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Interview mit dem Rockmusiker Oleg Skrypka: „Wir erleben die Wiedergeburt unserer Nation“

Interview mit dem Rockmusiker Oleg Skrypka: „Wir erleben die Wiedergeburt unserer Nation“

Interview mit dem Rockmusiker Oleg Skrypka: „Wir erleben die Wiedergeburt unserer Nation“

Musik und die Nation
Musik und die Nation
Der ukrainische Folkrock-Musiker Oleg Skrypka bei einem Auftritt in Kiew im Dezember 2018 Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Igor Golovniov
Interview mit dem Rockmusiker Oleg Skrypka
 

„Wir erleben die Wiedergeburt unserer Nation“

Musik und Lieder spielen in der Ukraine eine große Bedeutung – insbesondere für das Nationalbewußtsein. Einer der bekanntesten Rockmusiker der Ukraine, Oleg Skrypka, unterstreicht dies im Interview mit der JUNGEN FREIHEIT. Skrypka wurde 1964 in Ghafurow (Tadschikistan) geboren. Sein Vater ist Ukrainer, seine Mutter Russin. Nach dem Abitur gründete er noch zu Sowjetzeiten 1986 in Kiew die Rockband „Vopli Vidopliassova“. Die Musik ist eine Mischung aus Rock’n’Roll und Ethno-Folk, vereint Elemente aus Punk, Heavy Metal und Elektro-Pop. Mit seinem Sohn Ustym nahm er 2021 ein 100 Jahre altes patriotisches Lied („Wir wachsen“) auf, das der Pfadfinder-Bewegung gewidmet ist. Das Musikvideo dazu hat seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine am 24. Februar 2022 enorme virale Verbreitung bekommen.

Herr Skrypka, wo halten Sie sich derzeit auf? Wie gehen Sie mit dem Krieg um? Und wie geht es Ihren Freunden und Verwandten?

Oleg Skrypka: Zur Zeit befinde ich mich mit meiner Frau, meiner Mutter und meinen vier Kindern in meinem Haus in Kiew. Wir haben immer noch Strom und Internet hier. Bis jetzt geht es uns allen gut. Manchmal gehen wir einkaufen. Einige Geschäfte haben noch geöffnet. Das Sortiment ist zwar nicht mehr allzu groß, aber es gibt genug zu essen für alle.

„Normalerweise spiele ich eher fröhliche Sachen“

Sie sind ein weithin bekannter ukrainischer Folk-Rock-Musiker. Viele Ihrer Songs haben nun einen ganz ausdrücklich patriotischen Charakter. In einem Ihrer neueren Lieder posieren Soldaten mit ihren Waffen vor der Kamera. Für den deutschen Betrachter wirkt das ziemlich martialisch. Ist das typisch für die derzeitige Musik-Szene in der Ukraine?

Skrypka: Vor langer Zeit – etwa 300 Jahre ist es her – war die Ukraine eine Art Kolonie des Russischen Reiches. In den neunziger Jahren ist unser Land in die Unabhängigkeit entlassen worden. Aber diese Unabhängigkeit war nicht echt. Wir standen nach wie vor unter dem kulturellen und ökonomischen Druck Rußlands. Künstler wie ich haben damals schon verstanden, daß man etwas gegen diese Propaganda tun muß. Deshalb habe ich mich mit einigen Rockmusikern zusammengesetzt, um alte ukrainische Musik neu aufzunehmen. Da waren Armeelieder mit dabei und andere Heldengeschichten. Normalerweise spiele ich mit meiner Band eher fröhliche Sachen.

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Oleg Skrypka mit einem seiner typischen grotesken Songs

Bei diesen Songs war das anders. Ich denke, es ist normal für Künstler, ein besonderes Gefühl für die Zukunft zu haben. Mir jedenfalls standen viele der Probleme schon damals vor Augen, die wir heute mit Rußland haben. Deshalb habe ich all diese patriotischen Lieder eingespielt.

„Jetzt ist große Solidarität unter Ukrainern wachgeworden“

Wie reagieren Ihre Musikerkollegen in der Ukraine auf den russischen Einmarsch? Helfen sie mit ihrer Kunst? Fliehen sie? Oder greifen sie zu den Waffen?

Skrypka: Heute ist die ukrainische Gesellschaft sehr patriotisch. In der Vergangenheit war das anders. Die Sympathie mit Rußland war sehr groß. Auch bei Künstlern hierzulande. Sie haben nicht verstanden, daß diese Zuneigung zum großen Bruder eine echte Gefahr für die Existenz der Ukraine darstellt. Jetzt ist das jedem klar. Die Leute melden sich freiwillig für die ukrainische Armee oder versuchen irgendwie anders zu helfen. Beispielsweise, wenn es um die Versorgung von Kindern oder die notdürftige Reparatur von Gebäuden geht. Da ist eine große Solidarität in der ukrainischen Gesellschaft wachgeworden. Auch bei Künstlern. Es gibt allerdings auch Künstler, die das Land in den vergangenen Wochen verlassen haben.

