wenn Sie der „Zeit“ als Galionsfigur der Rechten gelten und die „Tagesschau“ über Sie „Glanz, Glaube, Rechtsruck“ titelte?
von Thurn und Taxis: Ich vertrete unseren christlichen Glauben in gesellschaftspolitischen Belangen auf privater Basis – das ist gelebte Demokratie. „Rechtsruck“ ist eine rein willkürliche Klassifizierung, um Menschen wie im Mittelalter als vogelfrei zu erklären.
Stichwort „Geßlerhut“.
von Thurn und Taxis: Alles, was gegen mich vorgebracht wird, ist Rufmord. Das ist die Art, jede alternative Ansicht mundtot zu machen.
Aber Sie lassen sich nicht unterkriegen und appellieren im Vorwort Ihres Buches an die Leser: „Streiten Sie, doch lassen Sie sich von der Gesellschaftskrankheit Distanzeritis nicht anstecken. Kontaktschuld gibt es nur in Diktaturen.“
von Thurn und Taxis: Kontaktschuld gibt es nicht. Es sei denn für eifrige Streber, die sich freiwillig dieser unerhörten sozialistischen Tradition beugen.
„Konservative oder Rechte sind immer gegen Gewalt“
Und wer sind diese Streber?
von Thurn und Taxis: Verantwortlich sind jene Antidemokraten, die mit Gewalt an der Macht bleiben und jede Opposition im Keim ersticken wollen. Charlie Kirk zum Beispiel war ein Prediger aus der typisch evangelikalen Tradition Amerikas. Bei seiner Trauerfeier wurde der Beweis erbracht, daß Vergebung und Nächstenliebe die treibende Kraft der Christen sind, nicht Haß und Gewalt – wie wir sie bei George Floyd und der „Black Lives Matter“-Bewegung gesehen haben. So einen Gewaltkarneval mit anschließenden Gerichtsverfahren, die damit einhergehen, finanzieren linke NGOs.
Aber die Rechten sollen doch die Radikalen sein.
von Thurn und Taxis: Konservative oder Rechte sind immer gegen Gewalt, denn diese ist immer unkontrollierbar und artet meistens auch in Mord und Totschlag aus. Für Linke ist die Gewalt Mittel zum Zweck, und der Zweck heiligt die Mittel. Linke sind Kollektivisten, für die das Individuum wenig bis gar nichts zählt – der Mensch als „nachwachsender Rohstoff“.
Experimente, wenn diese auch Hekatomben an Menschenleben kosten, rechtfertigen sie mit einer „besseren Zukunft“. Die Rechten sind dagegen Individualisten. Experimente werden ungern eingegangen, es sei denn man ist sich sicher, daß der Ausgang zu einem besseren Ergebnis führt als der gegenwärtige Zustand.
Apropos „der Zweck heiligt die Mittel“: Im Oktober ist Ihr Jagdschloß Thiergarten niedergebrannt. Auf dem linksextremen Internetportal „Indymedia“ ist ein Bekennerschreiben eines „Antifa-Kommandos“ erschienen, wonach der Anschlag eine „deutliche Warnung“ sei, sich künftig politisch zurückzuhalten. (Anmerkung der Redaktion: Inzwischen hat die Polizei mitgeteilt, sie habe keine Hinweise auf vorsätzliche Brandstiftung gefunden. Die Ermittlungen dauern an.) Halten Sie das Schreiben für echt und wenn ja, was bedeutet dieses für Sie?
von Thurn und Taxis: Eine schreckliche Zäsur – falls es denn wirklich Brandstiftung war.
Trump hat kürzlich – offensichtlich als Reaktion auf das Kirk-Attentat – die Antifa als bedeutende terroristische Organisation eingestuft. Hierzulande wurde Mitte Oktober im Bundestag über ein Verbot debattiert.
von Thurn und Taxis: Ja, die Einstufung dieser SA-ähnlichen, gewaltbereiten Organisationen als terroristisch ist überfällig. Bei uns sitzen deren Sympathisanten teilweise in höchsten Positionen, so daß wir vorerst damit leben müssen.

In „Lieber unerhört als ungehört“ erzählen Sie von einem Zwischenfall, der unlängst für viel Aufregung sorgte: „Bild“ unterstellte Ihnen fälschlich, Sie hätten Alice Weidel von Ihren Schloßfestspielen ausgeladen, da Vicky Leandros nicht für diese singen wollte. Auch der Caterer stellte sich quer, und ein Förderer wollte nicht mehr spenden. Sehen Sie die Vorgänge als Angriff auf unsere Demokratie?
von Thurn und Taxis: Die Demokratie ist nicht in Gefahr, weil sich die Wirtin geweigert hat, meinen Gast zu bewirten. Dieses Recht hat sie, denn es ist ja ihr Restaurant. Das muß ich respektieren, auch wenn sich meine Begeisterung darüber in Grenzen hält. Erinnern Sie sich an den christlichen Bäcker, der sich geweigert hatte, für eine Homohochzeit den Kuchen zu backen?
