Superwahljahr

 

„Die Vorwürfe sind absurd“

Herr Professor Scholl-Latour, der „Spiegel“ beklagt in seiner aktuellen Ausgabe (siehe Ausriß im Kasten unten), daß Sie in einem Werbefaltblatt der JUNGEN FREIHEIT bekundet haben, die JF bedeute für Sie den Beweis, daß es „noch unabhängige Geister in der deutschen Medienlandschaft gibt und Journalisten, die das Risiko eingehen, gegen den Strom zu schwimmen“. Scholl-Latour: Ach wissen Sie, ich bin es gewohnt, gelegentlich Heckenschützen aus dem Kollegenkreis ausgesetzt zu sein. Die dort formulierten Vorwürfe sind schlicht absurd, und im übrigen habe ja nicht nur ich mich mit Interviews und Artikeln in der JF zu Wort gemeldet, beziehungsweise Ihre Zeitung unterstützt, sondern ebenso solch untadelige Persönlichkeiten wie etwa Peter Gauweiler, Jörg Schönbohm, Helmut Markwort, Ephraim Kishon, Martin van Creveld oder Frederick Forsyth. Fürchten Sie eine Kampagne gegen sich? Scholl-Latour: Diese Kampagne hat doch bereits stattgefunden. Im Spiegel zum Beispiel wurden mir Prognosen zum Irak-Krieg unterstellt, die ich gar nicht gemacht habe. Ebenso vom Leiter des Berliner Aspen-Instituts Jeffrey Gedmin, der damit nur seine eigene gezielte Fehlinformation der Öffentlichkeit über den Irak zu kompensieren suchte. Dem „Spiegel“ haben Sie gesagt, „Zensur … brauchen wir nicht“, Sie finden es „ganz gut, wenn Unkonventionelles veröffentlicht wird“. Heißt das, daß Ihnen die deutsche Medienlandschaft zu uniform ist? Scholl-Latour: Leider ist unter den deutschen Journalisten die – stets variierende – Political Correctness zur obersten Leitschnur geworden. Als unkonventionell gilt heutzutage schon, zu hinterfragen, ob die moralische Kategorie „Befreiung“ anläßlich des 60. Jahrestages der Landung in der Normandie auch für die Deutschen historisch haltbar ist. Scholl-Latour: Darüber kann man sicherlich diskutieren, aber ich bin kein Historiker und fühle mich deshalb nicht dazu berufen. Sie haben die Teilnahme Bundeskanzler Schröders an der Sieges- und Gedenkfeier der Alliierten für deren Gefallene am 6. Juni begrüßt. Warum? Scholl-Latour: Die Einladung Jacques Chiracs bedeutet eine Fortschritt in der zukunftweisenden deutsch-französischen Zusammenarbeit. Die Ihnen – ebenso wie dieser Zeitung oder Altkanzler Kohl – bekanntlich sehr am Herzen liegt. Dennoch hat Helmut Kohl während seiner Amtszeit eine Teilnahme an den D-Day-Feierlichkeiten mit dem Satz abgelehnt, es sei „für einen deutschen Bundeskanzler kein Grund zum Feiern, wenn andere ihren Sieg in einer Schlacht begehen, in der Zehntausende Deutsche elend umgekommen sind“. Scholl-Latour: In der Normandie ging es am Sonntag nicht darum, die Niederlage der Wehrmacht zu feiern, sondern die Befreiung Westeuropas von der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten. Das heißt, Sie kritisieren Helmut Kohl dafür, daß er während seiner Kanzlerschaft nicht an den Feiern teilgenommen hat? Scholl-Latour: Überhaupt nicht, das war zehn, beziehungsweise zwanzig Jahre früher. Bundeskanzler Kohl hat sich statt dessen mit Staatspräsident Mitterrand in Verdun getroffen, und ich vermute, er wäre in diesem Jahr auch in Normandie gekommen. Was war 2004 anders als 1984 und 1994? Scholl-Latour: Jacques Chirac hat zum Beispiel den Deutschen Schröder nicht nur als „Nachbarn“ oder „Freund“ begrüßt, sondern als „Bruder“. Das ist neu! De Gaulle und Adenauer