Wie beeinflußt der Krieg in der Ukraine die Beziehung zwischen ukrainisch- und russischsprachigen Künstlern? Steigen die Spannungen oder hält das Land zusammen?

Skrypka: Momentan stehen wir alle noch unter Schock. Natürlich versuchen wir erst mal nur, uns zu verteidigen. Wir hoffen sehr, daß wir diesen Krieg möglichst schnell gewinnen. Erst danach stellt sich die Frage, was mit russischsprachigen Künstlern in der Ukraine passiert. Die meisten werden nach dem Krieg einfach auf ukrainisch weitermachen. Was mit der Minderheit passiert, die es sich nicht anders überlegen will, weiß ich nicht. Vielleicht gehen die nach Europa. Eigentlich glaube ich aber nicht, daß die Frage der Sprache in der Ukraine wirklich so wichtig ist. Das wurde eher von der russischen Propaganda aufgebauscht.

„Ukrainer schöpfen ihr Nationalbewußtsein aus ihrer Musik“

Welche Rolle spielen Musik und Lieder im ukrainischen Selbstverständnis?

Skrypka: Mir gefällt diese Frage sehr! Für Ukrainer war ihr Liedgut immer schon besonders wichtig. Über viele Jahrhunderte hatten die Ukrainer keinen eigenen Staat. Also mußten sie ihr nationales Selbstverständnis aus ihrer Musik schöpfen. Deshalb haben wir Ukrainer auch eine ganze Reihe traditioneller und moderner Volkslieder.

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Oleg Skrypka mit dem alten Volkslied „Kupalotschka“, das er in einer Mischung aus Indie-Rock, Folk-Musik und dem typischen Sound seiner Band präsentiert

In welcher Tradition sehen Sie das ukrainische Bewußtsein insgesamt verwurzelt? Selbst heute noch gibt es Stimmen, die behaupten, daß die ukrainische Nation eine Art „Kunstprodukt“ darstelle, wie es auch Putin sagt. 

Skrypka: Unsere Geschichte und unsere Kultur reichen sehr weit zurück. In der Ukraine sind sich viele Menschen dessen nicht bewußt, aber wir leben in dieser Tradition. Daß unsere Kultur so tief in unserem Leben verwurzelt ist, hat sie letztendlich auch gerettet. Auch durch die 300 Jahre hindurch, in der wir Ukrainer keinen eigenen Staat hatten und von Rußland besetzt waren. Unsere Tradition hat uns mit unserem Land verbunden, ähnlich wie bei den Mexikanern, Chinesen und Indern. Diese Völker hatten aber ihren eigenen Staat, wir nicht. Wenn wir diesen Krieg gewinnen sollten, wäre das für uns also ein kompletter Neuanfang.

„Wir erleben eine wahre Renaissance der ukrainischen Kultur“

Welche Rolle spielte die erste ukrainische Republik nach dem Zerfall des Zarenreichs für Ihre Geschichte?

Skrypka: Vor hundert Jahren hat die Ukraine eine kurze Zeit der Unabhängigkeit genossen. In der Sowjetunion wollte man nichts über diese Periode wissen. Heute lernen sogar die Kinder in der Schule etwas darüber. In dieser kurzen Zeit gab es eine wahre Renaissance in der ukrainischen Kultur. Es entwickelte sich lauter neue Musik, neue Lyrik und neue Kunst. Auch aus dieser Zeit habe ich einige Songs aufgenommen. Mit meinem Sohn zum Beispiel habe ich ein Pfadfinderlied aus den 20ern eingespielt.

Richtig. Sie und Ihr Sohn Ustym haben ein 100 Jahre altes Lied aus dieser Zeit neu vertont. Welche Bedeutung hat dieser Song? Und welche Rolle spielt die Pfadfinderbewegung, die man in dem Musikvideo zu dem Lied sehen kann, für den ukrainischen Patriotismus?

