Prophet der Popindustrie

Die GEZ-Gebühr solle eigentlich sicherstellen, daß „die Kanäle des Volkes nicht, wie schon im Dritten Reich oder der DDR, zur Kommunikationsverengung mißbraucht werden. Aber genau das geschieht mittlerweile mehrheitlich.“ Tim Renner, von dem diese Sätze stammen, ist um klare Worte nicht verlegen. Der 1964 Geborene, mitunter als Wunderkind und Hoffnungsträger der deutschen Musikindustrie Gefeierte zeigt sich stets angriffslustig und frei von ideologischen Scheuklappen. Seine Karriere als einer der erfolgreichsten deutschen Musikmanager begann 1986 ironischerweise in der Absicht, als sogenannter Junior A&R und Produktmanager im Hause des Musikkonzerns PolyGram insgeheim Material zusammenzutragen, um – ganz in der Tradition Günter Wallraffs – das erste deutsche Enthüllungsbuch über die Machenschaften der Musikindustrie zu schreiben. Diese aber, so räumt Renner heute ein, sei allerdings gar nicht „böse, sondern bestenfalls blöde“. Ehe er sich versah, hatte er „die Seiten gewechselt“. Die erste Band, die er unter Vertrag nahm, war die Berliner Formation Element of Crime, die spektakulärste Rammstein. Innerhalb des Konzerns gründete er das Label Motor Music und stieg schließlich zum Deutschland-Chef des mit PolyGram fusionierten Musikkonzerns Universal auf – seinen E-Post-Verkehr pflegte Renner von da ab mit „Gott“ zu unterschreiben. Als sich Anfang 2004 das Unternehmen im Zuge der Krise der deutschen Musikwirtschaft von vielen nationalen Interpreten zu trennen und die Strategie noch stärker international auszurichten beabsichtigte, kündigte er aus Protest seinen Posten und verließ den Konzern. Wie damals bekennt er sich auch heute zu seinem Interesse an lokalen Künstlern. Sein Gespür für künstlerische Neuentdeckungen feite ihn allerdings auch nicht vor Fehleinschätzungen. In einem Spiegel-Interview Ende der neunziger Jahre sagte er den Platten von Xavier Naidoo eine ähnliche Lebensdauer – respektive Publikumsresonanz – voraus wie etwa den Beatles. „Let it be“, hätte da mancher Tim Renner gerne zugerufen – brachte es doch jüngst ein Kolumnist der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung auf den Punkt: In jedem einzelnen Ton Naidoos stecke „mehr Gejammer als in einer ganzen ostdeutschen Montagsdemo“. Das Jammern ist die Sache Renners indes nicht. Gerade hat er eine Art Bibel der Musikindustrie verfaßt. Unter dem Titel „Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm“ schlüpft er in die Rolle des Verkünders, der die Produktion authentischer und lokaler Produkte sowie den Aufbau kundenorientierter Kom-munikations- und Vertriebsnetzwerke einfordert und vor allem zur Übernahme persönlicher Verantwortung aufruft. Ein Rufer in der Wüste ist er dabei nicht, hat ihn doch das World Economic Forum (Genf/Davos) unlängst als einen von weltweit hundert Managern zum Global Leader for Tomorrow ernannt.

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