Was ist passiert?
von Thurn und Taxis: Er wurde verklagt, hat aber den Prozeß gewonnen, weil man ihn nicht zwingen konnte, etwas gegen sein Gewissen zu tun.
Die Freiheit des Gewissens ist unverletzlich, so steht es im Grundgesetz.
von Thurn und Taxis: Wenn Menschen mit dem gesellschaftlichen Druck, der mittlerweile auf vielen lastet, nicht zurechtkommen oder systemtreu sind, dann müssen wir das auch akzeptieren, wenn uns Demokratie wichtig ist. Daß eine private Einladung zu einem Skandal stilisiert wurde, ist natürlich sehr bedauerlich.
„Fürst von Thurn und Taxis saß unter den Nazis im Gefängnis“
Nächster Aufreger: Die ARD-Journalistin Julia Ruhs wird vor allem wegen ihrer Sendung „Klar“ angegriffen. Auf Druck zahlreicher ihrer Kollegen hat sich der NDR schließlich von ihr getrennt.
von Thurn und Taxis: Wenn man in einem Abhängigkeitsverhältnis arbeitet und lebt, ist es natürlich ungeheuer schwierig die eigene Meinung zu äußern, wenn sie von der der anderen abweicht. Deshalb ist es so lobenswert und mutig von Julia Ruhs, daß sie es gewagt hat, sich gegen die allgemeine Stimmung zu wenden, um auch der Gegenseite eine Plattform zu geben, und dabei ihren Arbeitsplatz und Ruf riskiert hat.
Sie riskieren auch regelmäßig Kopf und Kragen. Aber das scheint ja in der Familie zu liegen.
von Thurn und Taxis: Ja, als die Schönburgs, die Familie meines Vaters, Ende des 19. Jahrhunderts katholisch wurde, waren sie in ihrer protestantischen Heimat Sachsen so gut wie geächtet. Die Mitarbeiter des Hauses durften sogar die Straße nicht mehr benutzen und konnten das Schloß nur über einen Umweg erreichen. Und ihre Kinder durften die Volksschule nicht mehr besuchen.
Und die Familie Ihres Mannes?
von Thurn und Taxis: Die Thurn und Taxis waren, aufgrund ihres strengen katholischen Glaubens, gegen die Nazis eingestellt. Der Vater meines Mannes, wurde sogar von der Gestapo verhaftet, weil er von einem Mitarbeiter angezeigt worden war, ausländische Radiosender gehört zu haben. Heute sind wir stolz darauf, daß der Fürst für seinen Glauben im Straubinger Gefängnis saß.
Und wie gehen Sie persönlich mit gesellschaftlichem Druck um? Für Ihr soziales Engagement haben Sie 2006 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse erhalten. Doch seit 2019 werden Ihre Festspiele boykottiert. Die Regensburger Oberbürgermeisterin hat sich von Ihnen distanziert. Und man exponiert Sie als angebliche Unterstützerin von Rechtsextremen sowie als Verfechterin eines radikalen Katholizismus.
von Thurn und Taxis: Radikaler Katholizismus ist ein Widerspruch in sich, denn dafür ist diese Religion ungeeignet: Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Liebe, im Kreuz ist Hoffnung! Der Katholik ist gehalten, die linke Backe hinzuhalten, wenn er auf die Rechte eine gepfeffert bekommt.
Was heißt das praktisch?
von Thurn und Taxis: Bestes Beispiel: Papst Johannes Paul II., der seinen Attentäter im Gefängnis besuchte oder zuletzt die Witwe Charlie Kirks, die während der Trauerfeier dem Mörder ihres Mannes vergab. Der Christ betet für seine Feinde – wenn das radikal ist, dann ist radikal etwas Gutes.
„Der Mittelstand ist dem totalitären Staat ein Dorn im Auge“
Sie schreiben im Buch, Kinderlosigkeit sei zum Lifestyle geworden. Selbst sind Sie das zweite von vier Geschwistern, während fast ein Drittel der deutschen Kinder heute keine Geschwister hat. Obwohl das demographische Problem bekannt ist, ergreift die Politik kaum Maßnahmen. Worin sehen Sie Gründe dafür?
von Thurn und Taxis: Die Nazis wie auch die Sozialisten und Kommunisten waren bestrebt – so wie das bei uns heute auch ist – die Hoheit über die Kinderbetten zu bekommen. Je früher der Staat die Kinder erziehen kann, desto lieber ist es ihm. Die Familie als natürliche Keimzelle ist ein störendes Konkurrenzunternehmen, weil man sich dort abstimmen und womöglich den Staat kritisieren kann.
Auch der Mittelstand, das Rückgrat jeder Gesellschaft, ist dem totalitären Staat ein Dorn im Auge: Nur dieser Stand wird den Staat kritisieren und regulieren wollen. Denn der Mittelstand, gebildet und tüchtig, ist die einzig unabhängige Instanz einer Gesellschaft.
