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Eine heftige Truppe

Im Unterschied zu seinem Vorgänger Rudolf Scharping ist Peter Struck ein erfahrener und mit allen Wassern gewaschener Politiker. Dem Verteidigungsminister ist längst klar, daß die Vorfälle in einer Bundeswehrkaserne im westfälischen Coesfeld keinen Einzelfall in seiner derzeit noch knapp 280.000 Mann starken Bundeswehr darstellen. Fast jeden Tag kommt ein neuer Fall hoch, erst Ahlen, dann Kempten, dann Nienburg und schließlich Stuttgart. Wehrpflichtige sollen von Ausbildern traktiert worden sein. Struck stellte klar: „Es wird rücksichtslos aufgeklärt.“ Die rücksichtslose Aufklärung, die der Verteidigungsminister verspricht, dürfte wenig helfen. Es geht längst um andere Dinge. Die Zeit bleibt bekanntlich nicht stehen, und so war es auch nur eine Frage der Zeit, bis die Idylle der Wehrpflichtarmee, in der junge Leute nicht geschliffen, sondern streng nach Recht und Vorschrift behandelt werden, fällt, wie vor 15 Jahren die Berliner Mauer gefallen ist. Daß die Bundesrepublik von heute ein anderer Staat als die Bundesrepublik bis 1989 geworden ist, dürfte inzwischen allen gedämmert haben. Daß diese Veränderungen auch vor der Bundeswehr nicht haltmachen würden, fällt der Öffentlichkeit aber erst im Jahre 2004 auf. Es gibt Lehrsätze, die die Zeiten überdauern. Dazu gehört der Satz, daß eine Armee kein Mädchenpensionat ist. In einer Truppe herrschen eigene Gesetze. Die Bundeswehr, so wie sie sich heute präsentiert, ist keine Armee für territoriale Verteidigung mehr. Dieser Auftrag ist mit dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes weggefallen. Schon Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU) erkannte recht gut, daß Deutschland nur noch von Freunden umzingelt sei. Und sein späterer Nachfolger Struck gab – aus seiner Sicht jedenfalls folgerichtig – die Devise aus, die Bundesrepublik sei am Hindukusch zu verteidigen. Die Veränderungen begannen, seitdem die Bundeswehr in Auslandseinsätze geschickt wurde. Die Sanitäter, die noch zu Rühes Zeiten nach Kambodscha entsandt wurden, waren der Anfang. Es folgte der Einsatz in Somalia und schließlich eine Inflation der Auslandsverwendungen für die Truppe: Kosovo, Bosnien-Herzegowina und Afghanistan, wo die Deutschen inzwischen in drei Regionen präsent sind. Scharping und Struck entsandten Soldaten, die als Staatsbürger in Uniform nach den Grundsätzen der Inneren Führung ausgebildet worden waren – in der deutschen Kunstwelt, wie ein Militärexperte zu sagen pflegt. Zurück kamen andere Männer: Sie hatten das Elend der Welt gesehen, die Folgen des Krieges zu spüren bekommen und nicht nur einmal erlebt, was Todesangst bedeutet. Bei Kontingentwechseln von erst vier und später sechs Monaten dürfte fast die gesamte Bundeswehr mit Ausnahme der Stubenhocker auf der Bonner Hardthöhe die verschiedensten Auslandseinsätze durchlaufen haben. Struck läßt jetzt untersuchen, ob die Truppe durch die Vielzahl der Einsätze verroht ist. Die Untersuchung könnte sich der Minister sparen. Die Truppe ist nicht verroht, sondern eine große Zahl der Offiziere und Unteroffiziere, die aus dem Ausland zurückkommen, will ihre Erfahrungen an die nächste Generation weitergeben. Daher wird die Ausbildung härter. Geübt werden Dinge, die nach den Vorschriften gar nicht geübt werden dürfen. So werden Wehrpflichtige, wie in Coesfeld geschehen, in Geiselhaft-Übungen getrieben, die sie – wenn sie sich nicht verpflichten – nie in der Praxis erleben dürften. Diese Ausbilder sind weit über das Ziel hinausgeschossen. Dennoch dürfen die Fesselspiele in Uniform, das Versetzen von Stromschlägen mit der Niedrigspannung aus Feldtelefonen oder das Einsperren im Keller keinesfalls als Folter bezeichnet werden. Dazu gehört – siehe Abu Ghraib – schon noch ein bißchen mehr. Daß die deutsche Gesellschaft und die veröffentlichte Meinung sich empören, ist nur zu bezeichnend. Man will dem Tod, dem ständigen Begleiter des Menschen, nicht mehr ins Auge sehen. Die Soldaten im Einsatz haben den Tod oft genug gesehen: Minenopfer oder Opfer von Anschlägen. Oft genug kamen auch eigene Kameraden zu Tode, wenn auch bisher nicht im offenen Gefecht. Wenn sich Struck jetzt fragt, warum es keine oder nur späte Beschwerden über die Nicht-Einhaltung von Vorschriften gegeben hat, dann hat er auch eine weitere Entwicklung in der Armee verschlafen. Längst gehören Mannschaften und Unteroffiziere aus bürgerlichen Schichten der Vergangenheit an. Den bürgerlichen Offizier mag es in der Bundeswehr noch geben, aber auch diese Klasse sieht sich vor Veränderungen. Die Wehrpflichtarmee, zu der jeder mußte und der man sich nur unter Schwierigkeiten entziehen konnte, ist ebenfalls Vergangenheit. Die meisten Abiturienten von heute verweigern den Dienst. Was der Bundeswehr noch bleibt, sind oft Unterprivilegierte oder Militär-Junkies. Beide Gruppen werden sich nicht beschweren, wenn ein Ausbilder über die Strenge schlägt. Die einen haben Angst, bei der nächsten Beförderungswelle nicht berücksichtigt zu werden, und den anderen ist es nie hart genug. Politiker, die vor diesem Hintergrund noch von einer Parlamentsarmee reden, haben die Zeichen der Zeit wirklich nicht mehr verstanden.

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