waren noch Politiker, die die Zeit des Bruderkampfes zwischen Frankreich und Deutschland miterlebt haben, und sie waren Männer, die für ihre politische Überzeugung persönlich alles riskiert haben. Überzeugt Sie solches Pathos aber auch bei reinen Partei- und Karrierepolitikern, wie Schröder und Chirac sie – heutzutage eben üblich – darstellen? Scholl-Latour: Es gibt die schöne Gesetzmäßigkeit in den deutsch-französischen Beziehungen, daß die verschiedenartigsten Politiker auf beiden Seiten immer wieder durch die Macht der Tatsachen gezwungen sind, zusammenzurücken. Schröder hatte bekanntlich überhaupt nicht die Absicht, mit Frankreich ein näheres Bündnis einzugehen. Statt dessen hatte er zu Anfang eigentlich auf Tony Blair und New Labour gesetzt. Sie monieren stets, daß die Europäer sich nicht endlich „emanzipieren“ und selbstbewußt gemeinsam Realpolitik betreiben, was zum Beispiel durch eine gemeinsame strategische – auch nukleare – Rüstung zum Ausdruck käme. Allerdings hält uns niemand davon ab, außer unsere eigene europäische, politisch korrekte Leisetreterei. Glauben Sie, daß die erhoffte Renaissance Europas mit Politikern wie Chirac und Schröder jemals kommt? Scholl-Latour: Wir kommen in Deutschland ja nicht einmal aus unseren heimischen Problemen heraus. Ich sehe eigentlich nur noch Diskussionen auf dem Niveau vom Kleinkrämerei. Kritiker wie Arnulf Baring oder Hans-Olaf Henkel erinnern immer wieder daran, daß es speziell mit dem von den Deutschen gepflegten Minderwertigkeitskomplex kein Entkommen aus der deutschen Krise beziehungsweise aus der europäischen Leisetreterei geben wird. Scholl-Latour: Na ja, man muß ja nicht gleich ins deutschnationale Fahrwasser umschlagen. Also was tun? Scholl-Latour: Auf Europa setzen. Auf welches, Joschka Fischer träumt bekanntlich vom europäischen Bundesstaat, de Gaulle setzte auf ein Europa der Vaterländer? Scholl-Latour: Der Begriff „Vaterländer“ stammt von Michel Debré, de Gaulle hat vom „Europa der Staaten“ gesprochen. Also weiter auf Politiker wie Schröder und Chirac setzen? Warum sollten die je ihre Politik der Mittelmäßigkeit ändern? Scholl-Latour: Es muß eben offensichtlich einmal der Zwang der großen Krise kommen. Große Veränderungen sind immer nur durch große Krisen herbeigeführt worden. Das heißt, auf die Geschichte warten, statt Europa selbst zu gestalten? Scholl-Latour: Machen Sie sich keine Sorgen, diese Krisen kommen schneller, als Ihnen lieb ist. Prof. Dr. Peter Scholl-Latour schrieb zuletzt in JF 18/04 den Beitrag „Wir sind doch keine Idioten“. Geboren wurde er 1924 in Bochum. Als Fallschirmjäger diente er unter deutscher, dann unter französischer Flagge. Seit 1950 ist er als Journalist tätig. Von 1960 bis 1963 war er Afrikakorrespondent der ARD, danach Leiter des Pariser Studios. 1969 wurde er Direktor beim WDR, wechselte aber 1971 als Chefkorrespondent zum ZDF, ab 1975 leitete er auch hier das Paris-Studio. 1983 bis 1988 war er Herausgeber des Stern, zeitweilig dessen Chefredakteur, und Vorstand bei Gruner & Jahr. Sein Buch „Der Tod im Reisfeld“ (dtv, 1979) wurde zum erfolgreichsten deutschen Sachbuch nach 1945. Zuletzt erschienen die Titel „Kampf dem Terror – Kampf dem Islam?“ (Propyläen, 2002) und „Weltmacht im Treibsand. Bush gegen die Ayatollahs“ (Propyläen, 2004). weitere Interview-Partner der JF

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