Skrypka: Neben Kanada und den Vereinigten Staaten war die Pfadfinderbewegung auch in der Ukraine sehr populär. Nachdem die Ukraine im 20. Jahrhundert unabhängig wurde, breitete sich dieser Trend vom Westen des Landes über Kiew bis in den Osten aus. Die Pfadfinder sind wirklich sehr wichtig für Kinder und Jugendliche in der Ukraine. Ich sehe das selbst an meinen eignen Kindern: Sie kommen immer wie verwandelt von den Lagern zurück. Irgendwann hat mich meine Frau darauf hingewiesen, daß die Jungen und Mädchen lauter schöne Lieder singen, von denen es aber nur sehr schlechte Aufnahmen gibt. Also habe ich diese Songs zusammen mit meiner Band neu aufgelegt. Mein Sohn war damit einverstanden, den Gesangspart zu übernehmen – und jetzt haben unsere Kinder ein schönes patriotisches Lied.

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Skypkas Sohn Ustym mit dem patriotischen Pfadfinderlied „Wir wachsen“

Welche Bedeutung haben die ukrainischen Dissidenten während der Sowjetzeit für die heutige Ukraine?

Skrypka: Die ganze Zeit der russischen Besatzung über – etwa 300 Jahre lang – gab es ukrainische Dissidenten. Das ist auch so eine Tradition von uns Ukrainern, eine Idee von unserem Land im Untergrund zu pflegen. Diese Idee bricht jetzt mit aller Kraft durch, daß wir endlich einen ukrainischen Staat bekommen.

„Die Frage ist, ob man dieses Land und diese Nation liebt“

Wie sieht die Ukraine der Zukunft für Sie aus? Wie sollte sich das Verhältnis zu Rußland und nationalen Minderheiten ausgestalten?

Skrypka: Ukrainer wünschen sich von ihrer Zukunft, daß sie in einem modernen Land leben können, in dem sie frei sind. Sie träumen von einer Gesellschaft, die ihnen die Möglichkeit gibt, ihre Potentiale auszuschöpfen. Das Problem mit Rußland hat dabei nichts mit Sprache oder Nationalität zu tun. Ich habe russische Freunde aus Moskau, die trotzdem großartige ukrainische Patrioten sind. Die Frage ist doch, ob man dieses Land und diese Nation liebt. Und ich denke sogar, daß in der Zukunft viele Russen in die Ukraine kommen werden. Solange sie gerne hier leben und unserem Land etwas Gutes tun, habe ich absolut kein Problem damit.

Sieht sich die Ukraine eher als Teil des Westens oder gehört sie zu einem „Mitteleuropa“?

Skrypka: Das ist eine heikle Frage (lacht). Ich weiß nicht, ich bin kein Politiker. Die Welt verändert sich. Während der ersten Revolution 2004 und nach 2014 haben die Ukrainer eine große Sehnsucht nach der europäischen Gemeinschaft verspürt. Es gibt jetzt die reale Möglichkeit für uns, in diese europäische Familie aufgenommen zu werden. Das ist sehr gut. Wir sehen aber auch, daß das alles nicht so einfach ist. Die Staaten der EU müssen sich erst einmal untereinander darauf einigen, uns eine Chance zu geben. Wir sind da nicht mehr so naiv wie in der Vergangenheit. Trotzdem wollen wir natürlich ein gutes Verhältnis zu allen europäischen Ländern haben. Das ist sehr wichtig für die Ukraine.

„Dieser Krieg ist keine Privatsache zwischen Ukrainern und Russen“

Führt der Krieg in der Ukraine zu einer „zweiten Geburt einer Nation“, wie es Historiker nennen? Rückt das Land unter den Angriffen erst jetzt richtig zusammen? Erfahren viele Ukrainer im Moment wirklich, was es heißt, Teil einer Nation zu sein?

Skrypka: Sie haben schon die Antwort selbst gegeben (lacht noch lauter)! Wir Ukrainer erleben tatsächlich gerade die Wiedergeburt unserer Nation. Es fällt mir zwar schwer, das zu sagen, aber in gewisser Weise – so bitter das klingt – haben wir diesen Krieg gebraucht. Es ist, als ob Gott uns diese Katastrophe geschenkt hat, damit wir Ukrainer endlich Ukrainer werden. Ich möchte aber auch sagen, daß dieser Krieg nicht mehr einfach eine Privatsache zwischen Ukrainern und Russen ist. Wir fechten diesen Kampf gemeinsam mit Europäern, Japanern und Amerikanern aus. Die Russen leben immer noch in der Vergangenheit. Sie müssen ihre aggressive Art zu denken und zu handeln endlich aufgeben. Das ist einfach nicht menschlich. Und vielleicht geht es am Ende nicht nur um die Wiedergeburt der ukrainischen Nation, sondern um die Geburt einer neuen Gesellschaftsordnung weltweit.

(Mitwirkung und Übersetzung Florian Werner)

Weiterführende Links:

Der ukrainische Folkrock-Musiker Oleg Skrypka bei einem Auftritt in Kiew im Dezember 2018 Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Igor Golovniov
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