Desaströse Resultate

Nachdem der Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin Umfrageanalysen zum DDR-Bild bei deutschen Schülern in Ost und West veröffentlicht hatte, reagierten Medien und Politik mit erschrockener Entrüstung: Zum einen schockierte die sachliche Unkenntnis der Befragten, viel mehr jedoch deren aktuelle Wahrnehmung, die DDR wäre im Politischen weniger „Unrechtsstaat“ und Diktatur gewesen und hätte im sozialen Alltag und sogar im Wirtschaftlichen einiges aufgeboten, womit sie der Westrepublik attraktive Alternativen entgegensetzte. Enttäuschend für die Analysten: Wenn etwa 70 Prozent der Neunt- bis Elftkläßler von den reinen Wissensfragen nur die Hälfte oder weniger richtig beantworten konnten, Politiker falsch zuordnen und nicht einmal wissen, wer wann die Berliner Mauer errichten ließ, so kann das noch einer mangelhaften Geschichtsdidaktik angelastet werden; wenn die ehemalige DDR aber sogar in soziologisch und kulturell veranschlagten Skalen passabel bis gut abschneidet, dann fürchten die Wissenschaftler und Politiker mit aufgescheuchter Betroffenheit um den Stand der politischen Bildung und diagnostizieren ein beängstigendes Defizit in der Akzeptanz der Demokratie der Bundesrepublik, zumal den Befragten größtenteils nicht klar ist, wo die Grenze zwischen gelobter Demokratie und geschmähter Diktatur überhaupt verläuft. Obwohl die Kenntnisse der nordrhein-westfälischen Schüler eben nicht signifikant besser ausfielen als jene ihrer ostdeutschen Altersgenossen, faßten die eilig gerufenen Sachverständigen, allen voran Ex-Stasiunterlagenverwalter Joachim Gauck, zielsicher die Schuldigen auf: Die älteren Lehrer im Osten wären mit der Wende „sehr großzügig übernommen, aber „zu lange selbst Diener der Diktatur“ gewesen, sparten also die Nachkriegsthematiken entweder feige aus oder flüchteten sich perfide in das Klischee vom „Arbeiterparadies“. Der Autor der Studie, Professor Klaus Schröder, verstärkt dieses Urteil gegenüber den „Altbeständen der Lehrer“ und schwadroniert zynisch: „Wenn ich die PDS wäre, würde ich darauf einen trinken.“ Defizite im Geschichtsbild der Heranwachsenden den angeblich so inkompetenten wie doktrinären Ostlehrern mit DDR-Vergangenheit anzulasten und so eine Art politischer Sabotage zu vermuten, das ist nicht nur Unfug, sondern offenbart das Widerstreben, tiefgründigere Rückschlüsse und Konsequenzen zu ziehen. Oberlehrerhaft vergnatzt gegenüber der Jugend reagiert eher Professor Schröder auf die Ergebnisse der eigenen Untersuchung: „Viele mögen es bequem. Sie wollen gute Jobs und Wohlstand, aber bitte alles serviert. Richtig anstrengen wollen sie sich dafür nicht.“ Sowohl die den Schülern gestellten Fragen als auch deren hilflose Antworten und noch mehr die hektische Analyse sind notwendig politisch intendiert. Wer politisch akzentuiert fragt, erhält politisch motivierte Antworten, und die sind weniger von Wissen und Kenntnissen lexikographischer Art bestimmt als von subjektiven Vorstellungen. Wer heute als Jugendlicher die DDR bewertet, beurteilt einen geschichtlich untergegangenen Staat, dessen Charakterisierung aus aktuellen Lebenserfahrungen heraus erfolgt. Unwissenheit in Fakten und Zusammenhängen wird ersetzt durch assoziatives, übertragendes und emotionales Urteilen; Fiktion und Projizierung überlagern Unkenntnis und bestimmen ein allzu vages Geschichtsbild. Die Schüler verklären weniger die ihnen unbekannte DDR; ihre fragmentarische Vorstellung davon offenbart vielmehr Prioritäten, die von ihren Gegenwartswünschen künden. Sicherlich: Die durch die FU nachgefragte zeitgeschichtliche Bildung ist ebenso defizitär wie die politische oder die allgemeine. Gründe dafür sind aber beschreibbar, sie liegen im Bildungssystem, in den Rahmenplänen und innerschulischen Bedingungen. Umfragen zum Kalten Krieg, zum Palästinakonflikt oder zum Verhältnis des Westens gegenüber der islamischen Welt ergäben mit Sicherheit ebenfalls desaströse Resultate; nur träfen diese nicht so empfindlich den Nerv einer selbstgerechten Politik, die an den eigenen nationalen Lebenslügen laboriert und Verantwortliche dort sucht, wo sie selbst ihre Verantwortung aufgegeben hat. Weisen die befragten Schüler der DDR-Vergangenheit also bestimmte Stärken im Sozialen, im Alltag und in der Schul- und Bildungspolitik zu, ja würden sie fatalerweise für ihre sozialen Sicherheitswünsche sogar Grundrechte opfern, so bestimmt dabei Gegenwartserfahrung den Blick. Wenngleich der Geschichtsunterricht hüben wie drüben aus seinen ärgerlichen systemischen Schwächen heraus gravierende Bildungslücken hinterläßt, so verfügen die Jugendlichen doch über problematische Eindrücke; und diese sind immer mehr bestimmt von Ängsten, von Kinderarmut, mithin vom Gefühl, deklassiert zu sein, von Hartz-IV-Elternhäusern und von einer sozialen Selektion, die politische Teilhabe und damit ein kritisches, urteilssicheres Bewußtsein sowie hoffnungsvolles Engagement ebenso erschweren wie die eigene politische und historische Ortung. Heino Bosselmann ist Lehrer an einem Internatsgymnasium. In der JUNGEN FREIHEIT schrieb er und anderem zum Thema „Das Mißverständnis von Elite“ (JF 18/06).

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