Fehlinterpretationen der Ringparabel

Die jüngsten Auseinandersetzungen um das Verhalten der Kirchen in einer pluralistisch-multikulturellen Gesellschaft lassen nicht nur ein grobes Mißverständnis für das Wesen jeglicher Religion – also nicht nur des Christentums – erkennen, sondern auch immer deutlicher die Konturen einer bereits von Rousseau 1772 konzipierten synkretistischen Zivilreligion, einem Mixtum aus Bruchstücken des Christentums, des Judentums und des Islam.

Nun läßt sich das Wesentliche einer Sache oder einer Idee nicht aus der Darstellung der Gemeinsamkeiten mit anderen erkennen (so wichtig diese sein mögen!), sondern aus der Beachtung der qualitativen Unterschiede. Es kommt entscheidend darauf an, sofern man nicht auf Täuschung abzielt, „die Ähnlichkeiten der Dinge und ihre Unähnlichkeiten genau auseinanderzuhalten“ (Platon).

Die Fähigkeit der Geisterscheidung (Diakrisis) und die Beachtung klar definierter Dogmen gehört deshalb seit Jahrhunderten zu den vornehmsten Aufgaben jeder Religion und Ideologie. Damit ist nichts gegen Dialog, Toleranz oder Integrationsbemühungen gesagt. Im Gegenteil! Sie setzen feste Grenzen der Orientierung und weisen Grenzen auf, die man aus Toleranz und Respekt nicht überschreitet.

Dazu gehört auch die sorgfältige Beachtung der literarischen Quellen. Es mehren sich Fälle offenkundiger Umdeutungen und Fehlinterpretationen, mit denen die Hohen Priester und Schriftgelehrten der Zivilreligionen ihren missionarischen Eifer begründen. Ein Musterbeispiel von vielen anderen bietet die Argumentation von Lessings Ringparabel. Sie sagt allerdings das Gegenteil von dem aus, was man heute in sie hineindeutet. Es geht nicht um die Botschaft eines Ringes, sondern um die Kraft von drei Ringen, die untereinander in Konkurrenz stehen: „Es eifre jeder seiner unbestochenen, Von Vorurteilen freien Liebe nach! Es strebe von euch jeder um die Wette, Die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag; Zu legen! Komme dieser Kraft mit Sanftmut, Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun, Mit innigster Ergebenheit mit Gott zu Hülf! Und wenn sich dann der Steine Kräfte Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern, So lad ich über tausend tausend Jahre Sie wiederum vor diesen Stuhl.“

Die Eindeutigkeit der Ringparabel läßt nur wenig Spielraum für ideologische Zweckinterpretationen. Darauf sollte in Zukunft aus Respekt vor dem Urteilsvermögen einer noch immer großen Anzahl von Menschen geachtet werden.

Prof. Dr. Klaus Motschmann lehrte Politikwissenschaft an der Hochschule der Künste Berlin.

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