Und die treibende Wirtschaftskraft.
von Thurn und Taxis: Große internationale Unternehmen können sich von einem Land ins andere absetzen, wenn ihnen die Gesetze nicht passen, oder durch finanzielle Manipulation Gesetze zu ihren Gunsten ändern lassen. Der kleine Mann dagegen wird nie aufmucken, denn er ist abhängig vom Staat.
Die hohen EU-Auflagen, Vorschriften und Regularien sind das perfekte Mittel, den Mittelstand zu zerstören, da die Befolgung der Richtlinien für dessen Betriebe schlicht zu teuer ist. Die Großen sehen weg, denn sie werden die kreative Konkurrenz los – zum Schaden der Verbraucher.
Das heißt also, der tragenden Schicht der Gesellschaft wird entgegengewirkt?
von Thurn und Taxis: Ja, und die Demographie zeigt, daß die Bestandhaltungsrate in Europa seit Jahrzehnten unterschritten wird. Frankreich, Italien, Deutschland, aber auch China haben durch die Ein-Kind-Politik, die wir ja quasi auch haben, den Nachwuchs durch subventionierte Abtreibung dezimiert. Da wurde nie gegengesteuert!
Jetzt holt man sich die Menschen aus dem globalen Süden. So wird an den Symptomen rumgedoktert, statt die Ursache zu bekämpfen und den jungen Leuten finanziell unter die Arme zu greifen, damit sie sich, wie etwa in Ungarn, wieder eine Familie leisten können. Stattdessen wird das Geld auf der ganzen Welt für Klimaprojekte und die Alimentierung auch illegal Eingewanderter verteilt. Ist das gerecht und sinnvoll?
Was wäre denn sinnvoll?
von Thurn und Taxis: Einwanderung ist wichtig und gut, aber eben, wie bei einem guten Club, mit Türsteher und Kontrolle. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.
„Die Politik schürt Ängste, um die Menschen zu manipulieren“
Ist der Schaden noch gutzumachen? Oder ist der Zug dafür in Deutschland bereits abgefahren?
von Thurn und Taxis: Nein! Es ist nie zu spät, einen falschen Weg zu verlassen und einen besseren einzuschlagen. Dafür braucht man aber Politiker, die willens und in der Lage sind, dies zu tun.
In welche Zukunft steuert unser Land mit einem Kanzler, der es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, eine Richterin zu wählen, für die – wie es ihr die Bundestagsabgeordnete Beatrix von Storch vorwarf – „die Würde eines Menschen nicht gilt, wenn er nicht geboren ist“?
von Thurn und Taxis: Wer bei den niedrigen Geburtenraten immer noch Abtreibung als Menschenrecht fördert, der hat entweder etwas gegen die eigene Art oder sonst irgendein Identitätsproblem, über das wir sprechen sollten – vielleicht ist es ja heilbar.
Wird Deutschland noch genesen? Oder droht das Land eher am Kulturkampf zu zerbrechen?
von Thurn und Taxis: Nein, selbst wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Bäumchen pflanzen. Allerdings ist es doch total verrückt, sich wegen Klima-Angst auf die Straße zu kleben und die wirkliche Gefahr zweier Atommächte, die sich bekriegen, außer acht zu lassen. Max Frisch beschreibt dieses Phänomen in seinem Stück „Biedermann und die Brandstifter“ sehr genau.
Also Verdrängung, Bequemlichkeit, Selbstbetrug – Sie meinen, wer Gefahren nicht sehen will, macht sich mitschuldig?
von Thurn und Taxis: Wenn es uns gelingt, daß die Menschen wieder einen Sinn für die realen Gefahren entwickeln, statt über unbewiesene menschengemachte Klimakatastrophen den Kopf zu verlieren, hätten wir schon viel erreicht. Es muß endlich Vernunft einkehren, und dazu sind wir alle aufgerufen. Natürlich aber schürt die Politik Ängste, denn so sind die Menschen leichter zu manipulieren. Das war zu allen Zeiten so. Wir müssen dagegenhalten! Und wenn uns Corona etwas beigebracht hat, dann das.
Und auch, daß jeder seine Grenzen hat. Was gibt Ihnen Kraft, Zuversicht und Hoffnung, wenn Sie nicht mehr weiterwissen?
von Thurn und Taxis: Das ist mir noch nicht passiert. Ich bin immer heiter, denn Gott hilft weiter!
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Gloria Prinzessin von Thurn und Taxis. Geboren 1960 in Stuttgart als Gräfin von Schönburg-Glauchau, heiratete 1980 Fürst Johannes von Thurn und Taxis. Sie ist eine der bekanntesten Vertreterinnen des deutschen Adels und eine profilierte konservative Stimme. Nun ist im Langen-Müller-Verlag ihr erstes politisches Buch erschienen: „Lieber unerhört als ungehört. Lektionen aus meinem Leben“






